Nahuel Pérez Biscayart

Kill the Jockey

Remo Manfredini (Nahuel Pérez Biscayart) sucht Schutz bei seiner Freundin Abril (Úrsula Corberó). Foto: © Rei Pictures
(Kinostart: 18.9.) Mal so richtig die Frau raus lassen: Ein Jockey verliert sein Gedächtnis, entkommt seinem Vorleben und erfindet sich neu. Wer sich auf Luis Ortegas erratische Episodenhandlung einlässt, wird mit einem wilden Cocktail aus Krimi, queerer Komödie und magischem Realismus belohnt.

Die einen schwitzen in der Sauna, um zu entspannen, die anderen dehnen und strecken sich. Es wird nicht viel geredet in der Umkleidekabine der Jockeys. Vor dem Rennen heißt es: Ruhe bewahren, denn das Pferd spürt jede Nervosität. Ein falscher Impuls kann den Gewinn kosten – und verlieren will hier niemand.

 

Info

 

Kill the Jockey

 

Regie: Luis Ortega, 

96 Min., Argentinien/ Mexiko/ Spanien 2024;

mit: Nahuel Pérez Biscayart, Úrsula Corberó, Daniel Giménez Cacho

 

Weitere Informationen zum Film

 

Nur Remo Manfredini (Nahuel Pérez Biscayart) hat den Traum vom Siegen längst aufgegeben. Unter seinem Pseudonym Dolores war der schmächtige Reiter einst ein Champion; jetzt schafft er es mit seinem Pferd kaum aus der Startbox heraus. Lethargisch und unmotiviert hält er sich mit Whiskey, Betäubungsmitteln und Zigaretten auf den Beinen – sehr zum Missfallen seines Chefs Sirena (Daniel Gimenez Cacho).

 

Ein Jockey im Formtief

 

Der Rennstallbesitzer hat Verbindungen zur Mafia, mit seinen Handlangern ist also nicht zu spaßen. Sirena ist wütend über Remos enttäuschende Leistungen. Demnächst steht ein wichtiges Rennen an, für das der zwielichtige Geschäftsmann sogar ein teures Pferd aus Japan eingekauft hat, das ihn einen siebenstelligen Betrag kostete. Dafür braucht er seinen besten Mann wieder in Topform.

Offizieller Filmtrailer


 

Auf der Suche nach Erlösung

 

Der aber ist weit davon entfernt. Selbst Remos Freundin und Jockey-Kollegin Abril (Úrsula Corberó) kommt kaum noch an ihn heran, obwohl sie ihn liebt und ein Kind von ihm erwartet. Ihre Beziehung ist innig, aber überschattet von der Lebenskrise, in die ihr Partner immer tiefer zu rutschen scheint.

 

Regisseur Luis Ortega selbst beschreibt seinen Film „Kill the Jockey“ als eine Suche nach Erlösung: „Der Konflikt zwischen der inneren und der äußeren Welt ist das Schlachtfeld, auf dem der Film spielt. Je intensiver die innere Verzweiflung an der Figur nagt, desto härter trifft ihn die Wirklichkeit immer wieder wie ein Schlag.“

 

Aus Remo wird Dolores

 

Aber der argentinische Regisseur gönnt seinem Helden einen Ausweg aus dieser Welt der Pferdewetten und krummen Deals. In dem Augenblick, in dem sich Remo auf der Rennbahn wieder in die Spitzenposition vorgekämpft hat, lenkt er sein Pferd aus der Bahn – und landet mit einer schweren Kopfverletzung im Krankenhaus. Als er wieder aufwacht, kann er sich an nichts erinnern.   

 

Kaum wieder bei Bewusstsein, bricht er aus der Klinik aus und begibt sich auf eine Odyssee durch Buenos Aires. Sein Jockey-Trikot tauscht er gegen einen Damen-Pelzmantel; aus Remo wird wieder Dolores. Mit einem Turban aus weißen Bandagen gleicht sein Kopf freilich einem übergroßen Frühstücksei, wovon er mit reichlich Schminke im Gesicht abzulenken versucht.

 

Liebevoll gezeichnete Hauptfigur

 

Biscayart, der 2017 im Aids-Drama „120 BPM“ von Regisseur Robin Campillo mit einer eindringlichen Darstellung imponierte und 2020 in „Persischstunden“ von Vadim Perelman einen KZ-Insassen spielte, stellt hier abermals seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Mühelos schlüpft er in die verschiedenen Identitäten seiner Figur. Zu Beginn des Films wirkt er wie betäubt von Alkohol und Drogen; sein ausdrucksloses Gesicht versteckt er meist hinter einer dunklen Sonnenbrille.

 

Dolores dagegen ist ein Hingucker: elegant, mysteriös, albern und absurd zugleich. Der unglückliche Versager, der Leuten Geld schuldet, denen er sein Leben verdankt, hat sich in eine herrlich groteske, liebevoll und menschlich gezeichnete Hauptfigur verwandelt. Der Reitsport-Unfall und seine Amnesie geben Remo die Möglichkeit, sich neu zu erfinden – eine Chance, die er wiederholt ergreift.

 

Klassischer Krimi + magischer Realismus

 

„Kill the Jockey“ ist Ortegas fünfter Spielfilm; 2018 wurde der Vorgänger „El Angel“ vielfach ausgezeichnet. Diesmal scheint er seine Ambitionen noch höher geschraubt zu haben – und sein Plan geht größtenteils auf. Die Geschichte ist gewagt, geheimnisvoll, grüblerisch und wird von Ortega zwar nicht immer glücklich, aber mit viel Verve und Selbstbewusstsein umgesetzt.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "El Clan" – effektvoller Thriller über einen mörderischen Familien-Clan in Argentinien von Pablo Trapero

 

und hier eine Besprechung des Films "Wild Tales – Jeder dreht mal durch!" – brillanter schwarzhumoriger Episodenfilm aus Argentinien von Damián Szifrón

 

und hier einen Beitrag über den Film "Persischstunden" – fiktives KZ-Drama von Vadim Perelman mit Nahuel Pérez Biscayart.

 

Tiefgründige Dialoge und humorvolle Slapstick-Einlagen halten sich die Waage, etwa wenn Remo aus dem Stehgreif einen Salto schlägt. Klassische Krimigenre-Elemente – Gangster, Killer und Geldsorgen – wechseln mit surrealen Fantasieblitzen und einem Hauch von magischem Realismus ab.

 

Launischer Held, sprunghafte Handlung

 

Nicht alles passt zusammen; so kommt es, trotz der vergleichsweise kurzen Laufzeit, mitunter zu Längen. Aber kaum droht die Kraft der Bilder nachzulassen, gibt Ortega der Geschichte mit einem eklektischen Soundtrack voller Elektrobeats und spanischem Retro-Pop einen neuen Kick.

 

Das Launische und Sprunghafte von Biscayarts gebrochenem Helden überträgt sich umstandslos auf die erratische Dynamik des Films. Der ist speziell, aber auch sehr originell: Wenn man sich auf die episodenartigen Szenen, seltsamen Tanzeinlagen und verschrobenen Charaktere einlässt, kann man „Kill the Jockey“ viel abgewinnen.