
David gegen Goliath – so lautet das geläufige Schema, wenn es um whistleblower geht. Ein Geheimnisträger, der im Job Skandalöses oder Illegales erfahren hat, macht das publik; ohne Rücksicht auf seine Karriere oder sein Wohlergehen. Dass solche heldenhafte Selbstlosigkeit nicht die Regel ist, ahnt man zuweilen. Zu den großen Vorzügen von „The Negotiator“ zählt, dass der Film solche Gut-Böse-Schemata meidet: Alle Akteure bewegen sich in einer moralischen Grauzone – abrupte Seitenwechsel nicht ausgeschlossen.
Info
The Negotiator
Regie: David Mackenzie,
112 Min., USA 2024;
mit: Riz Ahmed, Lily James, Sam Worthington
Weitere Informationen zum Film
Gen-Getreide schadet Gesundheit
Wie bei Sarah (Lily James): Sie war an führender Position für ein Biotech-Unternehmen tätig; bis ihr klar wurde, dass dessen neu gezüchtetes Wundergetreide gesundheitsschädlich ist. Damit ihre Einwände nicht das erhoffte Milliardengeschäft zunichte machen, wurde sie von der Firmenleitung abserviert. Doch bei ihrem Rauswurf ließ sie eine detaillierte Studie als Beweisstück mitgehen. Nun fühlt sie sich verfolgt, bekommt kalte Füße und will die Studie zurückgeben.
Offizieller Filmtrailer
Alles für die Anonymisierung
Ihr wird Ash empfohlen, bzw. seine Telefonnummer. Ihn selbst wird sie die längste Zeit nicht zu Gesicht bekommen, ebenso wenig seine Stimme hören. Denn er kontaktiert sie ausschließlich mithilfe eines so genannten Relay-Dienstes; dieser ist eigentlich für Hörgeschädigte gedacht und schaltet sich zwischen Anrufer und Angerufenem ein wie früher das „Fräulein vom Amt“. Ash tippt in sein Endgerät Text und sendet ihn an den Dienst; eine Person in dessen Zentrale ruft Sarah an und liest ihr die Mitteilung vor.
So können Ash und Sarah anonym miteinander telefonieren. Ihre Gespräche lassen sich nicht abhören und nicht zurückverfolgen, denn der Relay-Dienst zeichnet nichts auf. Auch sonst verwendet Ash große Sorgfalt darauf, dass beide auf keinen Fall aufgespürt werden können – im Zeitalter medialer Dauerüberwachung durch CCTV-Kameras, GPS-Tracking, Mobilfunk-Nutzerdaten und Kreditkarten-Abrechnungen ist das schwierig. Längst sind Häscher Sarah auf den Fersen, um der Studie habhaft zu werden, ohne das von Ash geforderte Lösegeld zu zahlen.
Erste Worte nach einer halben Stunde
Um sie abzuschütteln, bemüht er jede Menge Verhaltensregeln, Tricks und Verkleidungen – dabei spielt die gute alte US-Post mit ihren Angeboten wie Postfächern, Sendungsweiterleitung und postlagernde Aufbewahrung eine tragende Rolle. Ohnehin wirkt der Film über weite Strecken wie ein Plädoyer für ein möglichst analoges Dasein. Denn Ash handhabt zwar digitale Techniken virtuos, aber auf Kosten seines Soziallebens.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Reality" – vielschichtiges Porträt einer Whistleblowerin von Tina Satter mit Sydney Sweeney
und hier eine Besprechung des Films "Snowden" – hervorragendes Biopic über den Überwachungs-Enthüller Edward Snowden von Oliver Stone
und hier einen Beitrag über den Film "Nightcrawler" – brillantes Paparazzo-Drama von Dan Gilroy mit Riz Ahmed
und hier einen Bericht über den Film "Vergiftete Wahrheit (Dark Waters)" – fesselndes Dokudrama über Umweltschutz-Anwalt gegen Chemieriesen von Todd Haynes.
Kammerspiel über Vereinzelung
Seine Klientin Sarah ist zwar redseliger, aber aus Sicherheitsgründen ebenso isoliert. Und die Schergen, die hinter ihr her sind, reden nur miteinander; meist in einem gepanzerten Transporter. Selbst auf den Straßen von New York oder dem Flughafen von Pittsburgh agieren die Protagonisten wie in einem Kokon. So wird der Film zum Kammerspiel über Vereinzelung und Vereinsamung in Millionenmetropolen: Jeder surft, wischt und tippt für sich allein.
All das inszeniert Regisseur David Mackenzie angenehm altmodisch zurückgenommen und fast ohne Action. Dass die Auflösung am Ende – mit Ausbruch aus dem Schneckenhaus, Übertretung aller Regeln und einer arg überraschenden Volte – etwas holprig gerät, erscheint da verzeihlich. Zuvor greift alles raffiniert ausgetüftelt ineinander: Wer diesen hoch spannenden Wirtschaftskrimi gesehen hat, wird den nächsten Enthüllungsskandal in den Medien mit anderen Augen betrachten.
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