Pavlo Ostrikov

U Are the Universe

Astronaut Andriy Melnyk (Volodymyr Kravchuk) ist der letzte Mensch im Universum. Foto: © 2025 Drop Out Cinema
(Kinostart: 4.9.) Die letzten Tage der Menschheit: Als die Erde untergeht, bleibt nur ein einsamer Weltall-Trucker übrig – auch sein Ende ist absehbar. Filmemacher Pavlo Ostrikov gelingt ein kosmisches Kammerspiel voller schwarzem Humor mit brillantem Hauptdarsteller und geistreichen Anspielungen.

Es mutet wie ein bitterer Kommentar auf die Weltlage an, wenn ausgerechnet ein ukrainischer Regisseur die ganze Erde durch eine Serie von Atombomben explodieren lässt: Puff, und weg ist sie! Wie es soweit gekommen ist, interessiert hier nicht; entscheidend ist das Resultat. Allerdings hat Regisseur Pavlo Ostrikov den Großteil seines Films schon vor Ausbruch des Krieges in der Ukraine im Februar 2022 gedreht.

 

Info

 

U Are the Universe

 

Regie: Pavlo Ostrikov,

101 Min., Ukraine/ Belgien 2024;

mit: Alexia Depicker, Wolodymyr Krawtschuk, Leonid Popadko

 

Weitere Informationen zum Film

 

Der Überfall Russlands verzögerte die Fertigstellung erheblich. Doch die Hartnäckigkeit, den Film trotz widriger Umstände zu beenden, hat sich gelohnt. Ostrikov ist ein schwarzhumoriges und fein ausbalanciertes Kammerspiel über Trauer, Verlust, Einsamkeit und die Möglichkeit der Liebe gelungen.

 

Wiedergänger von HAL 9000

 

Im Zentrum steht Weltraum-Trucker Andriy Melnyk (Volodymyr Kravchuk). Der verklappt nuklearen Abfall für ein ukrainisches Unternehmen beim Jupitermond Callisto: Er reist vier Jahre hin und vier Jahre zurück, nur in Begleitung des Roboters Maxim. Die sprechende Kiste ist eine Art Wiedergänger von HAL 9000, dem berühmten Bordcomputer aus Stanley Kubricks Science-Fiction-Klassiker „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968).

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Angemessene Portion Wahnsinn

 

So wie HAL entwickelt auch dessen Sparversion Maxim im Verlauf der Mission gewisse Eigenmächtigkeiten, die zu Verwicklungen führen. Neben dieser gibt es in „U Are the Universe“ noch viele andere Anspielungen auf bekannte Werke des Genres; sie zu entdecken, macht viel Spaß. Derweil nimmt die simple Geschichte ihren Lauf. 

 

Auf dem Rückweg von seiner Mission wird Andriy mit der Auslöschung seines Heimatplaneten und damit seiner gesamten Spezies konfrontiert. Andrucha, wie er in der ukrainischen Koseform seines Namens auch genannt wird, reagiert mit der angemessenen Portion Wahnsinn: Er gründet die Radiostation „Solaris“, sendet alte Aufnahmen von ukrainischen Schlagern durchs All und erklärt sich zum Kapitän der Galaxis.

 

Das letzte Rendez-vous der Menschheit

 

Dabei ist sein Ende absehbar, denn die Vorräte und der Treibstoff seines Raumschiffes sind begrenzt. Andrucha will die ihm verbleibende Zeit auskosten – so fordert er von Maxim schon mal vorzeitig seine Geburtstagsbox an. Da klingt überraschend die Stimme einer französischen Astronautin aus seinem Empfänger.

 

Catherine hängt in ein paar hundert Millionen Kilometern Entfernung von ihm fest und ist ebenfalls dem sicheren Tod ausgeliefert. Nun entsteht bei beiden die fixe Idee einer kosmischen Begegnung, und sei sie zeitlich auch noch so begrenzt. Den langen Flug durchs All vertreiben sich Andriy und Catherine mit zunehmend intimer werdenden Sprachnachrichten.

 

Intimität + Missverständnisse

 

Dadurch erfährt man von einem Trauma, das Andriy widerfuhr, warum er altmodische Langspielplatten auf seiner Reise durchs All mitgenommen hat oder dass er sich die Zeit damit vertreibt, Figuren aus Knete zu modellieren. Auch Catherine gibt im Gespräch mit dem Mann, den sie noch nie gesehen hat, viel Persönliches von sich preis. Doch das bewahrt die zwei letzten Menschen im Universum nicht vor kommunikativen Missverständnissen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "I.S.S." – klaustrophobischer Sci-Fi-Thriller auf der Internationalen Raumstation von Gabriela Cowperthwaite

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Kubricks 2001 - 50 Jahre "A Space Odyssey" – facettenreiche Gedenkschau über den visionären Sci-Fi-Klassiker im Deutschen Filmmuseum, Frankfurt am Main

 

und hier einen Beitrag über den Film "Passengers" – Sci-Fi-Film über Auswanderung auf einen fremden Planeten mit Jennifer Lawrence und Chris Pratt von Morten Tyldum

 

und hier einen Beitrag über den Film "Arrival"  – fesselnder Sci-Fi-Psychothriller über intergalaktische Kommunikation von Denis Villeneuve.

 

Es ist schlicht phänomenal, mit welch einfachen Mitteln Regisseur Ostrikov seine Weltraum-Odyssee erzählt. Viel Geld für visuelle Spezialeffekte war augenscheinlich nicht vorhanden; also sollte man es mit der physikalischen Plausibilität nicht zu genau nehmen.

 

Hauptdarsteller zwischen Tragik + Komik

 

Wie so oft macht man in Osteuropa aus der Not eine Tugend: Andriys Raumschiff ist eben in die Jahre gekommen und verfügt über einen entsprechend abgeranzten Charme. Improvisationsgabe und Originalität zählen in diesem Film mehr als aufwändige Ausstattung. Das funktioniert vor allem dank des fantastischen – und über weite Strecken einzigen – Darstellers Volodymyr Kravchuk. 

 

Er ist in der Ukraine hauptsächlich fürs komödiantische Fach bekannt. Hier tariert er Tragik und Komik perfekt aus; man fühlt mit seinem melancholischen Andrucha mit. Der ist im Grunde ein unscheinbarer Allerweltstyp, der diesen Weltraumjob annahm, weil er auf der Erde keinen Platz für sich fand.

 

Endzeit-Philosophie

 

Überhaupt benutzt „U Are the Universe“ das Science-Fiction-Setting in erster Linie für ein philosophisches Gedankenspiel: Worauf kommt es an bei den letzten Dingen – was ist wirklich wichtig angesichts des Unabwendbaren? Die Antwort ist vielleicht nicht überraschend, aber in ihrer Einfachheit und Humanität voller Hoffnung.