
Das hat Sterneköchin Cécile (Juliette Armanet) gerade noch gefehlt. In zwei Wochen will sie gemeinsam mit ihrem Partner Sofiane (Tewfik Jallab) in Paris ihr eigenes Restaurant eröffnen; dafür tüftelt noch an ihrem unverwechselbaren signature dish – also einem Gericht, das ihre persönliche Handschrift zeigt. Nun sitzt sie in der Vorratskammer und hofft, dass ein Schwangerschaftstest negativ ausfällt.
Info
Nur für einen Tag
Regie: Amélie Bonnin,
98 Min., Frankreich 2025;
mit: Juliette Armanet, Bastien Bouillon, François Rollin
Weitere Informationen zum Film
Direkt aus Klinik in die Küche
Cécile war lange schon lange nicht mehr hier. Sie hat in der Spitzengastronomie Karriere gemacht und überdies die Fernsehkoch-Show „Top Chef“ gewonnen. Mit gemischten Gefühlen betritt sie also die altbekannte Gaststätte, um ihren Vater Gérard (François Rollin) anstatt im Krankenhaus bereits wieder in der Küche vorzufinden. Er hat sich selbst aus der Klinik entlassen, weil er sich nicht schonen will oder kann. Kurz entschlossen packt Cécile mit an – sie ahnt wohl schon, dass es nicht bei einem Besuchstag bleiben wird, wie eigentlich geplant.
Offizieller Filmtrailer
Aus Hauptdarsteller wird Hauptdarstellerin
Vor vier Jahren gewann Regisseurin Amélie Bonnin für ihren gleichnamigen Kurzfilm „Nur für einen Tag“ den französischen Filmpreis César. Darin kehrt ein junger Schriftsteller nach Hause im Osten Frankreichs zurück, um seinen Eltern beim Umzug zu helfen, und begegnet seiner Jugendliebe wieder. Diesen Stoff hat Bonnin zu ihrem ersten Spielfilm ausgebaut.
Der ist aber kein einfaches Remake: Aus der männlichen Hauptfigur wurde eine weibliche, die wesentlich mehr schultern und existenzielle Entscheidungen treffen muss. Gemeinsam mit der Kurzfassung hat ihr Langfilm-Debüt die Grundkonstruktion, die meisten Darsteller – und den Gesang, den die Charaktere öfter mitten in einer Szene anstimmen.
Chanson-Sängerin in der Hauptrolle
Bonnins Film ist aber kein Musical, sondern eher ein Film mit Musik in der Tradition etwa von Alain Resnais‘ „Das Leben ist ein Chanson“ (1997); darin lassen die Darsteller lippensychron Textzeilen aus bekannten Liedern in die Dialoge mit einfließen. In jüngster Zeit hat Regisseur Christophe Honoré einige geistreiche Melodramen gedreht, deren Akteure gern mitten im Gespräch zu singen anfangen.
Auch in „Nur für einen Tag“ trällern die Darsteller – mehr oder weniger melodisch – selbst, wobei die Szenen dadurch noch authentischer wirken, dass manche Stimmen etwas brüchig oder unsicher klingen. Nur Hauptdarstellerin Juliette Armanet sticht durch professionellen Gesang heraus. Kein Wunder: Sie ist in Frankreich ein Popstar und spezialisiert auf Chansons im Stil der 1970er Jahre; hier wirkt sie frisch und souverän, wobei sie sich sehr gut in das erfahrene Ensemble einfügt.
Wiedersehen mit dem Jugendschwarm
Die Lieder sind vorwiegend in Frankreich populäre Popsongs, welche die Stimmungen der Figuren ausdrücken und widerspiegeln; ob Verlorenheit, Sehnsucht oder Party-Euphorie. Dabei wirken die von Gesang begleiteten Passagen keineswegs aufgesetzt oder überinszeniert, sondern sind organische Bestandteile des Geschehens.
Von diesem leicht exzentrischen Kunstgriff abgesehen, erzählt der Film vor allem vom Nachhausekommen und der Wiederbegegnung mit den Orten der Kindheit und dem Jugendschwarm, hier verkörpert durch Raphaël (Bastien Bouillon). Als ewiger Junge mit blondierter Mähne hat er stets einen kessen Spruch auf den Lippen, fährt wie als Teenager noch Motocross, hat inzwischen aber selbst einen Sohn.
Herzlich rauer Umgangston
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Was uns verbindet" – einfühlsames Porträt einer französisches Patchworkfamilie von Carine Tardieu
und hier eine Besprechung des Films "Geliebte Köchin" – historisches Kulinarik-Liebesdrama von Tran Anh Hung mit Juliette Binoche
und hier einen Beitrag über den Film "Monsieur Aznavour" – detailreiches Biopic über den Chansonnier von Mehdi Idir + Grand Corps Malade mit Bastien Bouillon
und hier einen Bericht über den Film "Die Liebenden – von der Last, glücklich zu sein" –hervorragendes Musical-Melodram von Christophe Honoré.
Die Daheimgebliebenen pflegen einen herzlich rauen Umgangston und erfassen instinktiv, in welcher Lage Cecile durch ihre Schwangerschaft steckt. Da scheinen auch bei ihr Zweifel am Sinn der Jagd nach Michelin-Sternen aufzukommen: Ohne sie wäre das Dasein viel leichter und ein Kind kein Karrierehindernis mehr.
Jugenderinnerungen auf Eislaufbahn
Doch das bleibt ein Gedankenspiel der Protagonistin; zudem taucht der ahnungslose Sofiane ebenfalls im „L’escale“ auf, während Cecile sich mit Raphaël nachts auf der Schlittschuhbahn ablenkt und intensiv in ihre Jugenderinnerungen abtaucht. Mitsamt einer wunderbaren Szene über Missverständnisse und Verklärung der Vergangenheit, in der beide ihr letztes Treffen als Teenager singend und tanzend aus zwei Perspektiven erzählen. Dieser bodenständige Wohlfühlfilm kommt ohne Kitsch oder süßliches Happy End aus; das ist so wohl nur im französischen Kino möglich.
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