Dresden

Teamwork in Antwerpen! Pieter Bruegel, Hendrick van Balen und die anderen

Hendrik van Balen, Das Hochzeitsfest des Bacchus und der Ariadne, um 1606/1607. © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut
Bilderflut für gute Bürgerstuben: In Flandern bedienten nach 1600 ganze Maler-Dynastien die wachsende Nachfrage vermögender Kunstsammler. Die Gemäldegalerie zeigt eine beeindruckende Auswahl vor allem aus eigenem Bestand – nur über Künstler-Kooperation erfährt man nicht viel.

All eyes on him: Der Redner steht, weit entfernt und dadurch klein, leicht versetzt in der Bildmitte. Um ihn herum hat sich zwischen zwei Bäumen eine große Menge versammelt, wohl hundert Menschen oder mehr. Sie sind farbenprächtig und sehr unterschiedlich gekleidet; sogar ein Turbanträger lässt sich ausmachen. Die meisten lauschen andächtig dem Mann im Zentrum, so dass man von ihnen nur Rücken und Hinterköpfe sieht. Doch am linken Baumstamm blickt ein Mann aus dem Bild heraus und wendet sich dem Betrachter zu, so dass er ihn quasi ins Geschehen miteinbezieht.

 

Info

 

Teamwork in Antwerpen!
Pieter Bruegel, Hendrick van Balen und die anderen

 

14.06.2025 - 05.10.2025

täglich außer montags 10 bis 17 Uhr 

in der Gemäldegalerie Alte Meister, Zwinger, Dresden

 

Begleitheft kostenlos

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Diese phänomenale „Predigt Johannes des Täufers“ hat Pieter Bruegel d.Ä. (1525/1530-1569) 1566 gemalt; das Original befindet sich heute in Budapest. Es beeindruckte seine Zeitgenossen so sehr, dass es etliche Male kopiert wurde; immer noch sind sage und schreibe 36 Versionen bekannt. Eine davon gehört den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) und bildet das Prunkstück dieser Ausstellung; dessen Restaurierung wird aufwändig in einem eigenen Raum dokumentiert.

 

Fast alles aus eigenem Bestand

 

Aber auch die meisten anderen Exponate – 56 Gemälde, 28 Zeichnungen und Druckgrafiken, dazu kunsthandwerkliche Objekte – stammen aus Dresdener Kollektionen; nur sechs Werke wurden ausgeliehen. Damit können die SKD fast im Alleingang die Kunstproduktion von Antwerpen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nachzeichnen; mit Arbeiten, von denen viele seit Jahrzehnten nicht mehr öffentlich gezeigt worden sind. Allerdings verspricht der Titel der Schau mehr, nämlich Einblicke in die Kooperation der dortigen Maler – und die bleiben vage.

Impressionen der Ausstellung


 

Neun Porträts aus drei Dynastien

 

Nach 1600 erholte sich die flämische Metropole von den Wirren und dem Aderlass im Krieg der Niederlande gegen Spanien. Die protestantischen Einwohner waren vertrieben worden, die Stellung der katholischen Kirche war unangefochten: Sie bestellte großformatige Altarbilder für religiöse Einrichtungen, die in dieser Schau keine Rolle spielen. Zugleich blühte wieder der Handel; wohlhabende Kaufleute und Bürger erwarben für ihre Privatsammlungen so genannte Kabinettbilder, die sich durch Detailfreude und Raffinement auszeichneten. Um sie geht es in der Ausstellung.

 

Dazu werden eingangs drei Antwerpener Künstler-Dynastien vorgestellt: die Brueg(h)els, van Balens und Franckens. Neun Zeichnungen oder Radierungen zeigen Porträts der wichtigsten Akteure, Punktlinien verbinden diejenigen miteinander, die zusammenwirkten. Gegenüber sind auf einem historischen Stadtplan ihre Wohnhäuser samt Ateliers verzeichnet. Jan Brueghel d.Ä. (1568-1625) und Hendrick van Balen d.Ä. (1575-1632) waren praktisch Nachbarn; da lag es nahe, zusammenzuarbeiten, was sie auch taten. Wie das im Einzelnen geschah, bleibt jedoch in der Schwebe.

 

Erfindung der Blumenkranz-Bilder

 

Denn die Folgeräume sind nicht nach Formen der Kooperation, sondern nach Malerfamilien gegliedert. Angefangen mit Jan Brueghel d.Ä.: Während sein Bruder Pieter Brueghel d.J. (1564-1638) zeitlebens vor allem die enorm beliebten Sujets ihres Übervaters Pieter Bruegel d.Ä. kopierte, emanzipierte sich Jan von dessen Vorbild und profilierte sich als Maler von nahsichtigen Flachlandschaften – gezeigt wird ein Dutzend schöner Beispiele.

