
Die Nazca-Linien – jene mysteriösen Bodenzeichnungen in der peruanischen Wüste, die seit 1994 zum Unesco-Weltkulturerbe zählen – sind vielen Menschen ein Begriff. Doch die Frau, die länger und beharrlicher als jeder andere sich ihrer Erforschung widmete, ist hierzulande kaum bekannt; obwohl sie aus Sachsen stammt. Maria Reiche (1903-1998) hat die so genannten Geoglyphen ein halbes Leben lang analysiert. Damit wollte sie die Bedeutung der großflächigen Muster und Figuren entschlüsseln, die wohl zwischen 800 v. Chr. und 600 n. Chr. in den Sand gescharrt worden sind. Sie blieb ihrer Mission treu, bis sie mit 95 Jahren in ihrer kleinen Hütte in der Pampa starb, in der sie mehr als 25 Jahre gehaust hatte.
Info
Maria Reiche –
Das Geheimnis der Nazca-Linien
Regie: Damien Dorsaz,
99 Min., Peru/ Deutschland/ Frankreich 2025;
mit: Devrim Lingnau, Guillaume Gallienne, Olivia Ross
Weitere Informationen zum Film
Eine Dresdnerin in Lima
Es beginnt Anfang der 1930er Jahre, als Reiche (Devrim Lingnau) sich bereits in Lateinamerika eine selbstständige Existenz aufgebaut hat. Die gebürtige Dresdenerin hatte in ihrer Heimatstadt Mathematik, Physik und Geografie studiert. Nach dem Staatsexamen wanderte sie nach Peru aus; dort arbeitete sie erst als Hauslehrerin beim deutschen Konsul in Cusco, dann als freie Sprach- und Gymnastiklehrerin in der Hauptstadt Lima.
Offizieller Filmtrailer
Faschismus in Europa, Soireen in Peru
Regisseur Dorsaz macht bald deutlich, was Reiche zur Emigration aus Deutschland bewogen hat. Der US-Amerikanerin Amy Meredith (Olivia Ross), mit der sie in Peru eine Beziehung eingeht, führt sie vor Augen, wie sich der Faschismus in Europa immer weiter ausbreitet. In Lima spürt man davon jedoch wenig.
Amy veranstaltet in ihrem Café regelmäßig Soireen für die Künstler und Intellektuellen in der Stadt. Maria liegt nicht viel daran; sie ist kein Typ für Smalltalk und Geselligkeit. Doch eines Abends trifft sie auf den französischen Archäologen Paul D’Harcourt (Guillaume Gallienne), der für ein groß angelegtes Forschungsprojekt im Südwesten Perus nach einer deutsch-französischen Übersetzerin sucht.
Entdeckungen in der Wüste
Maria willigt ein und reist mit ihm in die Wüste nahe der Kleinstadt Nazca. Als sie das Ausgrabungsgebiet erreichen, entdeckt Maria im Boden ein rätselhaftes Gebilde aus Linien, das sich über mehrere Kilometer hinzieht. Diese Scharrbilder im Sand wecken ihre wissenschaftliche Neugier und sprechen ihr Talent für Logik und geometrische Systeme an. Fortan arbeitet Reiche unermüdlich daran, die Geoglyphen zu konservieren und zu vermessen – vor allem die figurativen, stilisierte Umrisse von Tieren wie Affen, Spinnen und Kolibris wiedergeben, faszinieren sie.
Je länger sie sich mit den komplexen Konturen und Mustern beschäftigt, desto energischer setzt sie sich für deren Erhalt als historische Artefakte ein. Ihre akribische Tatkraft bei der Arbeit steht dabei im Kontrast zur Gelassenheit und Ruhe, die sie in der Einsamkeit der Natur verspürt – die sie umgebende Wüste zählt zu den trockensten Regionen der Erde. „Zum ersten Mal in meinem Leben scheine ich irgendwohin zu gehören“, bekennt sie Amy: „Lima gehört uns. Hier begegne ich mir selbst.“ Deshalb muss ihre Geliebte oft monatelang darauf warten, bis sie aus ihrem improvisierten Forschungs-Lager zurück in die Hauptstadt kommt.
Forscherin + Feministin
Dorsaz überträgt die Sensibilität, mit der die Protagonistin ihre Umgebung wahrnimmt, geschickt in die Machart seiner Inszenierung. Seine ruhige Bildsprache spiegelt die archaische Einfachheit und Kargheit der Schauplätze. Dabei hält die Kamera auf beeindruckende Weise sowohl Reiches Arbeitsethos als auch die atemberaubende Schönheit der Wüstenlandschaft mit ihren Geoglyphen fest.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Nasca: Im Zeichen der Götter – Archäologische Entdeckungen aus der Wüste Perus" – grandiose Themenschau in der Bundeskunsthalle, Bonn.
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Inka – Könige der Anden" – erstklassige Überblicksschau über das totalitäre präkolumbische Reich in Stuttgart + Rosenheim
und hier einen Beitrag über den Film "Bitter Gold" – brillanter Neo-Western über Goldschürfer in der chilenischen Atacama-Wüste von Juan Olea
und hier einen Bericht über den Film "The Last Movie (WA)" – faszinierend vielschichtiger Meta-Western von 1971 unter Aussteigern in Peru von und mit Dennis Hopper.
Warum Reiche irrte
Denn Regisseur Dorsaz begreift seinen Film als Hommage, die weder psychologisch noch historisch tief schürft. Mit einem Hang zur Idealisierung seiner Heldin – obwohl schon ihr Umgang mit ihrer Lebenspartnerin Amy erahnen lässt, dass Reiche offenbar eine Einzelgängerin war, die zuweilen recht rücksichtslos sein konnte. Doch das bleibt unausgesprochen; ähnlich wie der Konflikt mit ihrer Mutter, die ihrer Tochter zu Beginn des Films noch mahnende Briefe nach Lima schreibt. Auch die Strapazen ihrer asketischen Lebensweise am Rand der Wüste oder ihre Beziehung zu einheimischen Indigenen werden nur ansatzweise angetippt.
Schwerer wiegt, dass der Film unterschlägt, dass Reiche sich bei ihrer Deutung der Nazca-Linien irrte: Sie hielt die Scharrbilder für Bestandteile eines astronomischen Kalenders, mit dem ihre Schöpfer die Bewegungen der Himmelskörper nachgezeichnet hatten. Diese These gilt als überholt; heute hält man für wahrscheinlich, dass es sich um Lauf-Routen für Fruchtbarkeits-Rituale handelte, mit der die damaligen Bewohner Regen heraufbeschwören wollten – weil im fraglichen Zeitraum die Region immer stärker austrocknete.
Außergewöhnliches Leben, brav nacherzählt
So wirkt dieses Biopic zwar sorgsam, aber auch konventionell inszeniert; Dorsaz scheut Aufwand und Risiko, die Bedeutung des Sujets jenseits seiner Hauptfigur zu beleuchten. Weshalb diese Lebensgeschichte, so außergewöhnlich sie ist, zu brav und gefällig wirkt, um für Reiches Werdegang wirklich zu begeistern.
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