Golshifteh Farahani

Lolita lesen in Teheran

Die Studierenden protestieren gegen die zunehmenden Repressionen. Foto: © Weltkino/ Marie Gioanni
(Kinostart: 20.11.) Nabokov vs. Khomeini: Nach der iranischen Revolution 1979 widersetzt sich eine Literaturprofessorin dem Mullah-Regime – und muss abermals das Land verlassen. In seiner Bestseller-Adaption zelebriert der israelische Regisseur Eran Riklis geradezu weihevoll die befreiende Wirkung von Lektüre.

1979 im Iran: Nachdem die islamische Revolution das Shah-Regime beseitigt hat, kehren Exil-Iraner von überall auf der Welt in ihre Heimat zurück. Unter ihnen sind auch die Literaturprofessorin Azar Nafisi (Golshifteh Farahani) und ihr Mann Bijan (Arash Marandi) aus den USA. Beide wollen beim Neuanfang mit anpacken, doch schon bei der Einreise zeigt sich, dass ihre liberalen Ansichten kaum mit denen der neuen religiösen Machthaber übereinstimmen.

 

Info

 

Lolita lesen in Teheran

 

Regie: Eran Riklis,

108 Min., Italien/ Israel 2025;

mit: Golshifteh Farahani, Zar Amir, Mina Kavani, Bahar Beihaghi

 

Weitere Informationen zum Film

 

Dennoch beginnt Nafisi ihr Literaturseminar an der Teheraner Universität in der Hoffnung, dass sich mit der Zeit alles finden werde. Durch die Kraft der Bücher möchte sie ihre Studierenden stärken: Die Literatur soll ihnen helfen, das Leben in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zu entdecken und anzunehmen. Doch schon während der ersten Sitzungen lehnt eine Mehrheit der männlichen Studenten ihr Lektüreangebot ab.

 

„Der große Gatsby“ vor Gericht

 

Darum wird dem Roman „Der große Gatsby“ (1925) von Scott F. Fitzgerald in einer gemeinsamen Inszenierung der Prozess gemacht. Studenten und die Professorin halten Plädoyers für und wider seine moralische Gefährlichkeit – immerhin kann der Text so verstanden werden, als würde darin Ehebruch und Geldgier verherrlicht. Bald aber zieht das neue Regime die Zügel an. An die Stelle von spielerischen Verhandlungen treten nun brutale Überfälle der Sittenpolizei auf die Universität; es kommt zu Verhaftungen, Folter und Todesurteilen.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Humbert Humbert und die Mullahs

 

Weil Dozentin Nafisi sich weigert, mit Kopftuch zur Arbeit zu erscheinen, sieht sie sich gezwungen, ihre Stelle zu kündigen. Doch sie beschließt, weiterzumachen: Ihr Seminar führt sie mit ihren besten Studentinnen in der eigenen Wohnung fort. Auf dem Programm steht zunächst der skandalträchtige Roman „Lolita“ (1955) von Valdimir Nabokov. Darin wird die 12-jährige Protagonistin vom Erzähler Humbert Humbert über zwei Jahre in einer äußerst ungleichen Beziehung missbraucht.

 

Dass ein älterer Mann seine Obsessionen als reine Liebe beschreibt und damit sein deutlich jüngeres Liebesobjekt an seiner Entwicklung hindert, kommt den anwesenden Frauen bekannt vor. Aber hilft die subversive Parallelisierung eines Lustgreises mit dem Mullah-Regime auch beim Überleben im zunehmend erdrückenden iranischen Alltag?

 

Bestseller-Adaption mit Pathos

 

Der israelische Regisseur Eran Riklis hat sich in Filmen wie „Lemon Tree“ (2008), „Zaytoun“ (2012) oder „Mein Herz tanzt“ (2014) immer wieder mit unterschiedlichen Konflikten im Nahen Osten auseinandergesetzt. Dabei appelliert er stets an positive Kräfte wie Nachbarschaft, Liebe und Freundschaft, die das Potenzial haben, Grenzen zu überwinden. Oft scheitern seine Protagonisten jedoch an der Übermacht inhumaner Verhältnisse, die jedes menschliche Miteinander durchdringen. Mit „Lolita lesen in Teheran“ beschwört Riklis nun die Macht von Literatur.

 

Sein Film ist eine Adaption des autobiografischen Romans von Azar Nafisi, die heute als Professorin für englische Literatur an der Johns Hopkins Universität in Washington D.C., lehrt. In ihrem 2003 veröffentlichten Buch, das zum Bestseller wurde, schildert sie ihre Rückkehr nach Teheran und die Geschichte ihres geheimen Literaturseminars. Mit etwas dick aufgetragenem Pathos, aber auch mit durchgängig fein ausgearbeiteten Figuren beschreibt die Autorin, wie die Brutalität der fanatisierten Außenwelt allmählich bis in ihren Schlaf vordringt.

 

Letzte Hoffnungen zerbröckeln

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Aus nächster Distanz" – Drama einer ungewöhnliche Frauen-Freundschaft im Nahen Osten von Eran Riklis mit Golshifteh Farahani

 

und hier eine Besprechung des Films "Mein Herz tanzt" – Romeo-und-Julia Drama von Eran Riklis

 

und hier einen Beitrag über den Film "Zaytoun"  – über eine palästinensisch-israelische Freundschaft im Nahost-Konflikt von Eran Riklis

 

und hier eine Besprechung des israelischen Films "Die Reise des Personalmanagers" – Tragikomödie über Leichen-Überführung von Eran Riklis.

 

Angesicht von Bedrohungen wie übergriffigen Grenzpolizisten, Sicherheitsbeamten, Profiteuren, später dann Haft, Auspeitschungen und Hinrichtungen bröckelt auch Nafisis zunächst uneingeschränkter Glaube an die Kraft der Worte. Als sie durch ihre Freundschaft zu einem Ex-Kollegen und die damit verbundene Geheimnistuerei selbst ihren Mann gegen sich aufbringt, kommt sie an den Punkt, den ein großer Teil ihrer Studentinnen bereits erreicht hat: zum Wunsch, ihrer Heimat den Rücken zu kehren – in ihrem Fall zum zweiten Mal.

 

Die Stärke von Riklis‘ Inszenierung besteht darin, dass der Regisseur trotz der Übermacht von Repression nicht in schlichte Schwarzweiß-Malerei verfällt. Wie differenziert er die Verhältnisse schildert, zeigt unter anderem ein Student aus Nafisis Seminar, der ihr gegenüber bis zuletzt respektvoll bleibt, obwohl sich ihre Überzeugungen radikal unterscheiden. Er nimmt ihre Argumente ernst, auch wenn er sie ablehnt.

 

Bildungsbürgerliches Dekor

 

Dennoch bleibt am Ende die Frage, inwieweit Literatur-Klassiker etwa von Vladimir Nabokov, Henry James oder Jane Austen als Rüstzeug gegen die Gewalt von totalitären Regimes taugen. Angesichts der politischen Ausweglosigkeit drohen sie mitsamt der Musik, den Tänzen und der Kleidung, welche die Dozentin und ihre Studentinnen im Verborgenen kultivieren, als bloßes bildungsbürgerliches Dekor zu versagen.