München

Auguste Herbin

Auguste Herbin: Porträt Erich Mühsam, 1907. Foto: Galerie Lahumière Paris, © VG Bild-Kunst Bonn, 2024. Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus
Der Allesmaler: Herbin schuf nacheinander postimpressionistische, fauvistische, kubistische, ethno-abstrakte, figurative, biomorphe und geometrische Werke – stets farbintensiv und eindrucksvoll. Dem französischen Allround-Modernisten widmet das Lenbach-Haus eine so kompakte wie kompetente Retrospektive.

Das Schubladendenken der Kunstgeschichte ist oft unerbittlich: Maler werden eng mit einem Stil verknüpft. Nur ganz großen Koryphäen wie Pablo Picasso oder Wassily Kandinsky sieht man nicht nur nach, dass sie im Lauf ihres Schaffens ihre Malweise mehrfach veränderten – man feiert sie dafür als visionär. Dagegen gelten weniger berühmte Kollegen, die ihre künstlerische Handschrift ändern, leicht als unentschieden und unbeständig; das schadet ihrem Nachruhm.

 

Info

 

Auguste Herbin

 

03.06.2025 - 19.10.2025

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, Luisenstraße 33, München

 

Begleitband 5 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

So ist es auch Auguste Herbin (1882-1960) ergangen: Zu Lebzeiten war der Nordfranzose hoch angesehen. Vor allem wegen seines Spätwerks wurde er als Nestor der abstrakten Malerei verehrt; seine Arbeiten waren drei Mal auf der documenta zu sehen – 1955, 1959 und posthum 1972. Doch mit der sinkenden Popularität der Abstraktion schwand auch die von Herbin. Jahrzehntelang geriet er weitgehend aus dem Blick. Erst im vergangenen Jahr präsentierte das Pariser Musée de Montmartre eine umfassende Herbin-Retrospektive. Nun stellt ihn das Lenbachhaus mit rund 50 Arbeiten ausführlich vor; in der ersten ihm gewidmeten Werkschau hierzulande seit 1997.

 

In allen modernen Strömungen glänzen

 

 

Eine überfällige Wiederentdeckung: Herbin stand zwar nie im Rampenlicht, doch er war an vielen Strömungen der Klassischen Moderne maßgeblich beteiligt – und brillierte in jeder von ihnen. Ähnlich wie der vier Jahre ältere Albert Weisgerber, der einer der vielseitigsten deutschen Maler seiner Zeit war und jeden um 1900 gängigen Stil virtuos beherrschte. Doch Weisgerber fiel im Ersten Weltkrieg – dagegen konnte Herbin sein Œuvre noch ein halbes Jahrhundert lang weiter entwickeln.

Feature zur Ausstellung. © Städtische Galerie im Lenbachhaus


 

Erst Postimpressionist, dann Fauvist

 

Als Arbeiterkind nahe der belgischen Grenze geboren, besuchte er eine Schule für Kunsthandwerk und anschließend die Kunsthochschule in Lille; diese solide Ausbildung prägte wohl sein diszipliniertes Arbeitsethos. 1901 zieht er nach Paris und eignet sich autodidaktisch Techniken der Avantgarde an. Schon seine ersten postimpressionistischen Gemälde, etwa das Selbstporträt von 1906, zeugen von seinem ausgeprägten Sinn für Bildaufbau und delikate Farbgebung.

 

1907 schickt ihn der in Paris lebende deutsche Kunsthändler Wilhelm Uhde nach Korsika. Herbin ist begeistert vom strahlenden Licht des Südens und malt farbintensive, wild bewegte Landschaften, die Einflüsse von Van Gogh und Cézanne verraten. Auch das Porträt des anarchistischen Schriftstellers Erich Mühsam, der sich 1907 in Paris aufhält, ist in diesem Duktus gehalten. Damit reüssiert Herbin als Fauvist; 1908 richtet ein Galerist dem 26-Jährigen seine erste Einzelausstellung aus.

 

Zurückgezogen mitten im Bateau-Lavoir

 

Danach geht es Schlag auf Schlag: 1909 vermittelt Uhde ihn nach Hamburg. Herbin gewinnt dem trüben norddeutschen Wetter originelle Ansichten des Hafens oder der Obstbäume im Alten Land ab. Zurück in Paris, zieht Herbin in das legendäre Ateliergebäude „Bateau-Lavoir“ auf dem Montmartre ein; als Nachbar von u.a. Picasso, Georges Braque, Juan Gris und Otto Freundlich, mit dem er später intensiv zusammenarbeiten wird.

