Joaquin Phoenix + Emma Stone

Eddington

Sheriff Joe Cross (Joaquin Phoenix) und seine Hilfssheriffs Michael Cooke (Michael Ward) und Guy Tooley (Luke Grimes) an einem Tatort. Foto: Leonine Studios
(Kinostart: 20.11.) Beginnt interessant – und verliert dann den Verstand: Regisseur Ari Aster lässt alle Konflikte in den heutigen USA in einem verschlafenen Provinz-Nest frontal aufeinander krachen. Seine rabenschwarze Action-Horror-Western-Komödie ist raffiniert konstruiert, aber nichts für schwache Nerven.

Es war einmal in Amerika: Joe Cross (Joaquin Phoenix) ist der Sheriff von Sevilla County in New Mexico. Er ist kurzsichtig, leidet an Asthma, und ihm fällt es schwer, sich Respekt zu verschaffen. Zuhause versinkt seine Frau Louise (Emma Stone) in Depressionen, während ihre im selben Haus wohnende Mutter Dawn (Deirdre O’Connell) mit Verschwörungstheorien aus dem Internet nervt. Die haben Hochsaison: Mai 2020, zwei Monate nach Beginn der Covid-19-Pandemie.

 

Info

 

Eddington

 

Regie: Ari Aster,

148 Min., USA/ Großbritannien/ Finland 2025;

mit: Joaquin Phoenix, Pedro Pascal, Emma Stone, Austin Butler

 

Weitere Informationen zum Film

 

Soeben hat Bürgermeister Ted Garcia (Pedro Pascal) über die Stadt Eddington den Lockdown verhängt. Geschlossene Gaststätten, Versammlungsverbot und eine Maskenpflicht, an die er selbst nicht glaubt – all das überfordert den konfliktscheuen Sheriff. Dann wird die Nachricht bekannt, dass am 25. Mai der Schwarze George Floyd in Minneapolis durch Polizeigewalt ums Leben kam; es ist der Auslöser für die „Black Lives Matter“-Protestbewegung.

 

Depression nach Seitensprung?

 

Auch in Eddington kommt es zu Straßenblockaden und vereinzeltem Vandalismus, doch Cross hat weder den Mumm noch genug Zeit, um sich darum zu kümmern. Er hadert mit der Entfremdung von Louise und dem hartnäckigen Gerücht, die Ursache für ihren Gemütszustand sei eine Affäre mit dem beliebten Bürgermeister Garcia, die lange zurückliegen soll.

Offizieller Filmtrailer


 

Alternative Wahrheit ist Autosuggestion

 

Als Joe sich aus Eifersucht für die nächsten Wahlen zum Gegenkandidaten von Garcia aufstellen lässt, flüchtet Louise in die Arme eines charmanten Influencers (Austin Butler). Dessen Masche basiert auf der Behauptung, er sei als Kind sexuell missbraucht worden. Stimmt seine Geschichte? Wurde Louise ebenso Opfer eines häuslichen Missbrauchs? Oder streut ihre Mutter stattdessen eine Legende, um Garcia zu belasten? Das Drehbuch von US-Regisseur Ari Aster verrät es nicht.

 

Die Wahrheit verschwindet in diesem Film regelmäßig hinter dem, was die Figuren aus ihr machen, um sie der Geschichte anzupassen, die sie sich selbst über sich erzählen. So lässt sich der geistig nicht überragende Joe in seinem einsam geführten Wahlkampf dazu hinreißen, Garcia öffentlich als Vergewaltiger anzuklagen – eine von vielen Fehlentscheidungen, die der Sheriff fällt. Wie im Western üblich, greift er als nächstes zur Waffe und löst damit eine Welle der Gewalt aus.

 

Aufmerksamkeit für allseitige Überforderung

 

Auf jämmerliche Typen ist Joaquin Phoenix mittlerweile abonniert. In zwei Filmen von Todd Philipps spielte er einen „Joker“ bar jeder Komik, in Ari Asters letztem Film “Beau is Afraid“ mimte er ein freudsches Häuflein Elend. Die erneute Zusammenarbeit mit Aster scheint auf den ersten Blick in eine ähnliche Richtung zu weisen. Regisseur Aster gilt dank Filmen wie „Hereditary – Das Vermächtnis“ (2018) und „Midsommar“ (2019) als kreativer Erneuerer des Horror-Films.

