Ralph Fiennes + Juliette Binoche

Rückkehr nach Ithaka

Odysseus (Ralph Fiennes) und Penelope (Juliette Binoche) sind wieder vereint. Foto: © Ithaca Films Limited
(Kinostart: 27.11.) Ganz alt, ganz neu: Wie Odysseus zu Penelope heimkehrt und allen Freiern den Garaus macht, inszeniert Regisseur Uberto Pasolini authentisch archaisch – und damit aufregend neuartig. Ralph Fiennes brilliert als ausgebrannter Kriegsheld, nicht minder Juliette Binoche als tugendhafte Gattin.

Back to the roots: Die hier verfilmte Dichtung ist – gemeinsam mit der „Ilias“ – ein Ur-Mythos der abendländischen Kultur. Die Protagonisten, wichtige Episoden und ihr Ausgang sind jedem einigermaßen Gebildeten halbwegs bekannt. Doch der italienische Regisseur Uberto Pasolini inszeniert den 17. bis 24. Gesang der Odyssee so, dass sie ungeheuer alt wirken – und zugleich aufregend neu.

 

Info

 

Rückkehr nach Ithaka

 

Regie: Uberto Pasolini,

116 Min., Italien/ Griechenland/ Großbritannien/ Frankreich 2024;

mit: Ralph Fiennes, Juliette Binoche, Charlie Plummer

 

Weitere Informationen zum Film

 

Alt, weil sein Film den jetzigen Wissensstand über die Epoche ernst nimmt, in der Homers Heldenepos spielt: die späte Bronzezeit im 13. oder 12. Jahrhundert v. Chr.. In einer äußerst armen Gesellschaft: Menschen hausen in engen Hütten, sind mit groben Stoffen bekleidet, leben von Ackerbau und wenigen Nutztieren. Ihr kostbarster Besitz sind Hieb- und Stichwaffen oder Pfeil und Bogen. Denn tödliche Gefahr lauert überall; jeder Fremdling könnte Übles im Schilde führen.

 

Junger Authentizitäts-Anspruch

 

Neu, weil Regisseur Pasolini nicht etwa heutige Schauspieler in antikisierende Kostüme steckt, die dann munter Abenteuer bestehen. Sondern seine Akteure archaisches Sozialverhalten nachstellen lässt, soweit man das rekonstruieren kann – dieser Authentizitäts-Anspruch ist im Historienfilm recht jung.

Offizieller Filmtrailer


 

Kraftkerl als gebrochene Figur

 

Barbara Sukowa hat einmal erzählt, dass sie sich als Hauptdarstellerin im Biopic über Hildegard von Bingen, das Margarethe von Trotta 2009 drehte, ein Verhalten wie im Mittelalter aneignen musste: langsamere Bewegungen, einfachere Sprache, aber auch weniger Affektkontrolle. Doch Hildegard lebte im 12. Jahrhundert – Odysseus etwa 2400 Jahre früher.

 

Ihn verkörpert Ralph Fiennes als widersprüchliche Figur. Einerseits als Kraftkerl mit einem Körper, wie man ihn sonst nur in Action-Filmen sieht; lauter definierte Muskeln, anschwellende Sehnen und hervortretende Adern. Alles keine CGI-Effekte, sondern echt; dafür hat der 62-Jährige monatelang trainiert und eine strenge Diät eingehalten. Andererseits ist dieser Odysseus eine gescheiterte, gebrochene Gestalt. Er wacht unbekleidet am Inselstrand von Ithaka auf, aller Dinge beraubt außer des nackten Lebens. Das Erlebte und Erlittene hat ihn mit Scharten und Narben schwer gezeichnet.