 

Nun ist er einerseits mitten in dem Milieu, in dem der Kubismus entsteht – andererseits lebt er sehr zurückgezogen. „Er trifft niemanden, geht nie in Cafés, interessiert sich nur für sich und seine Arbeit plus ein oder zwei Bücher. Er malt nur zur eigenen Zufriedenheit, immerhin, und schert sich nicht um den Rest der Welt“, charakterisiert ihn 1910 der US-Kunstkritiker Gelett Burgess.

 

Galeristen-Vertrag ab 1916

 

Trotz seiner Zurückhaltung beobachtet er genau die Kunst-Szene um ihn herum und verschreibt sich bald dem Kubismus. Auf Bildern wie „Obstschale, Karaffe und Orangen“ von 1912 zerlegt er mustergültig Gegenstände in hintereinander gestaffelte Flächen – anders als Picasso und Braque bleicht Herbin aber seine Farbpalette nicht aus, sondern greift stattdessen zu leuchtenden Tönen.

 

Dabei experimentiert er mit eklektischen Mischformen. Beim Gemälde „Frauen und Kinder“ (1914) sind die Körper in kubistisch anmutende Farbflächen aufgelöst – die Gesichter hingegen allenfalls ankubisiert, was den Personen ein recht uneinheitliches Gepräge gibt. 1916 nimmt ihn Léonce Rosenberg unter Vertrag; er wird mit seiner Galerie „L’Effort moderne“ jahrzehntelang eine zentrale Rolle im Pariser Kunstbetrieb spielen.

 

Sechs Jahre lang Neue Sachlichkeit

 

Ihn beliefert Herbin nicht nur mit Bildern, sondern auch mit Fresken, Holzreliefs, Möbeln und totemartigen Skulpturen. Letztere schmückt er mit abstrakten geometrischen Mustern, die von archaischen Formen präkolumbischer indianischer Kunst inspiriert sind, wie sie zeitgleich auch etwa der US-Maler Marsden Hartley (1877-1943) verwendet.

 

Leider sind solche Objekte in der Flaute nach dem Ersten Weltkrieg Ladenhüter. Rosenberg verlangt 1921 von Herbin, besser verkäufliche Ware zu liefern. Daraufhin schafft dieser sechs Jahre lang vor allem Landschaften und Stillleben, die modernistisch geglättet und stilisiert erscheinen – in Frankreich wird diese Malweise „Retour à l’ordre“ („Rückkehr zur Ordnung“) genannt, in Deutschland „Neue Sachlichkeit“.

 

Kommunist ohne Dogma

 

Ende der 1920er Jahre wendet sich Herbin wieder der Abstraktion zu; diesmal für immer. Zunächst in biomorph anmutenden Varianten: Verschlungene Formen in fast schon knalligen Farben fordern Assoziationen mit Augen, Schnäbeln, Mündern und anderen Körperteilen heraus. Was er in den 1930er Jahren zugunsten flächiger Arrangements reduziert; auch in Auseinandersetzung mit dem Dogma des Sozialistischen Realismus.

 

Dem widerspricht Herbin entschieden; er ist zwar seit 1920 Mitglied der Kommunistischen Partei, hält aber eine abstrakte „Kunst für alle“ für das richtige Medium, um das Bewusstsein zu verändern und eine gerechtere Gesellschaft herbeizuführen. Das verbindet ihn mit seinem Freund Otto Freundlich; der linke jüdische Künstler, der seit 1908 in Frankreich lebt und dessen Werk ebenfalls zwischen Figuration und Abstraktion changiert, macht ihn mit sozialistischen deutschen Kollegen bekannt.

 

Präsident von Abstraction-Création

 

1931 wird in Paris die Interessen-Gemeinschaft „Abstraction-Création“ gegründet. Sie soll für mehr Akzeptanz von abstrakter Kunst werben; auch in Gegnerschaft zur surrealistischen Bewegung, welche den zeitgenössischen Kunst-Diskurs dominiert.

 

„Abstraction-Création“, deren Präsident Herbin kurzzeitig wird, ist mit Jahresheften oder anderen Aktivitäten zeitweilig recht erfolgreich und zählt bald 400 Mitglieder, doch 1937 löst sich die Gruppe auf. Wobei die erhoffte Akzeptanz teilweise erreicht worden ist: Im selben Jahr gestaltet Herbin die Wand eines Kinos auf der Weltausstellung in Paris mit großformatigen, wirbelnden Motiven – Entwürfe sind in dieser Schau zu sehen.

