
Alles beginnt ganz harmlos, beinahe heiter. Der 40-jährige Technik-Experte Armando (Wagner Moura) fährt in einem VW Käfer auf der Überlandstraße in Richtung Recife, der Metropole des Nordostens von Brasilien. Im Autoradio trällert beschwingte Tanzmusik – es ist die Woche des Karnevals, der in dieser Region besonders ausgelassen gefeiert wird: Am Straßenrand tauchen zuweilen wild kostümierte Gestalten auf.
Info
The Secret Agent
Regie: Kleber Mendonça Filho,
158 Min., Brasilien/ Frankreich/ Niederlande/ Deutschland 2025;
mit: Wagner Moura, Robério Diógenes, Tânia Maria, Udo Kier
Weitere Informationen zum Film
Routinierter Militär-Autoritarismus
In dieser gemächlich ausgebreiteten Eingangsszene sind schon die meisten Bausteine und Motive enthalten, die in „The Secret Agent“ eine Rolle spielen – nur dauert es eine Weile, bis der Zuschauer das versteht, weil Regisseur Kleber Mendonça Filho sie ganz bedächtig entfaltet und entwickelt. Brasilien 1977, im 13. Jahr der Militärdiktatur: Die brutale Repression ihrer Anfangszeit ist routiniertem Autoritarismus gewichen, an den sich das Volk quasi zähneknirschend gewöhnt hat – ähnlich wie in der Spätphase der DDR. Was nicht bedeutet, dass Oppositionelle nichts mehr zu fürchten hätten.
Offizieller Filmtrailer
Protegé des korrupten Polizeichefs
Das erklärt nicht, warum Armando nach Recife fährt: Er will vor allem seinen Sohn Fernando sehen, den er nach dem Tod seiner Frau bei den Schwiegereltern zurücklassen musste. Aber es erklärt, wie er das tut: Armando schlüpft bei Dona Sebastiana (Tânia Maria) unter. Mit einem Decknamen – wie ein gutes Dutzend politischer Flüchtlinge, denen die alte Dame in ihrem Haus Schutz gewährt. Sie gehört zu einem landesweiten Untergrund-Netzwerk, das brisantes Material und Verfolgte vor der Obrigkeit verbirgt; Armando nennt es ein „brasilianisches Zeugenschutz-Programm“.
Um ihm während seines Aufenthaltes in Recife ein Alibi zu verschaffen, wird er pro forma in einer Behörde beschäftigt, die Ausweispapiere ausstellt – ihr Leiter zählt ebenso zum Netzwerk. Im selben Gebäude befindet sich aber auch das Büro des korrupten Polizeichefs Euclides (Robério Diógenes); ausgerechnet er bietet Armando seine Protektion an.
Regisseur nimmt sich viel Zeit
Worauf dieser am Ende zurückgreifen muss, um sich gegen zwei Killer zu wehren, die auf ihn angesetzt sind. Nicht aus politischen Gründen sensu strictu: Als Leiter eines Uni-Instituts in Recife hatte Armando sich einst mit einem skrupellosen Industrieboss angelegt, der das Institut zerschlagen und schlucken wollte. Doch selten ist eine Inhalts-Zusammenfassung so wenig geeignet, die spezifische Qualität eines Films wiederzugeben, wie in diesem Fall.
Denn Regisseur Mendonça Filho bedient sich eines Stilmittels, das heutzutage ziemlich aus der Mode gekommen ist: Er nimmt sich viel Zeit. Alle Figuren werden ganz beiläufig in Szenen eingeführt, deren Bedeutung sich erst allmählich erschließt – solche erhalten dann auch Details, die zunächst nur skurril oder beliebig erschienen. Lange laufen mehrere Handlungsstränge parallel; erst gegen Ende bündelt sie der Regisseur souverän, um zu zeigen, wie alles mit allem zusammenhängt.
