Alejandro Monteverde

Die Gesandte des Papstes

Francesca Cabrini (Cristiana Dell’Anna) ist bereit zu kämpfen. Foto: © 2024 Angel Studios
(Kinostart: 11.9.) Von der Immigrantin zur Fürsorge-Magnatin: Eine italienische Ordensschwester gründete um 1900 in den USA etliche Sozial-Einrichtungen – dafür wurde sie heiliggesprochen. Ihr Wirken schildert das Biopic von Regisseur Alejandro Monteverde: konventionell, aber interessant und flüssig erzählt.

Massenhafte Armuts-Emigration aus der Alten Welt: Ende des 19 Jahrhunderts kamen alljährlich Hunderttausende aus den ärmsten Gegenden Europas per Schiff in New York an – mit dem festen Willen, es zu Wohlstand zu bringen. Die meisten von ihnen erwartete aber neues Elend: Die US-Gesellschaft, die sich aus den Aufsteigern der ersten Einwanderer-Generationen formiert hatte, sah auf Neuankömmlinge verächtlich herab.

 

Info

 

Die Gesandte des Papstes

 

Regie: Alejandro Monteverde,

142 Min., USA 2024;

mit: Cristiana Dell’Anna, John Lithgow, David Morse, Giancarlo Giannini

 

Weitere Informationen zum Film

 

Das zeigen eindrücklich die ersten Szenen: Ein kleiner Junge zieht atemlos eine Karre hinter sich her. Auf ihr liegt seine todkranke Mutter, der im nächsten Krankenhaus die Behandlung verweigert wird – alles Betteln und Flehen des Jungen nützt nichts. Die Mutter stirbt; der Junge wird zum Straßenkind. Doch nicht er ist Hauptperson des Films, sondern eine andere Frau: Francesca Saverio Cabrini (1850-1917), die 1880 den Orden der „Missionsschwestern vom Heiligsten Herzen“ gegründet hatte.

 

Sozial-Netzwerk bis nach China

 

Um 1890 wird sie vom Papst gemeinsam mit anderen Nonnen nach New York geschickt, um sich im berüchtigten Armenviertel „Five Points“ um verwahrloste italienische Kinder zu kümmern. Was ihr sehr erfolgreich gelingt: Von New York aus hat Schwester Cabrini in wenigen Jahren ein weitgespanntes Netzwerk von insgesamt 67 Waisen- und Krankenhäusern, Schulen und anderen sozialen Einrichtungen aufgebaut, das bis nach China reichte.

Offizieller Filmtrailer


 

Monteverde drehte „Sound of Freedom“

 

Produziert wurde das Werk von den christlich ausgerichteten „Angel Studios“, die vorwiegend religiöse Stoffe verfilmen. Es betraute mit der Regie Alejandro Monteverde, dessen Film „Sound of Freedom“ (2022) über den Kampf gegen Menschenhändler umstritten war, weil einigen Beteiligten eine Nähe zu QAnon-Verschwörungstheorien nachgesagt wurde. Sein neues Biopic dürfte dagegen wegen seines Sujets und der opulent-konventionellen Machart kaum Kontroversen auslösen.

 

Zudem liegt es im Trend der letzten Jahre, durchsetzungsstarke historische Frauengestalten zu porträtieren, die auf der Leinwand eine gute Figur machen, seien es die Reformpädagogin „Maria Montessori“ oder die Champagnerkönigin „Witwe Cliquot“ (beide 2024). Auch in „Die Gesandte des Papstes“ geht es um eine Frau, die einer patriarchalen Gesellschaft erfolgreich Paroli bietet.

 

Am unteren Ende der Hackordnung

 

In New York werden die neu angekommenen Ordensschwestern um Cabrini (Cristiana Dell’Anna) nicht nur mit der üblichen Misogynie betrachtet. Als Italienerinnen zählen sie außerdem zu einer unerwünschten Einwanderer-Gruppe, deren katastrophale Lebensbedingungen mit brutaler Drastik geschildert werden. Deren unverbrämte Darstellung könnte mit der Herkunft von Regisseur Monteverde zu tun haben: Er kam selbst als Teenager aus Mexiko in die USA und dürfte rassistisch angefeindet worden sein.

 

Auch die städtischen Honoratioren der Epoche werden ausnehmend unsympatisch gezeichnet: etwa Bürgermeister Gould (John Lithgow) als bulliger, raffgieriger Taktierer oder der irischstämmige Erzbischof Corrigan (David Morse) als machtbesessener Intrigant. Wer will, mag bei solcher Illustration der damaligen Lebensumstände an aktuelle Zustände in den USA denken.

 

Ikonisierung + Score als Schwachstellen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Maria Montessori" – informatives Biopic über das Leben der Reformpädagogin von Léa Todorov

 

und hier eine Besprechung des Films "Die Bologna Entführung – Geraubt im Namen des Papstes" – authentischen Fall von legaler Kindesentführung durch die Kirche von Marco Bellocchio

 

und hier einen Beitrag über den Film "Maria Magdalena" – Filmporträt über die Gefährtin Jesu von Garth Davis mit Rooney Mara + Joaquin Phoenix

 

und hier einen Beitrag über den Film "Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht" – brillanter Historienfilm über Deutschland als Auswanderer-Armenhaus um 1850 von Edgar Reitz.

 

Dagegen treten Cabrinis Mitstreiterinnen, zu denen auch eine Ex-Prostituierte zählt, sehr standhaft auf – wobei sich die chronologisch erzählte Geschichte auf die ersten Jahre ihres Wirkens in New York konzentriert. Leider ist die Hauptfigur selbst wenig differenziert geraten. Eloquent und klug gelingt es ihr unentwegt, für ihre Schützlinge bessere Lebensbedingungen zu schaffen. Wobei ihre Methoden – seien es clevere Immobilien-Tauschgeschäfte oder Solidaritäts-fundraising bei anderen unterprivilegierten Einwanderergruppen wie Juden und Polen – eher summarisch angedeutet werden.

 

Dabei leidet Cabrini unter einer fragilen Konstitution, was die Verve bei ihren Unternehmungen erklären soll. Im Übrigen entwickelt sich ihre Figur kaum; stattdessen wird sie optisch ikonisiert, indem sie auffällig oft in Tür- oder Fensterrahmen platziert wird. Diese visuelle Idealisierung und die süßlich orchestrale Musikuntermalung sind die Schwachstellen des Films. Ansonsten ist er durchaus interessant und flüssig erzählt, wobei er sich an historische Tatsachen hält und auf religiöse Überhöhung verzichtet; auch die damaligen klerikalen Würdenträger erscheinen wenig schmeichelhaft.

 

Humanistische Pragmatikerin

 

Im Mittelpunkt steht jederzeit Schwester Cabrini. Trotz ihres tiefen Glaubens dachte und handelte sie eher pragmatisch und humanistisch; wegen ihrer Verdienste wurde sie 1946 als erste US-Amerikanerin heiliggesprochen. Der Film bietet die Gelegenheit, eine der maßgeblichen Wohlfahrts-Unternehmerinnen kennenzulernen, der Wirken meist wenig bekannt ist, obwohl die von ihnen geschaffenen Einrichtungen das Leben vieler Menschen prägen.