
Die Cousins Chatila (Mahmood Bakri) und Reda (Aram Sabbah) stecken fest in Athen. Das Flüchtlingslager im Libanon, in dem sie aufgewachsen sind, haben die Palästinenser hinter sich gelassen. Ihr Ziel ist es, in Deutschland ein Café zu eröffnen, doch ihnen fehlen die Papiere und das Geld für die Weiterreise.
Info
To a Land Unknown
Regie: Mahdi Fleifel,
105 Min., Palästina/ Großbritannien/ Frankreich/ Niederlande 2024;
mit: Mahmoud Bakri, Aram Sabbagh, Mohammad Alsurafa
Weitere Informationen zum Film
Schlepper-Geschäftsidee geht schief
Der sensible Reda, der mit einer Heroinsucht kämpft, prostituiert sich im Park. Als sie den 13-jährigen Malik (Mohammed Alsurafa) treffen, der allein in den Straßen unterwegs ist, eröffnet sich ihnen die Gelegenheit, sich selbst als Schlepper zu betätigen. Doch Chatilas Plan, Malik für Geld zu dessen Tante nach Italien zu bringen, geht schief. Sein anschließender Versuch, nun erst recht ins Geschäft einzusteigen, verläuft noch schlimmer.
Offizieller Filmtrailer
Gestrandete ohne Solidarität
Regisseur Mahdi Fleifel erzählt in klaren, ruhigen Szenen die Geschichte zweier junger Männer, die aus Verzweiflung Dinge tun, für die sie eigentlich viel zu weichherzig sind. Gedreht an Originalschauplätzen, in warmes Licht getaucht und unterlegt mit unaufdringlich zarter Musik, weckt die Story Zuneigung für die beiden Protagonisten, die sich in einer umbarmherzigen Welt behaupten müssen.
Solidarität unter den Gestrandeten, mit denen sie eine provisorische Bleibe teilen, bleibt die Ausnahme. Im Zweifelsfall versuchen alle, sich gegenseitig zu übervorteilen. Und je mehr vor allem Chatila diesen Spielregeln folgt, desto mehr verspielt er seine Sympathie beim Zuschauer. Klug manipuliert er die Griechin Tatiana (Angeliki Papoulia), damit sie Malik nach Italien begeleitet. Als sie die Nerven verliert, wird er gewalttätig.
Kidnapper + Folterer
Um seinen Niedergang nach lauter Schicksalsschlägen zu illustrieren, wird die Geschichte zusehends düster, hektischer und auch verworren. So bleibt die spannende Frage unbeantwortet, was mit Tatiana und Malik passiert ist. Dieser sehr sorgfältig eingefädelte Handlungsstrang dient offenbar vor allem dazu, Chatilas nächsten verzweifelten Schritt zu motivieren.
Darüber verliert er endgültig seinen moralischen Kompass; die Cousins werden nun selbst zu Kidnappern und Folterern. Der Preis, den sie dafür zahlen, ist entsprechend hoch, was den Film zu einem der niederschmetterndsten Kino-Erlebnisse des Jahres machen dürfte. Dabei erinnert das Ende ebenso wie die geradezu immersive Darstellung einer Parallelgesellschaft an „Hexenkessel“ („Mean Streets“, 1973), den ersten Mafia-Film von Martin Scorsese.
Eine fast universelle Geschichte
Diese Milieu-Zeichnung wird lebendig durch scharf skizzierte und gut gespielte Nebenfiguren wie dem Junkie und Poeten Abu Love (Moutaz Alshaltouh), der dafür sorgt, dass der drogensüchtige Reda immer wieder rückfällig wird. Dabei enthält sich die Inszenierung jeder romantischen Verklärung. Chatilas und Redas einziger Luxus besteht darin, sich einen Joint zu teilen und von Deutschland zu träumen.
Hintergrund
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Nakba-Film aus Ameisenperspektive
Der 1979 in Dubai geborene Fleifel wuchs in einem Flüchtlingslager auf, bis seine Eltern mit ihm nach Dänemark emigrieren konnten. Das berüchtigte libanesische Lager Schatila, in dem christliche Milizen 1982 ein Massaker verübten, klingt hingegen in Chatilas Namen an. Mehr noch als das aus Unkenntnis glorifizierte Deutschland ist für Reda und Chatila Palästina ein „unbekanntes Land“ und eher eine Vorstellung als eine Erinnerung.
Was Palästinenser tatsächlich von anderen Vertriebenen unterscheidet – etwa ihr vererbbarer Flüchtlingsstatus oder der Unwille der arabischen Länder, sie zu integrieren – spielt in der Ameisenperspektive dieses Films klugerweise keine Rolle. Feifels Meinung zum Nahost-Konflikt dürfte eindeutig sein, denn seine Produktionsfirma heißt „Nakba Film Works“. „Nakba“ ist das arabische Wort für „Katastrophe“ und steht für die Vertreibung und Flucht der Palästinenser 1948.
Verlust der Menschlichkeit
In den Chor der Meinungen und Schuldzuweisungen zum Nahost-Konflikt stimmt dieser Film aber nicht ein. Vielmehr stellt er einen jungen Mann in den Mittelpunkt, dem man alles Gute wünscht, um dann zusehen zu müssen, wie er im Namen einer Idee seine Menschlichkeit verliert. Er überlässt es dem Publikum, sich darüber eigene Gedanken zu machen.
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