Stéphane Sorlat

Das Geheimnis von Velazquez

Das Gemälde "Las Meninas" von Diego Velázquez , 1656. Foto: Neue Visionen
(Kinostart: 20.11.) Alles überall auf einmal: Seinen Essay-Film über Leben und Werk des spanischen Barockmalers reichert Regisseur Stéphane Sorlat mit derart vielen Experten-Stimmen und anderen Elementen an, dass ohne Vorkenntnisse Verwirrung droht. Dadurch wirkt dieses Patchwork sehr französisch.

Unter den allseits gerühmten Giganten der Alten Meister ist Diego Velázquez (1599-1660) hierzulande wohl der am wenigsten bekannte. Aus einem einfachen Grund: Von den rund 200 Gemälden, die der spanische Hofmaler hinterlassen hat, befindet sich nur eine Handvoll in deutschen Museen. Der Löwenanteil blieb in Spanien; allein der Prado in Madrid kann mehrere Säle mit Velázquez‘ Gemälden füllen. Etliche gelangten im Lauf der Zeit in die angelsächsische Welt.

 

Info

 

Das Geheimnis von Velázquez

 

Regie: Stéphane Sorlat,

91 Min., Frankreich 2025;

 

Weitere Informationen zum Film

 

Über einige Spitzenwerke vefügt auch das Kunsthistorische Museum in Wien. Dagegen besitzt die Dresdener Gemäldegalerie nur drei Bilder, ihr Berliner Pendant zwei und die Alte Pinakothek in München nur ein Bild von Velázquez‘ Hand – bis auf eine Musikanten-Gruppe in Berlin allesamt nachrangige Routine-Porträts. So kann man die Meisterschaft seiner Malerei kaum kennenlernen.

 

Überladenes Herzensprojekt

 

Daran dürfte diese Doku von Stéphane Sorlat wenig ändern – obwohl er erkennbar viel Herzblut hineingesteckt hat. Jahrzehntelang arbeitete er für „Unifrance“, eine staatliche Organisation zur Exportförderung für französische Filme. Außerdem hat Sorlat mehr als 40 Filme (ko-)produziert; bei dieser Velázquez-Doku agierte er erstmals als Regisseur. Doch wie das bei Herzensprojekten häufig so ist: Im Bestreben, alles unterzubringen, was ihm am Herzen lag, hat Sorlat sein Regiedebüt etwas überladen.

Offizieller Filmtrailer


 

Wohlklingendes bis wolkiges Wortgeklingel

 

Von Anfang an: Zu idyllischen Natur-Aufnahmen trägt Jean-Paul Belmondo eine Passage der „Velázquez“-Biographie von 1903 des französischen Kunsthistorikers Èlie Faure vor, der seinerzeit viel gelesen wurde. Das klingt dann so: „Im Schatten erhaschte er die Transparenz der Hintergründe, das farbenfrohe Pulsieren, aus dem er das unsichtbare Zentrum seiner stillen Symphonie schuf.“ Dass diese Lesung ein Ausschnitt aus dem Nouvelle-Vague-Klassiker „Pierrot le fou“ (1965) von Jean-Luc Godard ist, bleibt ungenannt.

 

Was eine Eigenart des französischen Feuilletonismus ist, die ihn vom hiesigen stark unterscheidet. Im Diskurs über Kunst und Kultur in Frankreich geht es häufig nicht darum, mit stichhaltigen Argumenten und präzisen Quellenangaben Leser oder Zuhörer zu informieren oder zu überzeugen. Stattdessen soll wohlklingendes bis wolkiges Wortgeklingel sie beeindrucken und ihre Assoziationen anregen, damit sie sich bereitwillig auf das in Rede stehende Werk einlassen.