 

Bei Blumenkranz-Bildern – dieses Genre erfand er um 1607 – setzte man hingegen auf Arbeitsteilung: Andachtsbilder der Madonna oder der heiligen Familie lieferten Kollegen wie Hendrick van Balen d.Ä. oder Frans Francken d.J. (1581-1642), das Bouquet drumherum ergänzten die Brueghels. Hier werden zwei Varianten mit Figuren des letzteren gezeigt, die Jan Breughel d.J. (1601-1678) mit floralem Schmuck verziert hat. Wer und wie bei zwei Paradies-Darstellungen von ihm mitgewirkt hat, bleibt indes unklar.

 

Gänsehirt bleibt in Brueghel-Familie

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Brueghel, Rubens, Ruisdael: Schätze der Hohenbuchau Collection" – hochkarätige Privatsammlung in der Staatsgalerie Stuttgart

 

und hier eine Besprechung des Films "Die Mühle und das Kreuz" von Lech Majewski: Verfilmung eines Gemäldes von Pieter Brueghel

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Brueghel – Gemälde von Jan Brueghel d. Ä."  – große Werkschau in der Alten Pinakothek, München

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Rubens – Kraft der Verwandlung" über des Barock-Künstlers Aneignung + Verarbeitung fremder Ideen im Städel Museum, Frankfurt am Main

 

und hier einen Artikel über die Ausstellung “Jordaens und die Antike” – erste deutsche Retrospektive des Barock-Malers aus Antwerpen im Museum Fridericianum, Kassel.

 

Ähnlich verhält es sich im nächsten Saal. Hendrick van Balen d.Ä. war auf vielfigurige mythologische Szenen spezialisiert, bei denen das weibliche Personal viel nackte Haut zeigte – davon zeugt ein halbes Dutzend üppig bevölkerter Gemälde. An der Mehrzahl soll Jan Brueghel d.Ä. beteiligt gewesen sein, aber Genaueres erfährt man nur in einem Fall: Er schuf „im Vordergrund angeordnete erlegte Tiere und Jagdutensilien“. Letztere sind durch ein handfestes Anschauungs-Exemplar vertreten: eine „mehrwindige Jägertrompete“ aus der SKD-Rüstkammer.

 

Nur an wenigen Stellen gelingen dem Team um Kuratorin Uta Neidhardt anschauliche Nachweise, wie Motive aufgegriffen und weiterverarbeitet wurden. Etwa bei der unscheinbaren Federzeichnung eines Gänsehirten (um 1565); es handelt sich um eine von nur drei erhaltenen Figurenstudien von Pieter Bruegel d.Ä.. Diese Gestalt mit breitkrempigem Hut in Profilansicht verwendete sein Sohn Pieter Brueghel d.J. 30 Jahre später für ein Ölbild-Tondo. Abermals drei Dekaden später taucht sie auf einer „Anbetung der Heiligen Drei Könige“ von seinem Neffen Jan Brueghel d.J. auf. Doch dieses Figuren-Recycling blieb innerhalb der Familie Brueghel.

 

Schreckens-Kabinett statt Händescheidung

 

Dass die Künstler-Kooperation in Antwerpen so summarisch abgehandelt wird, verwundert angesichts des Anlasses der Ausstellung: Sie geht aus einem seit 2012 laufenden Forschungsprojekt zur Flämischen Malerei hervor, bei dem bislang 45 Werke intensiv unter die Lupe genommen wurden. Da müssten doch umfangreiche Erkenntnisse vorliegen, welcher Künstler welchen Anteil an ihrer Entstehung hatte – Kunsthistoriker nennen es Händescheidung. Traut man dem Publikum nicht zu, sich für solche detektivischen Untersuchungen zu interessieren?

 

Stattdessen wird es am Ende in ein Kabinett des Grauens geschickt, in dem großformatige Wimmelbilder die Schrecken von Feldschlachten und Höllenfahrten in allen Einzelheiten drastisch ausmalen. Erstaunlich, dass elitäre Kunstfreunde damit ihre Gemächer ausstaffierten. Als Panorama flämischer Malerei zwischen Manierismus und Barock ist diese Schau einwandfrei komponiert und ansprechend präsentiert. Nur über das Teamwork im Titel erfährt man wenig.