Damien Dorsaz

Maria Reiche – Das Geheimnis der Nazca-Linien

Ein kurzer Moment vertrauter Zweisamkeit: Amy (Olivia Ross) besucht Maria (Devrim Lingnau) in der Einöde. Foto: © Tobis Film, Daniela Talavera
(Kinostart: 25.9.) Spuren im Sand: Seinem eigenen Dokumentarfilm über die Geoglyphen-Forscherin Maria Reiche lässt Filmemacher Damien Dorsasz nun ein Biopic über sie folgen. Liebevoll und sensibel gezeichnet, mangelt es seiner Hommage jedoch an psychologischer Tiefe und historischer Präzision.

Die Nazca-Linien – jene mysteriösen Bodenzeichnungen in der peruanischen Wüste, die seit 1994 zum Unesco-Weltkulturerbe zählen – sind vielen Menschen ein Begriff. Doch die Frau, die länger und beharrlicher als jeder andere sich ihrer Erforschung widmete, ist hierzulande kaum bekannt; obwohl sie aus Sachsen stammt. Maria Reiche (1903-1998) hat die so genannten Geoglyphen ein halbes Leben lang analysiert. Damit wollte sie die Bedeutung der großflächigen Muster und Figuren entschlüsseln, die wohl zwischen 800 v. Chr. und 600 n. Chr. in den Sand gescharrt worden sind. Sie blieb ihrer Mission treu, bis sie mit 95 Jahren in ihrer kleinen Hütte in der Pampa starb, in der sie mehr als 25 Jahre gehaust hatte.

 

Info

 

Maria Reiche –
Das Geheimnis der Nazca-Linien

 

Regie: Damien Dorsaz,

99 Min., Peru/ Deutschland/ Frankreich 2025;

mit: Devrim Lingnau, Guillaume Gallienne, Olivia Ross

 

Weitere Informationen zum Film

 

Der Schweizer Schauspieler und Regisseur Damien Dorsaz, der damals in Peru lebte, hat Reiche kurz vor ihrem Tod noch selbst kennengelernt. Aus seiner Begeisterung für ihre Arbeit und Persönlichkeit entstand 2006 zunächst ein Dokumentarfilm. Nun hat er Reiches Lebensgeschichte als fiktionalisiertes Biopic verfilmt.   

 

Eine Dresdnerin in Lima

 

Es beginnt Anfang der 1930er Jahre, als Reiche (Devrim Lingnau) sich bereits in Lateinamerika eine selbstständige Existenz aufgebaut hat. Die gebürtige Dresdenerin hatte in ihrer Heimatstadt Mathematik, Physik und Geografie studiert. Nach dem Staatsexamen wanderte sie nach Peru aus; dort arbeitete sie erst als Hauslehrerin beim deutschen Konsul in Cusco, dann als freie Sprach- und Gymnastiklehrerin in der Hauptstadt Lima.

Offizieller Filmtrailer


 

Faschismus in Europa, Soireen in Peru

 

Regisseur Dorsaz macht bald deutlich, was Reiche zur Emigration aus Deutschland bewogen hat. Der US-Amerikanerin Amy Meredith (Olivia Ross), mit der sie in Peru eine Beziehung eingeht, führt sie vor Augen, wie sich der Faschismus in Europa immer weiter ausbreitet. In Lima spürt man davon jedoch wenig.

 

Amy veranstaltet in ihrem Café regelmäßig Soireen für die Künstler und Intellektuellen in der Stadt. Maria liegt nicht viel daran; sie ist kein Typ für Smalltalk und Geselligkeit. Doch eines Abends trifft sie auf den französischen Archäologen Paul D’Harcourt (Guillaume Gallienne), der für ein groß angelegtes Forschungsprojekt im Südwesten Perus nach einer deutsch-französischen Übersetzerin sucht.

 

Entdeckungen in der Wüste

 

Maria willigt ein und reist mit ihm in die Wüste nahe der Kleinstadt Nazca. Als sie das Ausgrabungsgebiet erreichen, entdeckt Maria im Boden ein rätselhaftes Gebilde aus Linien, das sich über mehrere Kilometer hinzieht. Diese Scharrbilder im Sand wecken ihre wissenschaftliche Neugier und sprechen ihr Talent für Logik und geometrische Systeme an. Fortan arbeitet Reiche unermüdlich daran, die Geoglyphen zu konservieren und zu vermessen – vor allem die figurativen, stilisierte Umrisse von Tieren wie Affen, Spinnen und Kolibris wiedergeben, faszinieren sie.

