
Welcher andere Künstler kann sich wie Nam June Paik (1932-2006) rühmen, eine ganze Kunstsparte aus der Taufe gehoben zu haben? Selbst Pablo Picasso und Henri Matisse hatten mehrere Mitstreiter, als sie den Kubismus und den Fauvismus ausarbeiteten. Doch Nam June Paik erfand die Videokunst quasi im Alleingang. Zwar gab es Zeitgenossen wie Les Levine oder sein Fluxus-Kollege Wolf Vostell, die ebenfalls TV und Video benutzten. Aber allein Paik trieb das konsequent jahrzehntelang voran, um das Potential der elektronischen Medien auszuschöpfen.
Info
Nam June Paik: Moon is the Oldest TV
Regie: Amanda Kim,
109 Min., USA 2023;
mit: Peter Brötzmann, Bazon Brock, Mary Bauermeister, Shuya Abe
Weitere Informationen zum Film
Mosaik passgenauer Puzzlestücke
Das führt diese Doku vor, die ihm die koreanisch-amerikanische Regisseurin Amanda Kim widmet: Trotz konventionell chronologischen Aufbaus beeindruckt sie mit liebevoll kleinteiliger Ausgestaltung. Kim hat Dutzende von Freunden und Zeitzeugen interviewt, zudem unzählige Archive gesichtet. Aus Hunderten von Filmschnipseln setzt sie ein Mosaik zusammen, dass trotz rascher Schnittfolge nie hektisch oder willkürlich wirkt: Passgenau fügen sich die Puzzlestücke zum lebendigen Porträt zusammen.
Offizieller Filmtrailer OmU
Interaktives TV als Weltpremiere
Samt Überraschungen: Paik kokettierte gern mit dem understatement, er sei „ein armer Mann aus einem armen Land“. Doch er entstammte einer reichen koreanischen Industriellen-Familie und hatte in Tokio westliche Ästhetik, Musik und Kunstgeschichte studiert; seine Abschlussarbeit schrieb er über Arnold Schönberg, den Erfinder der Zwölftonmusik. Paik war also mit der Avantgarde des 20. Jahrhunderts vertraut, als er 1956 zur Fortsetzung seines Musikstudiums nach München kam.
Zwei Jahre später wurde ein Konzert von John Cage und David Tudor für ihn zum Schlüsselerlebnis; Cage und er sollten lebenslang befreundet bleiben. Paik schloss sich der Fluxus-Bewegung im Rheinland an und machte sich bei Spektakeln zwischen Experiment, Grenzüberschreitung und Clownerie einen Namen. Im März 1963 richtete ihm die Wuppertaler Galerie Parnass seine erste Einzelausstellung aus. Darin waren auch zwölf Monitore mit demselben TV-Programm zu sehen. Das Publikum konnte über Fußschalter die Bilder verzerren, etwa mit Magneten, die den Kathodenstrahl ablenkten – interaktives Fernsehen als Weltpremiere und Geburtsstunde der Videokunst.
Proto-Roboter + Video-Synthesizer
Schon dieses Debüt zeigte Paiks Anliegen, passive Konsumenten zu Mitspielern bei der Bilder-Produktion zu machen. Doch seine Solo-Schau erfuhr wenig Resonanz. Enttäuscht emigrierte Paik nach New York; dort legte er sich Mitte der 1960er Jahre eine der ersten erschwinglichen Videokameras – „Portapak“ von Sony – zu, die er bei Multimedia-Performances mit der Cellistin Charlotte Moorman ausgiebig einsetzte. Zur gleichen Zeit trat er mit einem selbstgebastelten Proto-Roboter auf und entwickelte mit zwei japanischen Ingenieuren einen Video-Synthesizer, um Fernsehbilder nach Belieben manipulieren zu können.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Nam June Paik: I Expose the Music" – große Multimediakunst-Werkschau im Museum Ostwall im Dortmunder U
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Vidéo Vintage 1963-1983: Gründungsvideos aus der Sammlung des Centre Pompidou Paris" mit Werken von Nam June Paik im ZKM Karlsruhe
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Installationen aus 25 Jahren Sammlung Falckenberg" mit Werken von Nam June Paik in der Sammlung Falckenberg in Hamburg
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Yoko Ono: Music of the Mind + Dream Together" – Doppel-Retrospektive der Fluxus-Künstlerin im Gropiusbau + in der Neuen Nationalgalerie, Berlin
und hier einen Bericht über den Film "Beuys" – Doku-Porträt des Fluxus-Aktionskünstlers aus Archiv-Material von Andreas Veiel.
Television overkill wird Wirklichkeit
Ende des Jahrzehnts stieg Paik zum arrivierten Starkünstler auf. Etwa mit der TV-Show „Good Morning, Mr. Orwell“, die am Neujahrstag 1984 simultan in Paris und New York produziert und live in sechs Ländern ausgestrahlt wurde. Kurzauftritte von Kultur-Berühmtheiten sollten der Orwellschen Dystopie völkerverbindende Botschaften entgegen halten, aber das ging im Bildersalat unter. Mit am meisten Zuschauer hatte die Sendung in Südkorea, wodurch Paik zum Nationalhelden wurde. Fortan realisierte er dort riesige Projekte, darunter 1988 einen Turm aus 1003 TV-Bildschirmen mit dem sprechenden Namen „The More, the Better“.
1996 setzte ein Schlaganfall seiner Tatkraft Grenzen. Danach war er im letzten Lebensjahrzehnt halbseitig gelähmt; auch das dokumentiert der Film ausführlich und einfühlsam. Deshalb erlebte er nur ansatzweise mit, wie sein mit „Global Groove“ und Monitor-Großskulpturen vorweg genommener television overkill Wirklichkeit wurde. Vielleicht ist das ganz gut so: Paik sei zwar gewissermaßen der „geistige Vater von Youtube“, betonen Weggefährten. Doch wenn jeder seinen eigenen Kanal betreibt, nützt das noch lange nicht demokratischer Partizipation – siehe fake news, Verschwörungstheorien und schäbige Schleichwerbung.
.
Diesen Button „Leseansicht umschalten“ bitte drücken. Alternative: Zum Aktivieren der
Leseansicht drücken Sie die Taste F9.
. Diesen
Button „Plastischen Reader aktivieren“ bitte drücken. Alternative: Ist dieser Button nicht
vorhanden, geben sie in der Adresszeile vor der URL manuell das Wort „read:“ ein und drücken sie
die Return-Taste. Dann erscheint dort „read://https_kunstundfilm.de...“. Alternative: Zum
Aktivieren der Leseansicht drücken Sie die Taste F9.