Wie in epischen 19.-Jh-Romanen
Dieses epische Erzählen hat nichts mit der Monotonie von TV-Serien zu tun, deren Personal ein überschaubares Geschehen ermüdend ausführlich kommentiert. Mendonça Filhos Methode ähnelt eher derjenigen großer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, die in ihren Riesenromanen eigene Welten entwarfen und bevölkerten. Genau das gelingt dem Regisseur mit seiner Heimatstadt, in der die meisten seiner Filme spielen – der er zudem eine Doku gewidmet hat, für die er jahrelang recherchierte. Selbst wer nie in Brasilien war, schon gar nicht in den 1970er Jahren: Man ist sofort überzeugt, dass es seinerzeit genauso ausgesehen haben und zugegangen sein muss.
Zum Eindruck des absolut Authentischen tragen nicht nur die körnigen Bilder in warmen Farben bei, für die mit damaliger Ausrüstung gedreht wurde, sondern auch die liebevolle Ausstattung bis zum letzten Lichtschalter. Was Mendonça Filho nicht davon abhält, sich kurze Abschweifungen zu gönnen, die aber historisch beglaubigt sind – sein Epochen-Panorama überzeugt auch durch solche divertissements.
Urbane Legende des „haarigen Beins“
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Für immer hier" – brasilianisches Familien-Drama über Verschwinden in der Militärdiktatur von Walter Salles, prämiert mit dem Auslands-Oscar 2025
und hier eine Besprechung des Films "Das tiefste Blau" – Drama über eine Brasilianerin, die vor Abschiebung in Alten-Kolonie flieht, von Gabriel Mascaro
und hier einen Bericht über den Film "Der Perlmuttknopf" – exzellente Essay-Doku über das 'Verschwindenlassen' von Oppositionellen + Indios in Patagonien von Patricio Guzmán, mit Silbernem Bären 2015 prämiert
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "O Quilombismo" – faszinierend vielfältige Überblicks-Schau über nichtwestliche Gegenwartskunst, u.a. zu Quilombo-Gemeinden in Brasilien, im Haus der Kulturen der Welt, Berlin
und hier einen Artikel über die Ausstellung "Brasiliana" – opulente Überblicks-Schau mit brasilianischer Kunst von 1960 bis heute in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt/ Main.
Oder mit einem leicht grusligen running gag: Zu Beginn findet sich in einem toten Hai ein menschliches Bein. Später treibt angeblich ein „haariges Bein“ sein Unwesen, das nachts Schwule und andere Nonkonformisten tritt und verletzt. Was keine Horror-Spinnerei ist: Diese urbane Legende geisterte tatsächlich durch die Boulevardpresse. Sie konnte mithilfe dieser Chiffre über Gewalttaten berichten, ohne den Argwohn der Zensur zu erregen.
So subtil überlegen wie einst Columbo
Nichtsdestoweniger verliert sich der Film nie im Anekdotischen, sondern trägt systematisch alle Elemente für die Auflösung zusammen. Bei der er zugleich die Perspektive wechselt: Heutige Studentinnen rekonstruieren die Ereignisse von 1977, indem sie Kassetten von damals abhören. Die engagierte Flavia reist nach Recife, um die Ergebnisse Armandos Sohn Fernando zu präsentieren. Der ist mittlerweile Arzt, wiederum gespielt von Wagner Moura, und eröffnet ihr, sich an so gut wie nichts erinnern zu können. Oder zu wollen – wie die gesamte Gesellschaft?
Man will Moura seine Beteuerung gerne glauben, die er mit treuherzigem Lächeln vorbringt. Denn längst hat der wohl beste brasilianische Schauspieler seiner Generation das Publikum in seinen Bann geschlagen: Wie er mit nachsichtig freundlicher Miene von einer schrägen Situation in die nächste wandelt, stets leicht abwesend und weltfremd wirkend, aber wenn es darauf ankommt die Lage blitzschnell erfasst und reagiert – das macht ihm keiner nach.
So subtil überlegen wie einst Peter Falk als Inspektor Columbo; bloß ist Armando kein Jäger, sondern ein Gejagter. Dafür hat er den Preis als bester Darsteller beim diesjährigen Festival in Cannes hoch verdient – ebenso wie Mendonça Filho den für die beste Regie.
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