Channing Tatum

Der Hochstapler – Roofman

Nach seinem Gefängnisausbruch möchte Jeffrey Manchester (Channing Tatum) keinesfalls gefasst werden. Foto: Leonine Studios
(Kinostart: 26.11.) Zwischen Spielzeugladen und Patchwork-Familie: Regisseur Derek Cianfance porträtiert in seiner Tragikomödie einen Seriendieb, der zwischen Cocooning und Ersatzvater-Dasein hin und her pendelt. Mit Humor und Humanismus gelingt ihm ein Krimi der etwas anderen Art.

Ein US-Schnellimbiss am frühen Morgen: Neonlicht fällt auf sterile Oberflächen, an denen drei Mitarbeiter ihren Arbeitstag vorbereiten. Dann hören sie einen dumpfen Aufprall. Im nächsten Moment steht, als sei er vom Himmel gefallen, ein maskierter Mann vor ihnen und versichert, er werde ihnen nichts tun, solange sie kooperieren. Nachdem ihm das Geld aus der Kasse ausgehändigt wurde, sperrt er die Mitarbeiter in den Kühlraum.

 

Info

 

Der Hochstapler – Roofman

 

Regie: Derek Cianfrance,

126 Min., USA 2025;

mit: Channing Tatum, Kirsten Dunst, Peter Dinklage

 

Weitere Informationen zum Film

 

Der Filialleiter zittert, weil er nur ein dünnes Hemd trägt. Der Einbrecher hält kurz inne, flucht, zieht seine Jacke aus und reicht sie dem Mann. Von solchen Augenblicken lebt “Der Hochstapler – Roofman” des US-Regisseurs Derek Cianfrance: Empathie und Grenzübertritt, Fürsorge und Fluchtverhalten. Der Räuber heißt Jeffrey Manchester (Channing Tatum) und ist kein böser Kerl. Er will bloß ein besseres Leben für seine Kinder, und dass seine Frau ihn nicht einen Verlierer nennt.

 

Durchs Dach zur Beute

 

Für seinen Freund Steve (Lakeith Stanfield) ist Jeffrey ein Genie: technisch begabt und rastlos. Der Ex-Soldat kann Räume analysieren wie andere Gesichtsausdrücke — er erkennt ihre Schwachstellen und Fluchtwege. Als Steve seinem vermeintlichen loser-Freund davon erzählt, kommt der auf die Idee, Löcher in die Dächer von Burger-Restaurants zu bohren und sich so Einlass von oben zu verschaffen. So raubt „Roofman“ 45 Filialen aus; mit der dabei ergatterten Beute kauft er seiner Familie das ersehnte Haus mit Garten.

Offizieller Filmtrailer


 

Das Phantom des Spielzeugladens

 

Das geht nicht lange gut. Jeffrey fliegt auf und wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch auch im Gefängnis nutzt er seine Talente: Er bricht aus und nistet sich in einem Spielzeugladen ein. Tagsüber liegt er still in einer Ecke, ernährt sich von „M&Ms“-Schokodrops aus dem Süßigkeiten-Regal und amüsiert sich nachts in leeren Gängen. Das zählt zu den besonders komischen Szenen des Films; sie wirken zwar leicht übertrieben, doch die Geschichte von Roofman ist tatsächlich passiert.

 

Regisseur Cianfrance überzeichnet sie in seiner freien Nacherzählung nicht ins Groteske, sondern konzentriert sich auf die menschliche Seite. So beobachtet Jeffrey über eine von ihm installierte Sicherheitskamera, wie Filialleiter Mitch (Peter Dinklage) sein Personal ausbeutet. Darunter leidet insbesondere die alleinerziehende Leigh (Kirsten Dunst), der Mitch immer wieder Wochenend-Schichten aufbrummt, obwohl sie sich um ihre Kinder kümmern muss.

 

Nicht Held, nicht Anti-Held

 

Für Jeffreys Gerechtigkeitssinn ist das eine Zumutung. Eines Nachts schleicht er sich ins Büro des Ladens und ändert kurzerhand den Schichtplan zu Leighs Gunsten. Schließlich verlässt er nach Monaten sein Versteck und besucht einen Gottesdienst der lokalen Kirchengemeinde, deren Mitglied Leigh ist. Sie verlieben sich, und Jeffrey beginnt ein Doppelleben zu führen: Tagsüber ist er Leighs Partner und Ersatzvater ihrer beiden Töchter, nachts schleicht er sich zurück in sein öffentliches Versteck.

 

Tatum spielt diesen gespaltenen Charakter weder als strahlenden Helden noch als Anti-Helden. Tatendrang und Unsicherheit sind bei ihm gleichzeitig deutlich sichtbar. Er scheint einen fast kindlichen Wunsch nach Anerkennung zu haben, die er von Leigh endlich bekommt. Kirsten Dunst spielt sie so authentisch wie elegant – erschöpft, aber nicht gebrochen; skeptisch, aber offen genug, um Nähe zuzulassen.

 

Zwischen Verbrechen und Familienglück

 

Dabei vermeidet der Regisseur Sentimentalität. Stattdessen erkundet er, wie zwischen zwei Menschen Nähe entsteht, die nicht viel haben außer ihrer Sorge füreinander. Das ist klug, weil der Film seine Charaktere ernst nimmt, ohne sie zu romantisieren. Und doch bleibt Cianfrance manchmal zu vorsichtig. Er gibt Jeffrey viel Raum, doch er schützt die Zuschauer davor, die schlimmen Konsequenzen seiner Entscheidungen wirklich spüren zu müssen.

 

Natürlich macht Leighs neuer Partner im Taumel zwischen Verbrechen und Familienglück irgendwann einen Fehler. Zurück bleibt ein merkwürdiges Gefühl: dass man einer Figur zugesehen hat, die sich verzweifelt bemüht, eine Rolle zu leben, die ihr weder die Gesellschaft noch seine eigenen Familie geben wollte. Vielleicht rührt genau daher ein Gefühl von Nostalgie, das einen beim Zusehen beschleicht: nicht nach den 1990er Jahren, in denen die Geschichte spielt, sondern nach einer Welt, in der man nicht permanent sichtbar sein musste – und ein Spielzeugladen für sechs Monate als Versteck dienen konnte.

 

Träumerisch tönende Zeitreise

 

Hintergrund

 

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Seltsam, wie weit weg die Epoche wirkt, in der die Handlung spielt: Handys waren damals noch Telefone, nicht psychologische Waffen, die das Nervensystem ihrer Nutzer angreifen. Kameramann Andrij Parekh fängt diese Zeit auf 35-Millimeter-Film mit weichen Konturen gut ein. 

 

Zu diesem Gefühl passt auch der träumerische Soundtrack von Christopher Bear von der Indie-Rock-Band „Grizzly Bear“. Mit ihm hat der Regisseur Cianfrance bereits bei seinen Filmen “Blue Valentine” (2011) und “The Place Beyond the Pines” (2013) zusammengearbeitet. In beiden Filmen ging es ebenfalls um Männer, die sich zwischen Fürsorge und ihrem eigenen Scheitern zerrieben.

 

Schweres Thema, leichte Erzählung

 

Im neuen Film wirkt das schwere Thema leichter und zugleich erfrischend wenig moralisch. Es geht nicht darum, ob Jeffrey schuldig ist, sondern um die Bedeutung von menschlicher Nähe, die nur außerhalb der Regeln möglich erscheint. Wobei die Handlung klassisch linear und ohne Experimente erzählt wird; vielleicht der beste Weg, eine Geschichte vorzutragen, die neben all ihrem Witz weder zynisch noch naiv ist.