Mahdi Fleifel

To a Land Unknown

Die Cousins Chatila (Mahmoud Bakri) und Reda (Aram Sabbah) kämpfen als palästinensischen Flüchtlinge in Athen ums Überleben. Foto: © Inside Out Films, Nakba Filmworks 2024
(Kinostart: 27.11.) Export des Nahost-Konflikts: Zwei Palästinenser, die nach Deutschland fliehen wollen, stranden in Athen – um zu überleben, werden sie kriminell und verlieren ihre Menschlichkeit. Regisseur Mahdi Fleifel porträtiert seine Protagonisten so nüchtern wie eindringlich.

Die Cousins Chatila (Mahmood Bakri) und Reda (Aram Sabbah) stecken fest in Athen. Das Flüchtlingslager im Libanon, in dem sie aufgewachsen sind, haben die Palästinenser hinter sich gelassen. Ihr Ziel ist es, in Deutschland ein Café zu eröffnen, doch ihnen fehlen die Papiere und das Geld für die Weiterreise.

 

Info

 

To a Land Unknown

 

Regie: Mahdi Fleifel,

105 Min., Palästina/ Großbritannien/ Frankreich/ Niederlande 2024;

mit: Mahmoud Bakri, Aram Sabbagh, Mohammad Alsurafa 

 

Weitere Informationen zum Film

 

Per Telefon hält Chatila Kontakt zu seiner Frau, die er mit seinem Sohn zurückgelassen hat. Telefonisch muss er auch Redas Mutter beruhigen. Die weiß, dass ihr Sohn nicht für ein Leben im Lager geschaffen ist, und beschwört Chatila, ihn bloß nicht zurückzubringen. So hängen die beiden in einem Schwebezustand fest; sie kommen nicht vorwärts und können nicht zurück. Um beim Schmuggler Marwa (Monzer Reyahna) falsche Pässe zu bekommen, beklauen sie arglose Einheimische. Die haben aber auch oft nur ein paar Euro in der Brieftasche.

 

Schlepper-Geschäftsidee geht schief

 

Der sensible Reda, der mit einer Heroinsucht kämpft, prostituiert sich im Park. Als sie den 13-jährigen Malik (Mohammed Alsurafa) treffen, der allein in den Straßen unterwegs ist, eröffnet sich ihnen die Gelegenheit, sich selbst als Schlepper zu betätigen. Doch Chatilas Plan, Malik für Geld zu dessen Tante nach Italien zu bringen, geht schief. Sein anschließender Versuch, nun erst recht ins Geschäft einzusteigen, verläuft noch schlimmer.

Offizieller Filmtrailer


 

Gestrandete ohne Solidarität

 

Regisseur Mahdi Fleifel erzählt in klaren, ruhigen Szenen die Geschichte zweier junger Männer, die aus Verzweiflung Dinge tun, für die sie eigentlich viel zu weichherzig sind. Gedreht an Originalschauplätzen, in warmes Licht getaucht und unterlegt mit unaufdringlich zarter Musik, weckt die Story Zuneigung für die beiden Protagonisten, die sich in einer umbarmherzigen Welt behaupten müssen.

 

Solidarität unter den Gestrandeten, mit denen sie eine provisorische Bleibe teilen, bleibt die Ausnahme. Im Zweifelsfall versuchen alle, sich gegenseitig zu übervorteilen. Und je mehr vor allem Chatila diesen Spielregeln folgt, desto mehr verspielt er seine Sympathie beim Zuschauer. Klug manipuliert er die Griechin Tatiana (Angeliki Papoulia), damit sie Malik nach Italien begeleitet. Als sie die Nerven verliert, wird er gewalttätig.

 

Kidnapper + Folterer

 

Um seinen Niedergang nach lauter Schicksalsschlägen zu illustrieren, wird die Geschichte zusehends düster, hektischer und auch verworren. So bleibt die spannende Frage unbeantwortet, was mit Tatiana und Malik passiert ist. Dieser sehr sorgfältig eingefädelte Handlungsstrang dient offenbar vor allem dazu, Chatilas nächsten verzweifelten Schritt zu motivieren.

