Edgar Reitz

Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes

Der Unviersalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (Edgar Selge) soll von einer Künstlerin (Aenne Schwarz) porträtiert werden. Foto: © Ella Knorz
(Kinostart: 18.9.) Porträt des Universalgelehrten als Künstler-Modell: 1704 ließ sich Leibniz für Preußens Königin in Öl malen. Das malt Regisseur Edgar Reitz als Kammerspiel mit einem brillanten Edgar Selge in der Titelrolle aus – ein intellektuelles Vergnügen, so altmodisch wie formvollendet.

Im Jahr 1704 bittet die preußische Königin Sophie Charlotte (Antonia Bill) ihre Mutter Charlotte (Barbara Sukowa) in einem Brief um ein Geschenk. Sie wünscht sich ein Porträt ihres alten Hauslehrers, der nun am Hof ihrer kurfürstlichen Mutter in Hannover weilt: Leibniz (Edgar Selge). Sie vermisse ihre gemeinsamen philosophischen Gespräche, schreibt Sophie Charlotte unter Tränen, und ein Bild von ihm an ihrer Wand würde sie inspirieren und aufheitern.

 

Info

 

Leibniz –
Chronik eines verschollenen Bildes

 

Regie: Edgar Reitz, 

104 Min., Deutschland 2025;

mit: Edgar Selge, Lars Eidinger, Barbara Sukowa, Aenne Schwarz 

 

Weitere Informationen zum Film

 

Die Geschichte ist wahr, der Inhalt des Briefs ist erhalten, das Porträt jedoch nicht. Sophie starb, bevor es fertig gestellt wurde. Diese historische Lücke nimmt der Filmemacher Edgar Reitz zum Anlass, sich die Entstehung des verschollenen Gemäldes bunt auszumalen. Seit vielen Jahren wollte er Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) auf die Leinwand bringen, doch mehrere Anläufe zu einem episch angelegten Biopic scheiterten an der Finanzierung.

 

Kammerspiel eines 92-Jährigen

 

Aber Reitz hat einen langen Atem: Für seine monumentale „Heimat“-Trilogie mit einer Gesamtlaufzeit von 52 Stunden über die Bewohner eines Dorfes im Hunsrück nahm er sich 22 Jahre Zeit. Nun hat der mittlerweile 92-jährige Filmemacher mit seinem Ko-Regisseur Anatol Schuster doch noch eine filmische Hommage an G.W. Leibniz gedreht – als Kammerspiel, das fast ausschließlich in einem Raum spielt.

Offizieller Filmtrailer


 

Erfinder von U-Boot + binärem Code

 

Wer war Leibniz eigentlich? Viele Plätze, Straßen und Universitäten tragen seinen Namen, doch im Gegensatz zu anderen Geistesgrößen ist es nicht leicht, in wenigen Worten zu sagen, wofür genau er steht – weil er so vielseitig war. Leibniz war nicht nur einer der größten Köpfe des Barock-Zeitalters, sondern gilt auch als letzter großer Universalgelehrte, eine Art deutscher Leonardo Da Vinci. Er war Mathematiker, Philosoph, Historiker und Vorreiter der Aufklärung in Europa.

 

In Reitz‘ Film wird en passant aufgezählt, welche Erfindungen er entwickelte oder skizzierte, während er an den Höfen Europas lehrte, forschte, korrespondierte und Universitäten gründete: darunter ein Unterseeboot, die Luftmatratze, den Klappstuhl, die Feuerversicherung, den binären Code und den Taschenrechner – sogar eine Art UNO. Kein Wunder, dass der Mann kaum stillhalten kann, als der von Charlotte engagierte Porträtmaler Delalandre (Lars Eidinger) ihn zur Sitzung bittet.

 

Bei zweiter Maler-Wahl stimmt die Chemie

 

Im Nu entspinnt sich zwischen beiden ein sokratischer Dialog über die Vergänglichkeit und die Kunst, was den Maler völlig aus dem Konzept bringt. Normalerweise macht er sich Adlige mit Schmeicheleien gefügig, derweil er ihr Konterfei in vorgefertigte Hintergründe samt Kleidung und Perücke einfügt. Doch der widerspenstige Denker treibt ihn mit seinen geistreichen Betrachtungen zur Weißglut; so wirft der Maler bald den Pinsel hin und reist samt vierköpfiger Entourage wieder ab.

