Minh Quý Trương

Viet und Nam

Nam (Thanh Hài Phąm) und Việt (Duy Bảo Định Đào) genießen ihre Zweisamkeit. Foto: Salzgeber
(Kinostart: 4.9.) Von Träumen und Traumata: Was als schwule Romanze unter Bergleuten beginnt, entwickelt sich im Film von Regisseur Minh Quý Trương zum Road Movie durch die jüngere Geschichte Vietnams – eine mystische, für Europäer mitunter kryptische Reise, die in ruhigen Bildern ihren Sog entfaltet.

Zwei Männer sitzen, einander liebkosend, in der dunklen Nacht; es leuchten die Sterne, irgendwo plätschert Wasser. Ihre Intimität wird jäh unterbrochen, als eine Sirene ertönt. Plötzlich sind Stimmen und Schritte zu hören; die jungen Männer setzen schnell ihre Schutzhelme auf. Sofort wird klar: Viet (Duy Bảo Định Đào) und Nam (Thanh Hài Phąm) hatten kein Stelldichein unter freiem Himmel.

 

Info

 

Viet und Nam

 

Regie: Minh Quý Trương,

129 Min., Vietnam/ Frankreich/ Schweiz 2024;

mit: Thanh Hài Phąm, Duy Bảo Định Đào, Thi Nga Nguyen, Daniel Viet Tụng Le

 

Weitere Informationen zum Film

 

Sie befinden sich unter Tage, wo sie als Bergleute arbeiten. Die vermeintlichen funkelnden Sterne entpuppen sich als Reflexionen des knappen Lichts auf den Kohle-Bergen um sie herum. Bald wird auch deutlich: Die beiden haben keine Zukunft, schon weil sie ihre Liebe verstecken müssen. In der Öffentlichkeit geben sie sich als Brüder aus.

 

Tristes Leben in der Bergbaustadt

 

Immerhin hat wenigstens Nams Mutter ihren Sohn ermuntert, seinen Freund öfter mit nach Hause zu bringen. Doch ihre Beziehung steckt auch in einer Krise, weil Nam ins Ausland gehen will. Zu perspektivlos scheint ihm das Leben in der tristen, seltsam menschenleeren Bergbaustadt im Norden Vietnams; über ihr ist der Himmel stets grau verhangen. Öfter entladen sich die Wolken in monsunartigem Regen.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Kriegsfolgen sind allgegenwärtig

 

Bevor Nam jedoch als blinder Passagier in einem Schiffscontainer das Land verlassen kann, muss er sich noch einen Trauma stellen, das auf seiner Familie lastet. Sein Vater ist seit vielen Jahren verschollen – irgendwo auf einem der Schlachtfelder entlang der früheren Grenze zwischen Nord- und Südvietnam. Der Bürgerkrieg zwischen den beiden Landesteilen entwickelte sich mit dem Eingreifen der USA zu einem verheerenden Stellvertreterkrieg; er wird deswegen in Südostasien der „Amerikanische Krieg“ genannt.

 

Seine Folgen sind in „Viet und Nam“ von Regisseur Minh Quý Trương, Jahrgang 1990, immer noch allgegenwärtig. Im Film ist seit Kriegsende 1975 ein gutes Vierteljahrhundert vergangen. Im Fernsehen werden immer noch die Namen und Daten von verschollenen „Märtyrern“ verlesen – für den Fall, dass doch noch jemand etwas über ihren Verbleib weiß. Dass die Geschichte im Jahr 2001 spielt, wird erst offenkundig, als die Minenarbeiter darüber staunen, wie zwei Flugzeuge im fernen New York das World Trade Center zum Einsturz gebracht haben.

