
Der unendliche Bucherfolg: Um die Jugendliteratur von Michael Ende führte in den 1980er Jahren kaum ein Weg vorbei – sie wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt. Bereits 1960 erschien seine erste und dezidiert antirassistische Geschichte über „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“; deren Verbreitung beschränkte sich zunächst auf den deutschsprachigen Raum.
Info
Momo
Regie: Christian Ditter,
91 Min., Deutschland/ Kroatien/ Slowenien 2024;
mit: Alexa Goodall, Araloyin Oshunremi, Kim Bodnia
Weitere Informationen zum Film
Zeitsparkasse stiehlt Zeit
Beide Verfilmungen folgten werkgetreu der Romanhandlung: In einem Amphitheater in einer fiktiven, aber merklich italienisch inspirierten Großstadt lebt die elternlose Momo. Sie ist arm, aber ihre Fähigkeit zum Zuhören und Hinterfragen macht sie unentbehrlich für ihr Umfeld. Dann erscheinen die „Grauen Herren“, geben sich als Vertreter einer „Zeitsparkasse“ aus und beginnen, den Bewohnern der Stadt ihre Zeit zu stehlen.
Offizieller Filmtrailer
Hochhäuser + enge Gassen nebeneinander
Momo findet heraus, dass die eingezahlte Zeit natürlich nicht gespart wird, denn sie ist das Lebenselixier der Grauen. Mithilfe des greisen Meister Hora, des Wächters über die Zeit, und seiner klugen Schildkröte Cassiopeia gelingt es Momo, die Machenschaften der Zeitdiebe zu vereiteln.
Auch die aktuelle Verfilmung von Christian Ditter (Buch und Regie) hält sich an diese Vorlage. Der Film spielt in der Gegenwart: In einer modernen, aber auch leicht fantastischen mediterranen Metropole liegen spiegelnde Hochhaus-Fassaden und enge, pittoreske Gassen nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Gedreht wurde an der kroatischen Adriaküste, etwa in der Stadt Pula, die sich durch ihr beeindruckendes Amphitheater anbot.
Keine Zeit für Freundschaft mit Heldin
Die neue Titelheldin Alexa Goodall erinnert mit ihrer feuerroten Mähne kaum an den Lockenkopf von Radost Bokel, der ursprünglichen Momo in der Verfilmung von 1986. Goodall hat eine beeindruckende Haarpracht und blaue Augen, wirkt aber eher altklug als empathisch. Besondere schauspielerische Leistungen werden ihr nicht abverlangt, denn schon bei der Einführung ihrer Figur schlägt der Film ein enormes Tempo an.
Zu Beginn des Romans hat sich Michael Ende viel Zeit genommen, den Prozess der Annäherung zwischen Momo und ihren kindlichen wie erwachsenen Freunden zu schildern. So konnte die Leserschaft selbst Freundschaft mit der Hauptfigur schließen und ein Gefühl dafür bekommen, was in der weiteren Geschichte auf dem Spiel steht. Für einen so langatmigen Aufbau hat das Kino 2025 keine Zeit: Momos Status als moralische Instanz wird im Handumdrehen klargestellt.
Armbänder als Lebenszeit-Messer
Dass dies einigermaßen gut geht, verdankt sich dem restlichen Ensemble, zu dem bekannte Namen wie Claes Bang und Martin Freeman zählen. Indem Regisseur Ditter am Anfang vermeintlich wertvolle Zeit einspart, die er später für den Showdown brauchen wird, ist er ironischerweise selbst in die Falle der Grauen Herren getappt. Aber heutige Kinder empfinden das möglicherweise anders und finden sich in dieser Welt schnell zurecht.
Der Film konzentriert sich nun vor allem auf die Konfrontation zwischen Momo und den in schickes Grau gekleideten Zeitdieben, zu denen jetzt natürlich auch Graue Damen gehören. Zeichen der Zeit: Die Bösewichte rauchen nicht mehr aschgraue Zigarren – sie vapen. Auch die zuvor eher magische Funktionsweise der Zeitsparkasse wurde technologisiert: Wie im Science-Fiction-Film „In Time – Deine Zeit läuft ab“ (2011) von Andrew Niccol zeigen nun Armbänder die verbleibende Lebenszeit der Menschen an.
Was dystopisch war, ist Normalität
All das schadet allerdings kaum der Substanz der Handlung. Ende wollte 1973 – inspiriert u.a. von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie – vor Entfremdung durch Technik und dereguliertes Finanzwesen warnen. Doch welche Rolle Digitalmedien wie Internet und Smartphones einmal spielen würden, konnte er selbstredend nicht voraussehen. Trotzdem erweist sich sein Blick in die Zukunft als erstaunlich prophetisch; so wirkt das Geschehen auch heute noch ziemlich einleuchtend.
Hintergrund
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Realität überholt Zukunftsvision
So spinnt der Film vor allem die Science-Fiction-Elemente der Vorlage weiter. Von der Märchenhaftigkeit des Romans bleiben die Schildkröte Cassiopeia, Momos treue Begleiterin, als Publikumsliebling und die Niemalsgasse mit ihrer eigenwilligen Physik – die Zeit läuft hier rückwärts. Dagegen wurden manche anthroposophisch geprägte Metaphern wie Momos Reise in ihr eigenes Herz und die Rolle der Sphärenmusik entweder geopfert oder eingeebnet.
Damals wie heute dürfte das Werk bei Kindern bestenfalls kognitive Dissonanz hervorrufen: Früher wurden sie mit den Büchern „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ aufs Zimmer geschickt, damit die Eltern mal ihre Ruhe haben. Heute werden Kinder durch Momo vor einer Welt der permanenten Beschleunigung gewarnt, aus der für sie ohnehin kein Entkommen möglich ist: Die Zukunftsvision von Michael Ende ist von der Realität schlicht überholt worden.
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