 

Charlottes zweite Wahl trifft schon eher Leibniz‘ Geschmack: Um ihr Handwerk in den Niederlanden erlernen zu können, musste sich die Malerin Aaltje van der Meer (Aenne Schwarz) als junger Mann ausgegeben. Am Hof von Hannover kann sie ganz sie selbst sein und gerät rasch in den Bann ihres genialen Modells – während sich Leibniz mit ihr über das Wesen der Kunst austauscht.

 

Ausklappbarer Notizblock im Ärmel

 

Fortan schwelgt die Kamera im einfallenden Licht und setzt die Techniken der niederländischen Barockmalerei in Filmbilder um, stets begleitet von der Debatte zwischen Aaltje, Leibniz und dessen Sekretär Cantor (Michael Kranz). Der hat einen ausklappbaren Notizblock im Ärmel, um jeden Gedanken seines Chefs schriftlich festzuhalten, bevor er in umfangreiche Zettelkästen einsortiert wird.

 

Das ist eben so amüsant wie authentisch: Leibniz war auch ein Wegbereiter moderner Ordnungs- und Dateisysteme, und damit ebenso ein direkter Vorläufer von Alan Turings Entwicklung der Dechiffrier- und Rechenmaschinen – sie führten zur heutigen Digitaltechnik in Computern und Smartphones. Ein Nachbau von Leibniz‘ mechanischem Kalkulator hat ebenso einen Kurzauftritt im Film.

 

Film-Porträt eines Porträtierten

 

In dessen Mittelpunkt stehen aber nicht seine Innovationen, sondern das intellektuelle Vergnügen, das durch die Doppelrolle des Porträts hervorgerufen wird: Reitz und Schuster porträtieren einen Menschen, der die Entstehung seines Porträts kommentiert. Damit weitet sich das Kunst-Kabinett zum geistigen Spielfeld des Universalgelehrten, der alles mit allem in Verbindung bringt, und Malerin wie Filmemacher spielen begeistert mit.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "800 mal einsam – Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz" – Porträt des Autorenfilm-Regisseurs von Hanna Hepp

 

und hier eine Besprechung des Films "Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht"brillanter Historienfilm über Deutschland als Auswanderer-Armenhaus um 1850 von Edgar Reitz

 

hier einen Artikel zur Ausstellung "Von mehr als einer Welt - Die Künste der Aufklärung" über die Bilder-Produktion im 18. Jahrhundert im Kulturforum, Berlin

 

und hier einen Bericht über den Film "The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben" – Biopic über das Informatik-Genie Alan Turing im Zweiten Weltkrieg von Morten Tyldum.

 

und hier einen Beitrag über den Film "Hans Blumenberg – Der unsichtbare Philosoph" – Biopic über einen der wichtigsten Denker der alten Bundesrepublik von Christoph Rüter.

 

Es gibt einige Filme, die Barockmalerei und Ideen der Aufklärung zu hinreißenden Vexierspielen zwischen Gegenwart und Vergangenheit verarbeitet haben; von Peter Greenaways „Der Kontrakt des Zeichners“ (1982) bis zu Céline Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ (2019). Auf eine typisch deutsche Art kann sich der Film durchaus auf diesem Feld behaupten.

 

Feudalismus vs. Aufklärung

 

Doch im Gegensatz zu den genannten Vorläufern entwickelt Regisseur Reitz dafür kein Drama, keine Romanze oder Intrige. Zur knisternden Spannung zwischen Delalandre und Lebniz, in deren Verhalten feudale Reflexe und aufklärerische Ideen aufeinanderprallen, findet der Film in seiner zweiten Hälfte nicht mehr zurück. Denn nun sind sich alle Beteiligten im Wesentlichen einig; so stellt sich auf Dauer eine gewisse Ermüdung ein, die mit dem Dahinsiechen der unglücklichen Auftraggeberin einhergeht.

 

Dem zu folgen, bleibt dennoch ein Vergnügen, was erstens an der Kreativität von Kameramann Matthias Grunsky liegt, der der Konstellation immer neue Ansichten abgewinnt. Und zweitens an der Leistung von Edgar Selge, der in seiner Rolle bis in die letzte Hautfalte und Perückenlocke aufgeht. Für ihn ist Aenne Schwarz als Malerin eine glaubwürdige intellektuelle Sparrings-Partnerin, die aus dem Disput schöpferische Kraft zieht.

 

Altmodisch, aber formvollendet

 

Das Ende legt nahe, dass ihr ein Werk vom Range von Diego Velásquez‘ epochalem Gruppenporträt „Die Hoffräulein“ (1665) gelungen sei. Es geht aber auch eine Nummer kleiner. Reitz und Schuster ist ein etwas altmodisches, aber formvollendetes Film-Porträt eines alten weisen Mannes gelungen.