David Mackenzie

The Negotiator

Ash (Riz Ahmed) vermittelt zwischen korrupten Unternehmen und Whistleblowern. Foto: Leonine Distribution
(Kinostart: 25.9.) Perfekte Tarnung dank Fräulein vom Amt: Über einen anonymen Telefondienst verhandelt ein Mittelsmann für Whistleblower mit deren Ex-Arbeitgebern. Actionarm, aber raffiniert inszeniert Regisseur David Mackenzie einen hochspannenden Wirtschaftskrimi, der für analoges Dasein wirbt.

David gegen Goliath – so lautet das geläufige Schema, wenn es um whistleblower geht. Ein Geheimnisträger, der im Job Skandalöses oder Illegales erfahren hat, macht das publik; ohne Rücksicht auf seine Karriere oder sein Wohlergehen. Dass solche heldenhafte Selbstlosigkeit nicht die Regel ist, ahnt man zuweilen. Zu den großen Vorzügen von „The Negotiator“ zählt, dass der Film solche Gut-Böse-Schemata meidet: Alle Akteure bewegen sich in einer moralischen Grauzone – abrupte Seitenwechsel nicht ausgeschlossen.

 

Info

 

The Negotiator

 

Regie: David Mackenzie,

112 Min., USA 2024;

mit: Riz Ahmed, Lily James, Sam Worthington

 

Weitere Informationen zum Film

 

Ashraf, genannt Ash (Riz Ahmed), arbeitet als „Fixer“, also professioneller Problemlöser. Er hat sich auf Verhandlungen zwischen whistleblowers und Unternehmen oder Institutionen spezialisiert, für die sie tätig waren. Genauer: Er vermittelt, wenn belastende Dokumente zurückgegeben werden sollen, damit sie nicht an die Öffentlichkeit geraten und den Ruf und damit die Bilanz einer Firma ruinieren. Ob whistleblowers ihre früheren Arbeitgeber aus Geldgier erpressen wollen oder umgekehrt Angst vor deren Rache haben, steht dahin – und geht wohl oft ineinander über.

 

Gen-Getreide schadet Gesundheit

 

Wie bei Sarah (Lily James): Sie war an führender Position für ein Biotech-Unternehmen tätig; bis ihr klar wurde, dass dessen neu gezüchtetes Wundergetreide gesundheitsschädlich ist. Damit ihre Einwände nicht das erhoffte Milliardengeschäft zunichte machen, wurde sie von der Firmenleitung abserviert. Doch bei ihrem Rauswurf ließ sie eine detaillierte Studie als Beweisstück mitgehen. Nun fühlt sie sich verfolgt, bekommt kalte Füße und will die Studie zurückgeben.

Offizieller Filmtrailer


 

Alles für die Anonymisierung

 

Ihr wird Ash empfohlen, bzw. seine Telefonnummer. Ihn selbst wird sie die längste Zeit nicht zu Gesicht bekommen, ebenso wenig seine Stimme hören. Denn er kontaktiert sie ausschließlich mithilfe eines so genannten Relay-Dienstes; dieser ist eigentlich für Hörgeschädigte gedacht und schaltet sich zwischen Anrufer und Angerufenem ein wie früher das „Fräulein vom Amt“. Ash tippt in sein Endgerät Text und sendet ihn an den Dienst; eine Person in dessen Zentrale ruft Sarah an und liest ihr die Mitteilung vor.

 

So können Ash und Sarah anonym miteinander telefonieren. Ihre Gespräche lassen sich nicht abhören und nicht zurückverfolgen, denn der Relay-Dienst zeichnet nichts auf. Auch sonst verwendet Ash große Sorgfalt darauf, dass beide auf keinen Fall aufgespürt werden können – im Zeitalter medialer Dauerüberwachung durch CCTV-Kameras, GPS-Tracking, Mobilfunk-Nutzerdaten und Kreditkarten-Abrechnungen ist das schwierig. Längst sind Häscher Sarah auf den Fersen, um der Studie habhaft zu werden, ohne das von Ash geforderte Lösegeld zu zahlen.

 

Erste Worte nach einer halben Stunde

 

Um sie abzuschütteln, bemüht er jede Menge Verhaltensregeln, Tricks und Verkleidungen – dabei spielt die gute alte US-Post mit ihren Angeboten wie Postfächern, Sendungsweiterleitung und postlagernde Aufbewahrung eine tragende Rolle. Ohnehin wirkt der Film über weite Strecken wie ein Plädoyer für ein möglichst analoges Dasein. Denn Ash handhabt zwar digitale Techniken virtuos, aber auf Kosten seines Soziallebens.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Reality" – vielschichtiges Porträt einer Whistleblowerin von Tina Satter mit Sydney Sweeney

 

und hier eine Besprechung des Films "Snowden" – hervorragendes Biopic über den Überwachungs-Enthüller Edward Snowden von Oliver Stone

 

und hier einen Beitrag über den Film "Nightcrawler" – brillantes Paparazzo-Drama von Dan Gilroy mit Riz Ahmed

 

und hier einen Bericht über den Film "Vergiftete Wahrheit (Dark Waters)" – fesselndes Dokudrama über Umweltschutz-Anwalt gegen Chemieriesen von Todd Haynes.

 

Wortlos plant und kommuniziert er in seinem Versteck, ebenso wortlos taucht er in den Strom von Passanten ein, deponiert hier und installiert dort etwas. Nur dank der subtilen Mimik und Gestik von Hauptdarsteller Riz Ahmed traut man diesem stoischen Schweiger menschliche Gefühlsregungen zu. Es dauert rund eine halbe Stunde, bevor er erstmals den Mund aufmacht, und eine weitere, bis er mehrere Sätze hintereinander spricht – über seine Alkoholprobleme.

 

Kammerspiel über Vereinzelung

 

Seine Klientin Sarah ist zwar redseliger, aber aus Sicherheitsgründen ebenso isoliert. Und die Schergen, die hinter ihr her sind, reden nur miteinander; meist in einem gepanzerten Transporter. Selbst auf den Straßen von New York oder dem Flughafen von Pittsburgh agieren die Protagonisten wie in einem Kokon. So wird der Film zum Kammerspiel über Vereinzelung und Vereinsamung in Millionenmetropolen: Jeder surft, wischt und tippt für sich allein.

 

All das inszeniert Regisseur David Mackenzie angenehm altmodisch zurückgenommen und fast ohne Action. Dass die Auflösung am Ende – mit Ausbruch aus dem Schneckenhaus, Übertretung aller Regeln und einer arg überraschenden Volte – etwas holprig gerät, erscheint da verzeihlich. Zuvor greift alles raffiniert ausgetüftelt ineinander: Wer diesen hoch spannenden Wirtschaftskrimi gesehen hat, wird den nächsten Enthüllungsskandal in den Medien mit anderen Augen betrachten.