 

Darüber verliert er endgültig seinen moralischen Kompass; die Cousins werden nun selbst zu Kidnappern und Folterern. Der Preis, den sie dafür zahlen, ist entsprechend hoch, was den Film zu einem der niederschmetterndsten Kino-Erlebnisse des Jahres machen dürfte. Dabei erinnert das Ende ebenso wie die geradezu immersive Darstellung einer Parallelgesellschaft an „Hexenkessel“ („Mean Streets“, 1973), den ersten Mafia-Film von Martin Scorsese.

 

Eine fast universelle Geschichte

 

Diese Milieu-Zeichnung wird lebendig durch scharf skizzierte und gut gespielte Nebenfiguren wie dem Junkie und Poeten Abu Love (Moutaz Alshaltouh), der dafür sorgt, dass der drogensüchtige Reda immer wieder rückfällig wird. Dabei enthält sich die Inszenierung jeder romantischen Verklärung. Chatilas und Redas einziger Luxus besteht darin, sich einen Joint zu teilen und von Deutschland zu träumen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films  "Aus nächster Distanz" – Drama einer ungewöhnlichen Frauen-Freundschaft im Nahen Osten von Eran Riklis

 

und hier eine Besprechung des Films "Der Affront" – Zwei-Personen-Streit als packende Parabel des Nahostkonflikts von Ziad Doueiri

 

und hier einen Bericht über den Film "Zaytoun" über eine palästinensisch-israelische Freundschaft im Nahost-Konflikt von Eran Riklis

 

und hier einen Beitrag über den Film "Bethlehem" - beeindruckend nüchternes Drama über das Doppelleben eines palästinensischen Informaten von Yuval Adler.

 

Eigentlich erzählt der Film eine nahezu universelle Geschichte. Das System aus Lagern, Grenzen, Bewachern, Schleppern und den Existenzen, die dazwischen zerrieben werden, ist überall strukturell gleich. Daher könnte die Handlung auch unter Venezolanern in Mexiko oder unter Senegalesen im Maghreb spielen. Es mag mit der Biographie des Regisseurs zusammenhängen, dass er Palästinenser als Hauptfiguren gewählt hat.

 

Nakba-Film aus Ameisenperspektive

 

Der 1979 in Dubai geborene Fleifel wuchs in einem Flüchtlingslager auf, bis seine Eltern mit ihm nach Dänemark emigrieren konnten. Das berüchtigte libanesische Lager Schatila, in dem christliche Milizen 1982 ein Massaker verübten, klingt hingegen in Chatilas Namen an. Mehr noch als das aus Unkenntnis glorifizierte Deutschland ist für Reda und Chatila Palästina ein „unbekanntes Land“ und eher eine Vorstellung als eine Erinnerung.

 

Was Palästinenser tatsächlich von anderen Vertriebenen unterscheidet – etwa ihr vererbbarer Flüchtlingsstatus oder der Unwille der arabischen Länder, sie zu integrieren – spielt in der Ameisenperspektive dieses Films klugerweise keine Rolle. Feifels Meinung zum Nahost-Konflikt dürfte eindeutig sein, denn seine Produktionsfirma heißt „Nakba Film Works“. „Nakba“ ist das arabische Wort für „Katastrophe“ und steht für die Vertreibung und Flucht der Palästinenser 1948.

 

Verlust der Menschlichkeit

 

In den Chor der Meinungen und Schuldzuweisungen zum Nahost-Konflikt stimmt dieser Film aber nicht ein. Vielmehr stellt er einen jungen Mann in den Mittelpunkt, dem man alles Gute wünscht, um dann zusehen zu müssen, wie er im Namen einer Idee seine Menschlichkeit verliert. Er überlässt es dem Publikum, sich darüber eigene Gedanken zu machen.