 

Je länger sie sich mit den komplexen Konturen und Mustern beschäftigt, desto energischer setzt sie sich für deren Erhalt als historische Artefakte ein. Ihre akribische Tatkraft bei der Arbeit steht dabei im Kontrast zur Gelassenheit und Ruhe, die sie in der Einsamkeit der Natur verspürt – die sie umgebende Wüste zählt zu den trockensten Regionen der Erde. „Zum ersten Mal in meinem Leben scheine ich irgendwohin zu gehören“, bekennt sie Amy: „Lima gehört uns. Hier begegne ich mir selbst.“ Deshalb muss ihre Geliebte oft monatelang darauf warten, bis sie aus ihrem improvisierten Forschungs-Lager zurück in die Hauptstadt kommt.

 

Forscherin + Feministin

 

Dorsaz überträgt die Sensibilität, mit der die Protagonistin ihre Umgebung wahrnimmt, geschickt in die Machart seiner Inszenierung. Seine ruhige Bildsprache spiegelt die archaische Einfachheit und Kargheit der Schauplätze. Dabei hält die Kamera auf beeindruckende Weise sowohl Reiches Arbeitsethos als auch die atemberaubende Schönheit der Wüstenlandschaft mit ihren Geoglyphen fest.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Nasca: Im Zeichen der Götter – Archäologische Entdeckungen aus der Wüste Perus" – grandiose Themenschau in der Bundeskunsthalle, Bonn.

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Inka – Könige der Anden" – erstklassige Überblicksschau über das totalitäre präkolumbische Reich in Stuttgart + Rosenheim

 

und hier einen Beitrag über den Film "Bitter Gold" – brillanter Neo-Western über Goldschürfer in der chilenischen Atacama-Wüste von Juan Olea

 

und hier einen Bericht über den Film "The Last Movie (WA)" – faszinierend vielschichtiger Meta-Western von 1971 unter Aussteigern in Peru von und mit Dennis Hopper.

 

Hauptdarstellerin Devrim Lingnau lässt die Leidenschaft ihrer Figur für die Nazca-Linien auf das Publikum überspringen. Dabei erscheint sie nicht nur als Forscherin, sondern auch als Feministin, die in der patriarchalisch geprägten Gesellschaft von Peru um ihre professionelle und private Unabhängigkeit ringt. 1973 feiert sie ihren größten Triumph: Das peruanische Parlament stellt die Nazca-Linien als nationales Kulturerbe unter Schutz – was der Film zeitlich sehr komprimiert anstückelt.

 

Warum Reiche irrte

 

Denn Regisseur Dorsaz begreift seinen Film als Hommage, die weder psychologisch noch historisch tief schürft. Mit einem Hang zur Idealisierung seiner Heldin – obwohl schon ihr Umgang mit ihrer Lebenspartnerin Amy erahnen lässt, dass Reiche offenbar eine Einzelgängerin war, die zuweilen recht rücksichtslos sein konnte. Doch das bleibt unausgesprochen; ähnlich wie der Konflikt mit ihrer Mutter, die ihrer Tochter zu Beginn des Films noch mahnende Briefe nach Lima schreibt. Auch die Strapazen ihrer asketischen Lebensweise am Rand der Wüste oder ihre Beziehung zu einheimischen Indigenen werden nur ansatzweise angetippt.

 

Schwerer wiegt, dass der Film unterschlägt, dass Reiche sich bei ihrer Deutung der Nazca-Linien irrte: Sie hielt die Scharrbilder für Bestandteile eines astronomischen Kalenders, mit dem ihre Schöpfer die Bewegungen der Himmelskörper nachgezeichnet hatten. Diese These gilt als überholt; heute hält man für wahrscheinlich, dass es sich um Lauf-Routen für Fruchtbarkeits-Rituale handelte, mit der die damaligen Bewohner Regen heraufbeschwören wollten – weil im fraglichen Zeitraum die Region immer stärker austrocknete.  

 

Außergewöhnliches Leben, brav nacherzählt

 

So wirkt dieses Biopic zwar sorgsam, aber auch konventionell inszeniert; Dorsaz scheut Aufwand und Risiko, die Bedeutung des Sujets jenseits seiner Hauptfigur zu beleuchten. Weshalb diese Lebensgeschichte, so außergewöhnlich sie ist, zu brav und gefällig wirkt, um für Reiches Werdegang wirklich zu begeistern.