 

Irrlichternder Blick zweifelt an allem

 

Der Schweinehirte Eumaios (Claudio Santamaria) findet ihn, beherbergt ihn und versorgt ihn mit dem Nötigsten. Doch der Gerettete bleibt lange Zeit passiv und schwermütig. Was Fiennes unnachahmlich ausspielt: Einen irrlichternden Blick, der an Gott und der Welt zweifelt, hat er bereits als Kardinal in „Konklave“ (2024) von Edward Berger ausgiebig eingeübt. Nun dehnt er das auf bronzezeitliche Maßstäbe aus – das dürfte Tiktok-sozialisierte Zuschauer ungeduldig werden lassen.

 

Obwohl Odysseus allen Grund hat, mit sich zu hadern: Nach zehnjähriger Irrfahrt kehrt er ohne Beute und Mannschaft zurück. Sein Ruhm als Sieger von Troja ist nur eine Legende. Wie bei Homer kündet auch die Parallelhandlung von Odysseus‘ Sohn Telemachos (Charlie Plummer) vom Scheitern: Der zieht aus, um seinen Vater zu suchen, kehrt aber erfolglos zurück.

 

Unglaublich dreiste Freier

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Mykene - Die sagenhafte Welt des Agamemnon" - hervorragende Überblicks-Schau über die erste Hochkultur in Festlands-Europa im Badischen Landesmuseum, Schloss Karlsruhe

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Schliemanns Welten: Sein Leben. Seine Entdeckungen. Sein Mythos" - anschauliche Gedenkschau samt so genannter Goldmaske des Agamemnon zum 200. Geburtstag des Entdeckers von Troja in Berlin

 

und hier einen Beitrag über den Film "Seneca" – brillant groteskes Philosophen-Porträt von Robert Schwentke mit John Malkovich

 

und hier eine Kritik des Films "Pompeii" – 3D-Großproduktion über die Zerstörung durch Vesuv-Ausbruch von Paul W.S. Anderson

 

und hier einen Bericht über den Film "Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit" – zart-morbide Tragikomödie von Uberto Pasolini.

 

Obenauf sind nur die Nebenbuhler im Königspalast von Ithaka; ein Euphemismus für eine düstere, fast fensterlose Burg, bis auf ein paar Hocker und Bettlager weitgehend kahl. Hier webt Penelope (Juliette Binoche) tagein, tagaus am Leichentuch für ihren Schwiegervater Laertes – und trennt nachts das Gewebte wieder auf.

 

Eigentlich eine unglaubliche Konstellation: Da haust eine Schar ungebetener Gäste jahrelang im Sitz des abwesenden Herrschers, lässt sich durchfüttern und verlangt von seiner Gattin, sie solle gefälligst einen von ihnen heiraten, damit der die gesamte Insel übernehmen kann. Falls derlei je geschah, lässt es sich wohl nur mit extrem patriarchalischen Verhältnissen erklären.

 

Überraschender showdown

 

Ihre Ohnmacht kontert Penelope gleichfalls mit Passivität: Sie hält die Aufdringlichen tagein, tagaus hin. Wie Juliette Binoche das tut, ergreift bis ins Mark: fein dosierte Widerspenstigkeit, um nicht unnötig zu reizen, dabei beharrlich ausweichend und prinzipienfest – trotz aller Trauer und Resignation hat sie noch einen Funken Hoffnung, dass ihr Gatte dereinst zurückkehren wird.

 

Was ja auch nach einigen Irrungen und Wirrungen eintritt. Den showdown im Königspalast, wiewohl dank Homer in allen Einzelheiten bekannt, inszeniert Regisseur Pasolini dennoch überraschend. Er lässt Odysseus nicht als Kriegshelden auftreten, der seine Überlegenheit ausspielt, sondern als Veteranen, der seine Kampfkünste loswerden will, indem er sie noch einmal einsetzt.

 

Utopisches End-Gemetzel

 

Ein letztes Gemetzel, um die Gemetzel ein für allemal zu beenden. Das mag ebenso utopisch klingen wie die unerschütterliche Treue der Penelope, aber es verleiht dem Epos seinen Sinn. Und Pasolini verfilmt das so anschaulich und ergreifend, dass er heute noch verständlich wird.