Amanda Kim

Nam June Paik: Moon is the Oldest TV

Herr der Heimelektronik: Nam June Paik in seinem Atelier, Mitte der 1960er Jahre. Foto: © Grandfilm
(Kinostart: 11.9.) Der Mann, der Youtube vorwegnahm: Mit exzentrischen TV-Experimenten wurde Nam June Paik zum Erfinder der Videokunst. Wie der berühmteste koreanische Künstler anfangs belächelt und später als visionärer Pionier gefeiert wurde, zeichnet die Doku von Regisseurin Amanda Kim fesselnd nach.

Welcher andere Künstler kann sich wie Nam June Paik (1932-2006) rühmen, eine ganze Kunstsparte aus der Taufe gehoben zu haben? Selbst Pablo Picasso und Henri Matisse hatten mehrere Mitstreiter, als sie den Kubismus und den Fauvismus ausarbeiteten. Doch Nam June Paik erfand die Videokunst quasi im Alleingang. Zwar gab es Zeitgenossen wie Les Levine oder sein Fluxus-Kollege Wolf Vostell, die ebenfalls TV und Video benutzten. Aber allein Paik trieb das konsequent jahrzehntelang voran, um das Potential der elektronischen Medien auszuschöpfen.

 

Info

 

Nam June Paik: Moon is the Oldest TV

 

Regie: Amanda Kim,

109 Min., USA 2023;

mit: Peter Brötzmann, Bazon Brock, Mary Bauermeister, Shuya Abe

Weitere Informationen zum Film

 

Eine seiner flackernden und blinkenden Installationen besitzt fast jedes bessere Museum für zeitgenössische Kunst. Doch seine Person ist in letzter Zeit aus dem Blick geraten; was daran liegen mag, dass die Technik, mit der er hantierte, inzwischen recht antiquiert anmutet. Klobige Röhrenfernseher, dicke Kabelbündel und massige Steuerpulte: Vor der Digitalisierung kam TV-Technik sehr raumgreifend und robust daher. Nichtsdestoweniger hat Paik die heutige Medienlandschaft mit geradezu beunruhigender Treffsicherheit vorausgeahnt.

 

Mosaik passgenauer Puzzlestücke

 

Das führt diese Doku vor, die ihm die koreanisch-amerikanische Regisseurin Amanda Kim widmet: Trotz konventionell chronologischen Aufbaus beeindruckt sie mit liebevoll kleinteiliger Ausgestaltung. Kim hat Dutzende von Freunden und Zeitzeugen interviewt, zudem unzählige Archive gesichtet. Aus Hunderten von Filmschnipseln setzt sie ein Mosaik zusammen, dass trotz rascher Schnittfolge nie hektisch oder willkürlich wirkt: Passgenau fügen sich die Puzzlestücke zum lebendigen Porträt zusammen.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Interaktives TV als Weltpremiere

 

Samt Überraschungen: Paik kokettierte gern mit dem understatement, er sei „ein armer Mann aus einem armen Land“. Doch er entstammte einer reichen koreanischen Industriellen-Familie und hatte in Tokio westliche Ästhetik, Musik und Kunstgeschichte studiert; seine Abschlussarbeit schrieb er über Arnold Schönberg, den Erfinder der Zwölftonmusik. Paik war also mit der Avantgarde des 20. Jahrhunderts vertraut, als er 1956 zur Fortsetzung seines Musikstudiums nach München kam.

 

Zwei Jahre später wurde ein Konzert von John Cage und David Tudor für ihn zum Schlüsselerlebnis; Cage und er sollten lebenslang befreundet bleiben. Paik schloss sich der Fluxus-Bewegung im Rheinland an und machte sich bei Spektakeln zwischen Experiment, Grenzüberschreitung und Clownerie einen Namen. Im März 1963 richtete ihm die Wuppertaler Galerie Parnass seine erste Einzelausstellung aus. Darin waren auch zwölf Monitore mit demselben TV-Programm zu sehen. Das Publikum konnte über Fußschalter die Bilder verzerren, etwa mit Magneten, die den Kathodenstrahl ablenkten – interaktives Fernsehen als Weltpremiere und Geburtsstunde der Videokunst.

