
„Miroirs“ („Spiegel“) ist ein rund halbstündiger Klavierzyklus des Komponisten Maurice Ravel (1875 – 1937). Das dritte Stück trägt den Titel „Une barque sur l’océan“ („Ein Boot auf dem Ozean“), und nach diesem ist der Film benannt. Tatsächlich finden darin vier Hauptfiguren zusammen wie in einem Boot, das den Wellen ausgeliefert ist und trotzdem nicht untergeht.
Info
Miroirs No.3
Regie: Christian Petzold,
86 Min., Deutschland 2025;
mit: Paula Beer, Barbara Auer, Matthias Brandt
Weitere Informationen zum Film
Ein tödlicher Unfall
Nur kurz scheint sie aus ihrer Verlorenheit aufzuwachen, als das Auto an einem einsamen Haus vorbeifährt und eine ältere Frau namens Betty (Barbara Auer) von dort aus gebannt Laura anschaut. Kurz darauf geschieht ein schrecklicher Unfall, den nur Laura überlebt. Die Frau ist sofort zur Stelle und nimmt das Unfallopfer bereitwillig in ihr heimeliges Haus auf.
Offizieller Filmtrailer
Märchenhaus in der Uckermark
Die nächsten neun Tage lang wird Laura in Bettys Obhut bleiben. Beide Frauen spüren sofort eine Verbindung zueinander, so als würden sie sich bereits aus einem anderen Leben kennen. Währenddessen genießt Laura die fürsorgliche, mitunter dominante Bemutterung von Betty.
Ihr Haus hat, wie der ganze Film, etwas Märchenhaftes: Wie durch ein Wunder liegt passende Kleidung für Laura bereit, ein Klavier steht in ihrem Zimmer, und der Esstisch hat genau vier Plätze – Bettys Mann und Sohn leben in ihrer nah gelegenen Autowerkstatt. Es ist, als würde Laura eine Leerstelle ausfüllen. Draußen zieht gemächlich der staubige Spätsommer vorüber.
Eine Familie im Schwebezustand
Man spürt sofort, dass ein unausgesprochenes Geheimnis über diesem Haus und dieser Familie liegt, die nur noch als Torso vorhanden ist. Als Betty sie unvermittelt Jelena nennt, ahnt man, worauf das Ganze hinausläuft. Schließlich bevölkern Grenzgänger zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten viele von Christian Petzolds Filmen. „Yella“ (2007) und „Undine“ (2020) waren in gewissem Sinne Traumwandlereien mit einem dunklen Kern.
Laura/Jelena scheint sich in diese Tradition einzureihen. Ihre Anwesenheit führt zu einer erstaunlichen Wiederannäherung zwischen Betty und den Männern der Familie. Vater Richard (Matthias Brandt) und Sohn Max (Enno Trebs) legen nun öfter den kurzen Weg von ihrer Werkstatt zum Haus zurück, in dem es ständig etwas zu reparieren gibt. Es ist ein eigentümlicher Schwebezustand, in dem sich dieses Figurenquartett befindet.
Auslassungen + Wiederholungen
Regisseur Christian Petzold erzählt mit vielen Auslassungen bei etlichen Wiederholungen. So wird nie gezeigt, wie die Außenwelt auf den Tod von Lauras Freund reagiert. Es gibt keine erwartbaren Telefonate oder Textnachrichten. Laura scheint kein anderes Leben zu haben, in das sie zurückkehren will. Überhaupt fragt nie jemand im Haus nach ihrer Vergangenheit, obwohl alle an sie gefesselt scheinen.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Roter Himmel" – sommerlich federleichte Sittenkomödie mit tragischer Wendung von Christian Petzold, prämiert mit Silbernem Bären 2023
und hier eine Besprechung des Films "Undine" – ergreifendes Liebes-Drama von Christian Petzold mit Paula Beer
und hier einen Beitrag über den Film "Transit" – Flüchtlings-Melodram von Christian Petzold mit Paula Beer
und hier einen Bericht über den Film "Phoenix" – komplexes KZ-Überlebenden-Drama von Christian Petzold.
Verlust + Neubeginn
Die sorgfältige, naturalistische Bildgestaltung durch Petzolds langjährigen Kameramann Hans Fromm überzeugt dabei ebenso wie das vierköpfige Ensemble. Diese brillanten Schauspieler bedürfen keiner Worte, um auszudrücken, was ihre Figuren fühlen. In Petzolds Kino der Blicke geben sie verbal nur das Nötigste von sich preis. Alle vier spielten bereits in Petzolds letztem Film „Roter Himmel“ (2023) mit; „Miroirs No. 3“ entwickelten sie gemeinsam mit dem Regisseur.
Entstanden ist ein stilles Werk, das die Zuschauer trotzdem förmlich hineinsaugt ins Geschehen. Die Inszenierung verbindet elegant das Leichte mit dem Schweren, den Verlust mit dem Neubeginn. Wobei die meisten von Christian Petzolds Filmen um diese Themen kreisen – doch dieses Spätsommermärchen endet mit einer optimistischen Note.
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