 

Lyrischer Flug der Gedanken

 

Solche Rhetorik beherrscht der Regisseur virtuos: Indem er Star-Schauspieler Vincent Lindon lauter Texte von einem Dutzend Geistesgrößen – von Ovid bis Jean-Claude Carrière – raunend rezitieren lässt, die selten namentlich gekennzeichnet sind; ob und was Sorlat ergänzt hat, bleibt im Strom der Worte offen. Hauptsache, sie klingen poetisch: „Velázquez wirft den umherirrenden Flug der Harmonien auf die Leinwand, wie der Wind Blätter über die Erde sät und die Meeresoberfläche mit Schaum betupft.“

 

Lyrischer Flug der Gedanken prägt auch den Aufbau des Films. Zwar orientiert er sich grob an den wichtigsten Etappen von Velázquez‘ Vita: Ausbildung als Maler in Sevilla, Berufung an den Königshof in Madrid, dort unaufhaltsamer Aufstieg zum angesehensten Hof-Porträtisten, nur unterbrochen von zwei Reisen nach Italien. Doch innerhalb jedes Abschnitts überlässt sich Sorlat seinem stream of consciousness: Einzelne Bilder oder Eigenschaften des Œuvres werden angetippt, kurz besprochen oder schwärmerisch beschworen – dann rasch weiter zum nächsten.

 

Entlegene Archiv-Bilder von Duchamp et al.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "El Siglo de Oro – Die Ära Velázquez" – exzellenter Überblick über Barock in Spaniens Goldenem Zeitalter in Berlin + München

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Joaquín Sorolla – Spaniens Meister des Lichts" - opulente Retrospektive des iberischen Impressionisten in der Kunsthalle München

 

und hier einen Bericht über den Film "Der Schatten von Caravaggio" – opulentes Biopic über den Barock-Starmaler von Michele Placido

 

und hier eine Kritik des Films "Ecce Homo – Der verlorene Caravaggio" – Dokumentation über einen Kunstfund von Álvaro Longoria

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Zurbarán – Meister der Details" – grandiose Werkschau des spanischen Barock-Malers Francisco de Zurbarán im Museum Kunstpalast, Düsseldorf.

 

Dafür bietet der Regisseur nicht weniger als 17 Experten auf: Kuratoren, Kunsthistoriker und -kritiker, Theater- und Filmregisseure sowie eine Restauratorin. Alle haben teils Geistreiches, teils Banales zu sagen – ihre eng getakteten Statements wirken oft schlüssig und zuweilen verwirrend, als seien die O-Töne beim Schnitt durcheinander geraten. Überdies gibt sich Sorlat große Mühe, Velázquez‘ enormen Einfluss auf nachfolgende Künstlergenerationen nachzuzeichnen.

 

Bei Malern des 18./19. Jahrhunderts wie Goya, Manet, Courbet, Monet und Renoir müssen Bildbeispiele und knappe Zitate herhalten – manchmal zu knapp: Der außerhalb Spaniens wenig geläufige Impressionist Joaquín Sorolla wird herbeizitiert wie ein alter Bekannter. Doch von Künstlern des 20. Jahrhunderts wie Marcel Duchamp, Salvador Dalì und Francis Bacon hat der Regisseur entlegene Archiv-Aufnahmen aufgetrieben, in denen sie die Ausnahmestellung des Barock-Künstlers rühmen. Dass sogar der Neo-Expressionist Julian Schnabel wortreich Velázquez als maßgebliches Vorbild preist, überrascht.

 

Inspirierend oder konfus

 

Damit nicht genug: Sorlat hat ebenso kurze Auszüge aus der Verdi-Oper „Rigoletto“, Werken des spanischen Barock-Dramatikers Calderón und des proto-absurden Theaterstücks „Sechs Personen suchen einen Autor“ (1921) von Luigi Pirandello eingebaut. Damit will er bestimmte Aspekte von Velázquez‘ Malstil erhellen – welche und wie, bleibt mangels Erläuterung völlig offen.

 

So gerät diese Doku trotz aller Sorgfalt, die offenkundig in ihr steckt, zum zwiespältigen patchwork: Wer mit Velázquez‘ Schaffen und seinen bedeutendsten Hauptwerken wie dem Bildnis von Papst Innozenz X. (1650), „Las Meninas“ (1656) oder „Las Hilanderas“ (1658) halbwegs vertraut ist, dürfte sie erhellend finden wie eine gute, obgleich unsystematische Museumsführung. Wem Vorkenntnisse fehlen, den dürfte der Wirbel aus Gedanken und Aperҫus eher abschrecken. Letztlich ist es Geschmackssache: Was den einen inspiriert, findet ein anderer konfus.