
Kaum ein Land hat so viel Geschichte wie Tansania: Der Staat in Ostafrika gehört zur „Wiege der Menschheit“. In seinem Norden wurden Steinwerkzeuge gefunden, die zu den ältesten bekannten zählen. Hochkultur im landläufigen Sinne entstand in Tansania ab dem 9. Jahrhundert, als sich an der Küste die Swahili-Kultur ausbreitete. Aus der Golfregion eingewanderte Araber und autochthone schwarze Küstenbewohner brachten eine Gesellschaft hervor, die vorwiegend vom Seehandel lebte.
Info
Geschichte(n) Tansanias
29.11.2024 - 25.05.2026
täglich außer dienstags 10 bis 18 Uhr
im Humboldt-Forum, Schlossplatz, Berlin
Weitere Informationen zur Ausstellung
Friedlich wegen Zersplitterung
Auch seit dem Ende der britischen Kolonialherrschaft 1961 und der Vereinigung von Tanganijka auf dem Festland mit der Insel Sansibar 1964 hat die neue Republik eine bemerkenswerte Geschichte erlebt. Anders als in den meisten afrikanischen Regionen gab es in Tansania nie Unruhen oder gar Bürgerkrieg – mit Ausnahme kurzer antiarabischer Pogrome auf Sansibar vor der Fusion. Und dies nicht trotz, sondern gerade wegen ethnischer Zersplitterung: Keine der etwa 130 Volksgruppen kann die anderen dominieren.
Interview mit Ko-Kuratorin Maike Schimanowski und Impressionen der Ausstellung
Eher wenig autoritäre Staatschefs
Dem Vielvölkerstaat verordnete der erste Staatspräsident Julius Nyerere (1922-1999) einen spezifisch afrikanischen Sozialismus; dessen Basis sollte die „Ujaama“-Dorfgemeinschaft sein. Diese Form der Kollektivierung kam, anders als die sowjetische, ohne brutalen Zwang aus; ökonomisch verlief sie allerdings ähnlich ruinös. Als Nyerere das begriff, trat er 1985 freiwillig zurück – was in Afrika selten vorkommt. Seine bislang fünf Nachfolger regierten vergleichsweise wenig autoritär; nur die jüngst wiedergewählte Salmia Suluhu Hassan, einzige weibliche Regierungschefin des Kontinents, zeigt neuerdings autokratische Tendenzen.
Über all diese Phasen der Geschichte Tansania erfährt man in der gleichnamigen Ausstellung: praktisch nichts. Sechs Jahrzehnte Unabhängigkeit sind ihr zehn Text-Zeilen wert, noch weniger die vier Jahrzehnte als britische Kolonie. Und mehr als 1000 Jahre Swahili-Kultur werden mit rund zwei Dutzend Exponaten abgefertigt: ein mannshohes Tongefäß, drei kleine Marmor-Reliefs, etwas Keramik und Glasperlen, ein paar Kleidungsstücke und Holzschnitz-Arbeiten – das muss reichen.
Erlaubnis zum Ausstellen erbeten
Den dadurch eingesparten Platz braucht das siebenköpfige Kuratorenteam – drei aus Tansania, vier aus Berlin, wobei letztere tonangebend sein dürften – für seine Selbstdarstellung. Ihr ist einer von zwei Ausstellungsräumen gewidmet. Zum Auftakt proklamiert eine „kuratorische Position“ in Balkenlettern Naheliegendes: dass afrikanische Artefakte im Ethnologischen Museum meist gewaltsam geraubt wurden und die Aufzeichnungen dazu oft lückenhaft und rassistisch sind, also die Sicht der Kolonisierten ignorieren. Was sonst?
Daneben zeichnen Wandtafeln wortreich den Entstehungsprozess nach: Eine Delegation bereiste elf Orte in Tansania und veranstaltete dort eine Konferenz mit 50 Teilnehmern, um deren Einverständnis zu erbitten, einzelne Gegenstände auszustellen. Wurde die Erlaubnis verweigert, sind in der Schau nur Zeichnungen davon zu sehen.
Zwischen Fisch-Reuse + Blob-Architektur
Was erklären könnte, warum sich die Ausstellung mit verblüffend wenigen Objekten begnügt, obwohl das Museum nach eigenen Angaben über rund 10.000 aus Tansania verfügt. Über mehr Stücke zu verhandeln, wäre wohl zu langwierig gewesen – oder die Kuratoren fassen sie nur mit spitzen Fingern an, weil an ihnen vielleicht Blut klebt. Immerhin soll die Schau nach der Berliner Station auch in Tansanias Nationalmuseum in Daressalam gezeigt werden.
