
„Die My Love“ beginnt wie viele Horrorfilme: Grace (Jennifer Lawrence) und Jackson (Robert Pattinson) sind jung und frisch verliebt. Er hofft immer noch auf eine Karriere als Musiker, sie möchte einen Roman schreiben. So weit und so vage sind ihre Zukunftspläne, als sie in einer langen Einstellung das verwaiste Haus von Jacksons Onkel irgendwo in Montana beziehen.
Info
Die My Love
Regie: Lynne Ramsay,
119 Min., USA/ Großbritannien 2025;
mit: Jennifer Lawrence, Robert Pattinson, Nick Nolte
Weitere Informationen zum Film
Libido-Verlust nach Niederkunft
Siehe da: Grace ist impulsiv, dominant und manchmal aufbrausend; Jackson dagegen ein passiv-aggressiver Träumer. Dabei scheinen beide zunächst außer Putzen, Bierchen trinken und Vögeln nicht viel zu tun zu haben. Als sich wie selbstverständlich Nachwuchs einstellt, sucht er sich einen Job, der nicht weiter erklärt wird, und verliert nach der Geburt seine Libido.
Offizieller Filmtrailer
In Erwartung eines Zusammenbruchs
Grace gibt sich dagegen an langen, ereignislosen Sommer-Nachmittagen ihren Fantasien hin. Ihr Romanprojekt ist vergessen, und wenn Jackson von seinen mehrtägigen Arbeitseinsätzen nach Hause kommt, gehen sich die beiden zunehmend auf die Nerven. Komplett isoliert sind sie dabei nicht, denn seine Verwandtschaft lebt in der Nähe. Aus ihren Besuchen bei Jacksons dementem Vater (Nick Nolte), seiner hellwachen Mutter (Sissy Spacek) und anderen Nachbarn erfährt man mehr über die Charaktere von Grace und Jackson.
Eine Weile ist das interessant, da alle Darsteller wirklich ihr Bestes geben; zudem steht stets die Erwartung des kommenden Zusammenbruchs im Raum. Der geschieht allerdings schleichend und elliptisch: durch immer mehr Rückblenden, Zeitsprünge und Schreckensmomente, während Störgeräusche auf der Tonspur akustischen Dauerstress verursachen. Derweil strapaziert Grace mit diversen manischen Episoden die Grenzen der Belastbarkeit ihrer Umgebung. Bald lässt sich nur an ihren – meist selbst zugefügten – Blessuren ablesen, wo sich der Film auf der Zeitachse gerade befindet.
Horror durch erkaltete Liebe
Mit dieser Erzählstruktur war Regisseurin Lynne Ramsay schon einmal erfolgreich. Ihr Familiendrama „We need to talk about Kevin“ von 2011 analysierte gnadenlos die Entfremdung zwischen einer Mutter, gespielt von Tilda Swinton, und ihrem Sohn, der zum Gewalttäter wird. Die quälende Kernfrage blieb im Raum hängen: War die Mutter schuld, weil sie ihren Sohn nicht genug lieben konnte?
Auch in „Die My Love“ kommt der Horror nicht, wie sonst im Genre üblich, von außen über die Familie – sondern sie gebiert ihn selbst. Nur geht es diesmal schlicht um das Erkalten einer Liebesbeziehung. Der Film basiert auf dem Roman der argentinischen Schriftstellerin Ariana Harwicz; er lässt sich aber auch als Variation von Romanklassikern wie „Madame Bovary“ (1857) von Gustave Flaubert oder „Lady Chatterleys Liebhaber“ (1928) von D.H. Lawrence deuten.
Innenleben mit Sex- + Gewalt-Fantasien
Das Augenmerk der Regisseurin liegt dabei auf Graces postpartaler Depression nach der Geburt ihres Kindes und den alltäglichen Grausamkeiten zwischen den einstigen Liebenden. Die mühsam unterdrückten Aggressionen von Grace richten sich jedoch niemals gegen das eigene Baby. Dass und wie die Eheleute auseinanderdriften, wird sichtbar, wenn die Kamera Einblicke in Graces Innenleben gewährt. Was zur Folge hat, dass sich auch die filmische Realität mit ihren Vorstellungen vermischt, die mit Sex- und Gewalt-Fantasien aufgeladen sind.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "We need to talk about Kevin" – beklemmendes Mutter-Kind-Drama von Lynne Ramsay, Europäischer Filmpreis 2011
und hier eine Besprechung des Films "mother!" – alptraumhafter Horrortrip einer Schwangeren von Darren Aronofsky mit Jennifer Lawrence
und hier einen Beitrag über den Film "Der Geburtstag" – stilvolle Schwarzweiß-Tragikomödie über elterliche Überforderung von Carlos A. Morelli
und hier einen Bericht über den Film "Ein freudiges Ereignis" – realistische Tragikomödie über junge Eltern von Rémi Bezançon.
Seitensprung mit Klischee-Schwarzem
Zunächst scheint er ihr nachzustellen, wobei er nie seinen voll verkleideten dunklen Motorradhelm abnimmt. Später entpuppt er sich als ganz normaler Familienvater, aber auch als einziger Schwarzer in dieser Gegend. Näher am Klischee geht’s ja nun wirklich kaum. Dabei bleibt die Frage, wer wen zu diesem Seitensprung verführt hat, unaufgelöst – wie so vieles.
Die bittere Pointe des Films geht dagegen im Rauschen der unübersichtlich vermengten Realitäten fast unter. Dabei zeichnen sich gerade die imaginären und geträumten Sequenzen durch eine hervorragende Kameraarbeit aus. Doch sie bewirken letzlich nur, dass der Zuschauer schlicht nicht mehr versteht, was eigentlich gerade passiert.
Mitleid mit allen Akteuren
Solcherart mit unaufgelöster Spannung aufgeladen, vermag die im Grunde banale Story lediglich umfassendes Mitleid wecken: mit der von Jennifer Lawrence grandios gespielten Grace; mit dem überforderten, von Robert Pattinson plausibel verkörperten Jackson; mit ihrem Kind, einem bedauernswerten Hund und selbst dem Nachbarn, der zum Sex-Objekt degradiert wird.
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