Christian Petzold

Miroirs No.3

Betty (Barbara Auer) und Laura (Paula Beer) empfinden eine tiefe Zuneigung. Foto: © Schramm Film
(Kinostart: 18.9.) Traumwandler im Kino der Blicke: Mit leichter Hand inszeniert Filmemacher Christian Petzold in der Uckermark ein elegantes Spätsommermärchen über Verlust, Trauer und die Möglichkeit eines Neubeginns. Vier brillante Darsteller ziehen einen dabei in ihre eigene, entrückte Welt.

„Miroirs“ („Spiegel“) ist ein rund halbstündiger Klavierzyklus des Komponisten Maurice Ravel (1875 – 1937). Das dritte Stück trägt den Titel „Une barque sur l’océan“ („Ein Boot auf dem Ozean“), und nach diesem ist der Film benannt. Tatsächlich finden darin vier Hauptfiguren zusammen wie in einem Boot, das den Wellen ausgeliefert ist und trotzdem nicht untergeht. 

 

Info

 

Miroirs No.3

 

Regie: Christian Petzold,

86 Min., Deutschland 2025;

mit: Paula Beer, Barbara Auer, Matthias Brandt

 

Weitere Informationen zum Film

 

Passend zum musikalischen Thema beginnt der Film mit Spiegelbildern: Laura (Paula Beer) steht stumm an einem Berliner Flussufer. Es folgt ein Schnitt auf ein reflektierendes Fenster ihrer Wohnung. Die junge Klavierstudentin wirkt auf seltsame Weise, als sei sie in ihrem eigenen Leben gar nicht richtig anwesend. Resigniert begleitet sie ihren Freund auf einen Ausflug mit einem Produzentenpärchen in die Uckermark.

 

Ein tödlicher Unfall

 

Nur kurz scheint sie aus ihrer Verlorenheit aufzuwachen, als das Auto an einem einsamen Haus vorbeifährt und eine ältere Frau namens Betty (Barbara Auer) von dort aus gebannt Laura anschaut. Kurz darauf geschieht ein schrecklicher Unfall, den nur Laura überlebt. Die Frau ist sofort zur Stelle und nimmt das Unfallopfer bereitwillig in ihr heimeliges Haus auf.

Offizieller Filmtrailer


 

Märchenhaus in der Uckermark

 

Die nächsten neun Tage lang wird Laura in Bettys Obhut bleiben. Beide Frauen spüren sofort eine Verbindung zueinander, so als würden sie sich bereits aus einem anderen Leben kennen. Währenddessen genießt Laura die fürsorgliche, mitunter dominante Bemutterung von Betty.

 

Ihr Haus hat, wie der ganze Film, etwas Märchenhaftes: Wie durch ein Wunder liegt passende Kleidung für Laura bereit, ein Klavier steht in ihrem Zimmer, und der Esstisch hat genau vier Plätze – Bettys Mann und Sohn leben in ihrer nah gelegenen Autowerkstatt. Es ist, als würde Laura eine Leerstelle ausfüllen. Draußen zieht gemächlich der staubige Spätsommer vorüber.

 

Eine Familie im Schwebezustand

 

Man spürt sofort, dass ein unausgesprochenes Geheimnis über diesem Haus und dieser Familie liegt, die nur noch als Torso vorhanden ist. Als Betty sie unvermittelt Jelena nennt, ahnt man, worauf das Ganze hinausläuft. Schließlich bevölkern Grenzgänger zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten viele von Christian Petzolds Filmen. „Yella“ (2007) und „Undine“ (2020) waren in gewissem Sinne Traumwandlereien mit einem dunklen Kern.

 

Laura/Jelena scheint sich in diese Tradition einzureihen. Ihre Anwesenheit führt zu einer erstaunlichen Wiederannäherung zwischen Betty und den Männern der Familie. Vater Richard (Matthias Brandt) und Sohn Max (Enno Trebs) legen nun öfter den kurzen Weg von ihrer Werkstatt zum Haus zurück, in dem es ständig etwas zu reparieren gibt. Es ist ein eigentümlicher Schwebezustand, in dem sich dieses Figurenquartett befindet.

 

Auslassungen + Wiederholungen

 

Regisseur Christian Petzold erzählt mit vielen Auslassungen bei etlichen Wiederholungen. So wird nie gezeigt, wie die Außenwelt auf den Tod von Lauras Freund reagiert. Es gibt keine erwartbaren Telefonate oder Textnachrichten. Laura scheint kein anderes Leben zu haben, in das sie zurückkehren will. Überhaupt fragt nie jemand im Haus nach ihrer Vergangenheit, obwohl alle an sie gefesselt scheinen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Roter Himmel" – sommerlich federleichte Sittenkomödie mit tragischer Wendung von Christian Petzold, prämiert mit Silbernem Bären 2023

 

und hier eine Besprechung des Films "Undine" – ergreifendes Liebes-Drama von Christian Petzold mit Paula Beer

 

und hier einen Beitrag über den Film "Transit" – Flüchtlings-Melodram von Christian Petzold mit Paula Beer

 

und hier einen Bericht über den Film "Phoenix" – komplexes KZ-Überlebenden-Drama von Christian Petzold.

Wie in der Filmmusik setzt der Regisseur auch auf der Bildebene auf Variationen desselben Themas. Eine wichtige Funktion hat zum Beispiel der einsame Feldweg zwischen Haus und Garage, der von den Protagonisten immer wieder in wechselnden Konstellationen mit dem Fahrrad oder mit dem Auto zurückgelegt wird.

 

Verlust + Neubeginn

 

Die sorgfältige, naturalistische Bildgestaltung durch Petzolds langjährigen Kameramann Hans Fromm überzeugt dabei ebenso wie das vierköpfige Ensemble. Diese brillanten Schauspieler bedürfen keiner Worte, um auszudrücken, was ihre Figuren fühlen. In Petzolds Kino der Blicke geben sie verbal nur das Nötigste von sich preis. Alle vier spielten bereits in Petzolds letztem Film „Roter Himmel“ (2023) mit; „Miroirs No. 3“ entwickelten sie gemeinsam mit dem Regisseur.

 

Entstanden ist ein stilles Werk, das die Zuschauer trotzdem förmlich hineinsaugt ins Geschehen. Die Inszenierung verbindet elegant das Leichte mit dem Schweren, den Verlust mit dem Neubeginn. Wobei die meisten von Christian Petzolds Filmen um diese Themen kreisen – doch dieses Spätsommermärchen endet mit einer optimistischen Note.