Damit jeder alle Kern-Botschaften mitbekommt, werden sie nonstop von Sprechern in Videoclips wiederholt. Die Monitore dafür sind in raumfüllende, aus Teakholz und Bambus geflochtene Gebilde eingelassen; die Formen dieser „Spheres“ changieren zwischen gigantischer Fisch-Reuse und Blob-Architektur. Solch aufwändige Schau-Inszenierungen sieht man ansonsten am ehesten auf Weltausstellungen.
Alles kreist um deutsche Missetaten
Dieser begehbare Irrgarten hat für die Macher einen Vorteil: Er kaschiert, wie wenig eigentlich präsentiert wird. Und für die Besucher einen Nachteil: Sich zu informieren, wird maximal erschwert. Die meisten Erläuterungstexte sind entweder auf Hüft- und Kniehöhe angebracht – oder seitlich an Vitrinen, so dass man um die Ecke spähen muss. Was die Vermutung nahelegt, dass man sie gar nicht konzentriert durchlesen soll, weil sie mehr oder weniger stets das Gleiche mitteilen.
Ob Waffen, Thronstuhl, Prunk-Zither, Medizintasche, Pfeifenkopf oder Ohrschmuck: Stets geht es um Missetaten der deutschen Kolonisatoren zwischen 1885 und 1919, als das Reich sämtliche Kolonien abtreten musste. Um die gut drei Jahrzehnte „Deutsch-Ostafrika“ kreisen drei Viertel dieser Ausstellung – ohne aber ihre wichtigsten Merkmale und Ereignisse dieses Zeitraums auch nur halbwegs darzustellen.
Erbsenzählerische Fachidiotie
Der Aufstand der ostafrikanischen Küstenbevölkerung 1888/90 gegen die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft wird überhaupt nicht erwähnt. Der noch wesentlich blutigere Maji-Maji-Krieg 1905/07 wird in wenigen Absätzen abgehandelt – obwohl er einer der größten Kolonialkriege auf dem Kontinent war. Währenddessen starben rund 300.000 Afrikaner, meist durch Verhungern.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "The True Size of Africa" – ambitionierte Überblicks-Schau über Geschichte + Kunst des Kontinents in der Völklinger Hütte
und hier eine Besprechung des Films "Das leere Grab" – Dokumentation über Folgen des Maji-Maji-Kriegs in Ostafrika von Agnes Lisa Wegner + Cece Mlay
und hier einen Bericht über den Film "Togoland Projektionen" – gelungene Dokumentation über deutsche Kolonialvergangenheit in Westafrika von Jürgen Ellinghaus
und hier eine Kritik der Ausstellung "Indigo Waves and Other Stories. Re-Navigating the Afrasian Sea and Notions of Diaspora" – Kunst zur Geschichte der Region des Indischen Ozeans im Gropiusbau, Berlin
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Planet Africa – Eine archäologische Zeitreise" – anschauliche und informative Wander-Schau in Berlin, München + Chemnitz.
Einzelheiten stören schlichte Einsicht
Dieser Unwillen zur Vermittlung lässt sich nur ideologisch erklären. Entscheidend ist, den zentralen Befund gebetsmühlenartig zu wiederholen: Die deutsche Kolonialherrschaft war sehr böse, und nun sollen die Nachgeborenen alles tun, um das Unrecht wieder gut zu machen – Rückgabe der Beute wäre nur ein Anfang. Bis das beherzigt wird, muss diese schlichte Einsicht stetig wiederholt werden; historische Einzelheiten würden da nur stören und ablenken.
Mit diesem Ansatz ist das Kuratoren-Team im Humboldt Forum gut aufgehoben: Die meisten Abteilungen des Ethnologischen Museums richten sich danach aus. Was einer der Gründe für die gähnende Leere in seinen Gängen sein dürfte, zumal der bisherige Gratis-Zugang vor einem Monat endete: Wer zahlt schon 14 Euro Eintritt, um sich in jedem zweiten Saal volkspädagogisch belehren zu lassen?
Unsouveräner als New York + Paris
So zeichnet sich das Scheitern des ehrgeizigen Vorhabens ab, mit Berlins riesigen Sammlungsbeständen im Humboldt Forum ein Museum für außereuropäische Kunst und Kultur von Weltgeltung aufzubauen. Sprich: Das mit dem Metropolitan Museum in New York oder dem Musée du Quai Branly in Paris mithalten könnte.
An Geld mangelt es offenbar nicht, wie die kostspielige Ausstellungs-Ausstattung verdeutlicht. Aber an Expertise: Hiesige Ethnologen sind offenbar zu provinziell, wie ihr ermüdendes Herumreiten auf politisch korrekten Bekenntnisformeln beweist. Ihnen fehlt der souveräne und einfallsreiche Umgang mit dem kolonialen Erbe, den ihre angelsächsischen und französischen Kollegen an den Tag legen.
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