 

„Eddington“ enthält gleichfalls Elemente dieses Genres, aber augenfälliger sind die Bezüge zum Western und zur aktuellen Politik. Viel Aufmerksamkeit widmet die Erzählung der Überforderung der Menschen durch die entfesselten Algorithmen der Sozialen Medien, die Verunsicherung durch die Pandemie und die demographische Mischung in Sevilla County. Dort lebt eine schrumpfende weiße Mittelschicht, eine kleine schwarze Minderheit und eine hispanic community auf dem Weg zur Mehrheit. Indigene Polizisten aus dem benachbarten Navajo-Pueblo beobachten das Treiben in Eddington mit Kopfschütteln.

 

Antifa-Attacke im Privatjet

 

Mit erstaunlich vielen Sprechrollen skizziert Regisseur Aster virtuos die Charaktere und ihre jeweilige Motivation. Dabei bleibt die Mischung aus Western-Parodie, Horrorfilm-Atmosphäre und Polit-Parabel bis zur Mitte des Films in der Balance. Dann landet sie unter den Rädern des grellsten Drehbuch-Einfalls: Ein bis an die Zähne bewaffnetes Kommando der „Black Lives Matter“-Bewegung fällt im Privatjet ein, um Eddingtons dreiköpfige Polizeimacht zu jagen.

 

Eine derart martialisch aufgestellte Organisation existierte bisher freilich nur in Bedrohungs-Fantasien der Trump-Administration. Spricht daraus die Sehnsucht, rechtsextremen Milizen in den USA etwas entgegenzusetzen? Oder will Aster davor warnen, dass die gegenwärtige Dämonisierung der Antifa in den USA sich als selbsterfüllende Prophezeiung erweisen könnte?

 

Mitleidloser Blick auf Provinz

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Beau is Afraid" – episches Psychogramm eines Schwerstneurotikers von Ari Aster mit Joaquin Phoenix

 

und hier eine Besprechung des Films "Midsommar" – unkonventioneller Mystery-Horror-Thriller von Ari Aster

 

und hier einen Beitrag über den Film "Joker: Folie à deux" – Fortsetzung des "Joker"-Welterfolgs über einen Serienmörder und sein Groupie als Musical von Todd Phillips mit Joaquin Phoenix + Lady Gaga

 

und hier einen Bericht über den Film "The Master" – ambivalentes Psychodrama über die Scientology-Sekte von Paul Thomas Anderson mit Joaquin Phoenix.

 

Was immer Aster dabei geritten haben mag, das Phantom einer linksradikalen cop killer-Elite-Einheit einfach mal wahr werden zu lassen: Es führt zu einer gewaltigen Schießerei im Stadtkern, die man aus der Sicht des Sheriffs miterlebt. Die Kamera umkreist den von Scharfschützen Gehetzten, bis der sich im Waffenladen mit schwerem Geschütz eindeckt; daraufhin reduziert sich seine Perspektive endgültig auf die eines ego shooter-Videospiels.

 

Mit einem Epilog, in dem Cross gewissermaßen in seinem persönlichen Inferno landet, endet eine rabenschwarze Komödie, in der es kaum etwas zu lachen gibt. Bei allem Respekt für die raffinierte Konstruktion sowie die Klasse von Regie und Besetzung bleibt ein bitterer Nachgeschmack: Asters Pessimismus lässt seinen Blick auf die Provinz herablassend und mitleidlos erscheinen. Ohnehin werden im Horror-Genre Psychosen, Gewalt und seelische Abgründe vorzugsweise in die Peripherie verlegt; „Eddington“ bildet da keine Ausnahme.

 

Willkommener Beleg für Trump

 

Die last frontier als Heilsversprechen des US-Siedler-Mythos‘ hat sich erledigt; nun machen sich die Bewohner das Leben gegenseitig zur Hölle. Aster bescheinigt fast allen Figuren eine Art Todestrieb, aber wen will er mit seinem Sarkasmus überzeugen – und wovon? Eine letzte Pointe könnte er freilich noch im Ärmel haben: wenn die Trump-Regierung diesen Film und seinen deus ex machina, die militante Antifa-Fraktion, zum Beleg für ihre eigenen Hirngespinste erklären sollte.