
Die junge Buchhändlerin Agathe (Camille Rutherford) erfüllt alle Klischees einer glühenden Verehrerin von Jane Austen (1775-1817): Sie ist jung, Dauersingle, linkisch und verträumt. Tagsüber arbeitet sie in einem Laden für englische Literatur in Paris, in ihrer Freizeit schreibt sie Liebesromane auf Englisch. Von amourösen Erfahrungen aus erster Hand ist sie weit entfernt; darum schöpft sie für ihre Geschichten aus Erzählungen ihres besten Freundes und Arbeitskollegen Felix (Pablo Pauly) über sein Liebesleben.
Info
Jane Austen und das Chaos in meinem Leben
Regie: Laura Piani,
94 Min., Frankreich 2024;
mit: Camille Rutherford, Pablo Pauly, Charlie Anson
Weitere Informationen zum Film
Schreibblockade + Gefühlschaos
Dort trifft sie nicht nur auf andere Schriftsteller, sondern auch auf den Ur-Ur-Ur-Ur-Neffen ihres Idols Jane Austen: Oliver (Charlie Anson) ist Literaturprofessor, schätzt aber die Werke seiner Vorfahrin wenig, weil er sie für Herzschmerz-Romane hält. Der Logik der romantischen Komödie folgend, ist er im passenden Alter für Agathe und zudem gerade frisch geschieden. Genau der Richtige also für ein wenig Gefühlschaos bei der selbstredend von Schreibblockade geplagten Autorin. Dann taucht auch noch überraschend Felix auf, der sie kurz vor der Abfahrt intensiv geküsst hat.
Offizieller Filmtrailer
Figuren wie in „Stolz und Vorurteil“
Für ihr Spielfilmdebüt als Regisseurin verlässt sich Laura Piani wohl zu sehr auf die Strahlkraft des Namens Jane Austen. Der weckt bei ihren Leserinnen leicht Assoziationen an verträumte Frauengestalten, die in hübschen Kostümen durch sattgrüne Auen wandern und einem Galan hinterher schmachten. Regisseurin Piani spielt mit diesen Klischees und will sie allzu offensichtlich unterwandern.
Im Grunde hält sie sich dafür an die Figurenstruktur von Austens berühmtestem und mehrmals verfilmten Roman „Stolz und Vorurteil“. In ihm muss die Hauptfigur Elizabeth Bennet die im Titel genannten Eigenschaften überwinden, um letztlich in Mr. Darcys Armen zu landen. Dagegen ist in Pianis Film die Hauptfigur keine spitzzüngige Landadlige, sondern eine anfangs fast kindlich naiv wirkende Mittdreißigerin.
Unbeholfene Schritte ins Erwachsensein
Sie lebt mit ihrer Schwester und deren Sohn zusammen und hat eine geradezu neurotische Angst vor allem Unvorhergesehenen. Erklärt wird das mit einem Autounfall, bei dem sie ihre Eltern verloren hat. Agathes Verschrobenheit erscheint so als bewusste Entscheidung, was ihre Flucht in literarische Welten verständlich machen soll. Wie Austens Figuren muss Agathe im Laufe der Geschichte endlich erwachsen werden. Der Aufenthalt in der malerischen „Residency“ ist da nur der erste Schritt.
Hier kämpft sie zunächst mit ihren Komplexen, aber auch den rustikalen Gegebenheiten des Landlebens. So dienen ihre Ausflüge in die Natur nicht allein der Erbauung, sondern öfter der verzweifelten Suche nach Netzempfang im provinziellen Funkloch. Im Gegensatz zu den anderen Autoren im Haus kann sie die abgeschiedene Ruhe nicht genießen und stolpert unbeholfen in mehrere Fettnäpfchen.
Hauptdarstellerin zu anmutig für ihre Rolle
Ein wenig erinnert sie damit an die ebenfalls von Jane Austen inspirierte Roman- und Filmfigur „Bridget Jones“. Wie in deren Tagebüchern bemühen sich auch in Pilanis Film am Ende zwei Herren – Felix und Oliver – um die Gunst des Dauersingles. Von diesen Parallelen abgesehen, hat Agathe so wenig mit Bridget Jones wie mit Elizabeth Bennet gemeinsam: Sie ist alles andere als eloquent und fast pathologisch schüchtern, aber dennoch liebenswert.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Love & Friendship" – geistreiche Gesellschafts-Komödie nach dem Roman "Lady Susan" von Jane Austen, verfilmt durch Whit Stillman
und hier eine Besprechung des Films „Dido Elizabeth Belle“ – gelungenes Biopic einer schwarzen Admirals-Tochter im England des 18. Jahrhunderts von Amma Asante im Stil von Jane Austen
und hier einen Beitrag über den Film "Mary – Königin von Schottland" – exzellent inszenierter Historienfilm über Maria Stuart von Thomas Imbach mit Camille Rutherford.
Schöne Ausstattung, wenig Überraschungen
Dagegen sind die Charaktere des Draufgängers Felix und des Intellektuellen Oliver wesentlich glaubhafter geraten. Auch das dezidiert zeitlose Setting ist sowohl in Paris wie in der fiktiven, aber wunderschön ausgestatteten britischen Residenz rundum gelungen. Das kommt vor allem am Ende zur Geltung, als die Hauptfiguren in historischen, Jane Austens Epoche nachempfundenen Kostümen auf einem Ball zusammentreffen.
Wohlig hineinfallen lassen kann man sich in die vor allem für Literaturliebhaber vorhersehbare Geschichte dennoch nicht: Zu sehr spürt man den Willen von Regisseurin Piani, der Titelgeberin in jeder Hinsicht gerecht zu werden. Die zwei sehr verschiedenen Schauplätze und das ständige Wechseln der Protagonisten zwischen Englisch und Französisch in der Originalfassung sind da noch das Originellste an diesem Film.
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