 

Malen nach Buchstaben

 

Ende der 1930er Jahre unterlegt Herbin seine Malerei mit Studien über Goethes Farbenlehre und anthroposophische Spekulationen. Was seine Bilder nicht theoretisch oder esoterisch ausmergelt, im Gegenteil: „Réalité spirituelle“ von 1939 vibriert geradezu vor dynamischen Bewegungen in glühenden Farben. Seinen Hang zur Systematik treibt der Künstler voran, indem er in den 1940er Jahren ein „Alphabet plastique“ ausformuliert. Darin ordnet er jedem Buchstaben bestimmte Grundformen und Farbtöne zu.

 

Dieses Alphabet wird zur Basis für sein Spätwerk, allerdings nicht schematisch: Herbin entnimmt ihm Anregungen für Kompositionen, die er anschließend auf der Leinwand individuell ausgestaltet. Was ihm endlich die verdiente Anerkennung verschafft: Als Sekretär der 1946 formierten „Association Réalités Nouvelles“ profitiert er vom Interesse an abstrakter Malerei, das nach dem Zweiten Weltkrieg sprunghaft anwächst. Bis zu seinem Tod 1960 wird sein Schaffen im Kunstbetrieb und in den Medien häufig beachtet.

 

Reine Farben wirken lebendig

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Kosmos Kandinsky – Geometrische Abstraktion im 20. Jahrhundert" im Museum Barberini, Potsdam

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Marsden Hartley: Die deutschen Bilder 1913-1915" über Ethno-Abstraktion des US-Malers in der Neuen Nationalgalerie, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Hilma af Klint und Wassily Kandinsky – Träume von der Zukunft" – Vergleichs-Schau zweier Pioniere der abstrakten Malerei unter Einfluss der Theosophie im K20, Düsseldorf

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Otto Freundlich – Kosmischer Kommunismus" – eindrucksvolle Retrospektive des 1943 in Sobibor ermordeten jüdischen Künstlers in Köln + Basel

 

und hier einen Artikel über die Ausstellung "Albert Weisgerber: Malerei" – Wiederentdeckung des im Ersten Weltkrieg gefallenen Künstlers im Edwin Scharff Museum, Neu-Ulm

 

und hier eine Kritik der Ausstellung "Augengespenst und Urphänomen – 200 Jahre Goethes Farbenlehre" im Goethe-Nationalmuseum, Weimar.

 

Nichts ist beständiger bei Herbin als der Wechsel: Wundersamerweise gelingt es dem Lenbachhaus, all seine Schaffensphasen in einem einzigen Saal unterzubringen, ohne ihn zu überfrachten. Indem jede Phase nur durch wenige Arbeiten vertreten ist: Das hat den Vorteil, sie unmittelbar mit der vorangegangenen und der folgenden vergleichen zu können. Trotz aller Wandelbarkeit treten dabei auch Konstanten in seinem Lebenswerk hervor.

 

Zuvörderst: Herbin schöpft die Farbpalette voll aus. Gedämpfte Töne sind nicht seine Sache; er bevorzugt reine Farben, deren Strahlkraft er durch Komplementärkontraste noch hervorhebt. Das lässt auch ungegenständliche Sujets ungewöhnlich bewegt wirken, beinahe lebendig. So scheinen abstrakte „Tänzerinnen“, die er 1918 – und ein weiteres Mal 1942 – malt, den Betrachter geradezu anzuspringen.

 

Hervorragender Fünf-Euro-Begleitband

 

Zudem hat der Maler ein außergewöhnliches Gespür für Kompositionen, die in Farb- und Formwahl harmonisch wirken. Selbst das auf einfache Umrisse reduzierte Spätwerk wirkt nie abweisend oder langweilig. Im Gegenteil: Diese Zusammenstellungen sind derart gefällig, dass sie fast als dekorativ gelten dürfen. Was sicherlich mit Herbins Überzeugung verbunden ist, ein Künstler solle keine l’art pour l’art schaffen, sondern das Dasein bereichern: „Durch seine Werke macht er seine ganze Person der Allgemeinheit zum Geschenk“, schrieb er 1949.

 

Ähnlich am Wohl der Allgemeinheit orientiert ist der hervorragende Begleitband: kein dickleibiger Katalog, in dem Dutzende von Aufsätzen Aspekte behandeln, die mit dem Thema oft nur am Rande zu tun haben. Sondern eine handliche Broschüre mit 96 Seiten für nur fünf Euro, in der Kuratorin Susanne Böller des Künstlers Leben und Werk anschaulich darstellt. Präzise an der Struktur der Ausstellung ausgerichtet; darin kann man tatsächlich während der Besichtigung rasch nachschlagen und -lesen. Und alle in der Schau gezeigten Werke sind auch im Buch abgebildet; das würde Herbin gewiss gefallen.