 

Proto-Roboter + Video-Synthesizer

 

Schon dieses Debüt zeigte Paiks Anliegen, passive Konsumenten zu Mitspielern bei der Bilder-Produktion zu machen. Doch seine Solo-Schau erfuhr wenig Resonanz. Enttäuscht emigrierte Paik nach New York; dort legte er sich Mitte der 1960er Jahre eine der ersten erschwinglichen Videokameras – „Portapak“ von Sony – zu, die er bei Multimedia-Performances mit der Cellistin Charlotte Moorman ausgiebig einsetzte. Zur gleichen Zeit trat er mit einem selbstgebastelten Proto-Roboter auf und entwickelte mit zwei japanischen Ingenieuren einen Video-Synthesizer, um Fernsehbilder nach Belieben manipulieren zu können.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Nam June Paik: I Expose the Music" – große Multimediakunst-Werkschau im Museum Ostwall im Dortmunder U

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Vidéo Vintage 1963-1983: Gründungsvideos aus der Sammlung des Centre Pompidou Paris" mit Werken von Nam June Paik im ZKM Karlsruhe

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Installationen aus 25 Jahren Sammlung Falckenberg"  mit Werken von Nam June Paik in der Sammlung Falckenberg in Hamburg

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Yoko Ono: Music of the Mind + Dream Together" – Doppel-Retrospektive der Fluxus-Künstlerin im Gropiusbau + in der Neuen Nationalgalerie, Berlin

 

und hier einen Bericht über den Film "Beuys" – Doku-Porträt des Fluxus-Aktionskünstlers aus Archiv-Material von Andreas Veiel.

 

Dennoch lebten er und seine künftige Gattin Shigeku Kubota lange in prekären Verhältnissen: Regnete es durchs Dach, mussten sie fix ihr Equipment abdecken. Was sie damit zuwege brachten, galt als Spielerei; das änderte sich erst im Lauf der 1970er Jahre. 1973 erregte Paik mit „Global Groove“ Aufsehen: ein 28-minütiges Bildergewitter aus Musik- und Tanz-Szenen, rasend schnell geschnitten und mit diversen Effekten aberwitzig deformiert. Damit nahm er furios die Werbe- und Musik-Videoclip-Ästhetik der 1980er Jahre vorweg – die Doku blendet prägnante Beispiele ein. Zugleich bemängelten Kritiker bereits damals, von dieser visuellen Reizüberflutung bleibe wenig in Erinnerung.

 

Television overkill wird Wirklichkeit

 

Ende des Jahrzehnts stieg Paik zum arrivierten Starkünstler auf. Etwa mit der TV-Show „Good Morning, Mr. Orwell“, die am Neujahrstag 1984 simultan in Paris und New York produziert und live in sechs Ländern ausgestrahlt wurde. Kurzauftritte von Kultur-Berühmtheiten sollten der Orwellschen Dystopie völkerverbindende Botschaften entgegen halten, aber das ging im Bildersalat unter. Mit am meisten Zuschauer hatte die Sendung in Südkorea, wodurch Paik zum Nationalhelden wurde. Fortan realisierte er dort riesige Projekte, darunter 1988 einen Turm aus 1003 TV-Bildschirmen mit dem sprechenden Namen „The More, the Better“.

 

1996 setzte ein Schlaganfall seiner Tatkraft Grenzen. Danach war er im letzten Lebensjahrzehnt halbseitig gelähmt; auch das dokumentiert der Film ausführlich und einfühlsam. Deshalb erlebte er nur ansatzweise mit, wie sein mit „Global Groove“ und Monitor-Großskulpturen vorweg genommener television overkill Wirklichkeit wurde. Vielleicht ist das ganz gut so: Paik sei zwar gewissermaßen der „geistige Vater von Youtube“, betonen Weggefährten. Doch wenn jeder seinen eigenen Kanal betreibt, nützt das noch lange nicht demokratischer Partizipation – siehe fake news, Verschwörungstheorien und schäbige Schleichwerbung.