 

Schwenk zum Road Movie

 

Nams Mutter Hoa (Thị Nga Nguyen) träumt regelmäßig von ihrem Mann. Sie hofft, dadurch einen Hinweis darauf zu bekommen, wo er begraben liegen könnte. Nam, der seinen Vater nie kennengelernt hat, ist sich sicher, dass er ihn erkennen würde, sollte er ihm je lebend begegnen. Gemeinsam mit Viet, seiner Mutter und Ba (Daniel Viet Tụng Le), einem mit der Familie befreundeten Armee-Kameraden seines Vaters, begibt sich Nam auf eine Reise zu den einstigen Kriegsschauplätzen.

 

Mit diesem Schwenk in Richtung Road Movie entwickelt der Film einen völlig neuen Fokus. Die Kontinuität mit der ersten Hälfte besteht vor allem darin, dass alles, was sich unter der Erde befindet, in einer Art allegorischem Raum verbleibt. In ruhigen Bildern, in denen doch immer Bewegung herrscht, erzählt der Film nun von gesellschaftlichen Traumata – und von den Geschäften, die mit der Trauer gemacht werden.

 

Elegische Bilder, rätselhafte Dialoge

 

So begegnen die Reisenden einer weiß geschminkten Frau in pinkfarbener Kleidung, die vorgibt, mit den Toten kommunizieren zu können. Ihr Gefolge besteht aus Dutzenden von Menschen auf der Suche nach Antworten. Mit großem Brimborium leitet sie die Leute an, im Boden zu buddeln, und präsentiert angebliche Körperteile von Verstorbenen, die ebenso gut ein Klumpen Matsch sein könnten.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "The Dust of Modern Life" – einfühlsame Doku über die ethnische Sedang-Minderheit in Mittelvietnam von Franziska von Stenglin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Schätze der Archäologie Vietnams" – erste deutsche und großartig gelungene Überblicksschau in Chemnitz + Mannheim

 

und hier einen Beitrag über Film "Cemetery of Splendour" – Mystery-Drama über an Schlafkrankheit leidende Thai-Soldaten von Apichatpong Weerasethakul

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Black Gold and China – Fotografien von Lu Guang" – eindrucksvolle Aufnahmen fernöstlicher Kohle- und Industriereviere im Deutschen Bergbaumuseum, Bochum.

 

Ob Hoa diese Erfahrung ihrem Ziel näherbringt, oder ob sie die Scharlatanerie durchschaut? Ihre regungslose Miene gibt darüber keine Auskunft. Überhaupt dürfte einiges, worauf hier mit elegischen, meist düsteren Bildern und oft kryptisch anmutenden Dialogen angespielt wird, für das westliche Publikum ein Rätsel bleiben.

 

Zu düster für die Zensur

 

Eine Kröte, die sich ihren Weg durch den Schlamm bahnt, bekommt etwa so viel Zeit auf der Leinwand zugestanden wie Bas überraschende Offenbarung, dass er weit mehr über den Verbleib von Nams Vater weiß, als er jahrzehntelang eingestanden hat. So erinnert der Film bisweilen an die Arbeiten des thailändischen Autorenfilmer Apichatpong Weerasethakul – etwa, wenn es um die Allgegenwart von Geistern der Ahnen im Alltag geht.

 

In Vietnam wurde das Drama verboten – allerdings nicht wegen seiner queeren Thematik. In dieser Hinsicht hat das einst sehr konservative Land in den letzten beiden Jahrzehnten eine  Liberalisierung erlebt. Die staatliche Zensurbehörde störte sich vielmehr daran, dass der Film eine „düstere, festgefahrene und negative Sichtweise“ auf das Land und seine Bewohner präsentiert.

 

Zu verhalten fürs westliche Kino?

 

Im westlichen Ausland könnte der Rezeption eher im Weg stehen, wie verhalten und entschleunigt dieser Film über gut zwei Stunden inszeniert ist. Doch selbst, wenn einiges lost in translation bleibt: Wenn man der tieftraurigen und berührenden Geschichte etwas Muße entgegenbringt, entwickelt sie durchaus ihren Sog.