
Eine Frau steht im Wald, vor Angst zitternd, mit einem Feuerzeug in der Hand. Als sie den Funken entfacht, geht ihr Körper in Flammen auf. Mit diesem alarmierenden Bild setzt Regisseur Andreas Prochaska zu Beginn seines Films den Ton für ein atmosphärisch dichtes Schauermärchen, das sich in einer abgelegenen Gemeinde im österreichischen Hinterland abspielt.
Info
Welcome Home Baby
Regie: Andreas Prochaska,
115 Min., Österreich / Deutschland 2025;
mit: Julia Franz Richter, Reinout Scholten van Aschat, Gerti Drassl
Weitere Informationen zum Film
Tante Paula vergisst nichts
Das unverhoffte Erbe weckt in Judith vor allem den Wunsch, zu erfahren, was aus ihrer Mutter geworden ist. Sie selbst war damals zu jung, um sich daran zu erinnern; auch der Ort ist ihr fremd. Anders ihre Tante Paula (Gerti Drassl), die sie im Haus empfängt: Sie hat das Mädchen nicht vergessen, wie auch niemand sonst im Dorf.
Offizieller Filmtrailer
Komplott zeichnet sich ab
Judith möchte den Verkauf des Elternhauses so schnell wie möglich vorantreiben, doch die Abwicklung verzögert sich. Erstens sind die Fotos, die Ryan von den Innenräumen anfertigt, alle verschwommen; zudem verpasst Judith ihren Termin mit einer Maklerin, weil sie ins Dorf zu einem Notfall gerufen wird.
Bereits früh zeichnet sich in „Welcome Home Baby“ ab, dass Judiths Erscheinen für die Gemeinde mehr bedeutet als ein Wiedersehen unter traurigen Umständen. Hier wurde offensichtlich ein Plan geschmiedet, womöglich ein Komplott. Parallel zu den immer seltsamer erscheinenden Geschehnissen verschieben sich Judiths Wahrnehmung und Zeitempfinden. Auch Ryans Verhalten ihr gegenüber ändert sich zusehends.
Angst und Schrecken mit Sogwirkung
Regisseur Andreas Prochaska gelingt es in der ersten Hälfte seines sich allmählich verdüsternden Psychothrillers, eine unwiderstehliche Sogwirkung zu erzeugen: Angst und Schrecken greifen behutsam, aber konsequent um sich. Eindrucksvolle Nahaufnahmen, geisterhafte Stimmen und Geräusche auf der Tonspur sowie raffinierte Schnitte tragen zur kraftvollen Ästhetik des Films bei.
Als noch furchteinflößender erweisen sich die Akteure. Großartig ausgespielt wird, wie sich die Scheinheiligkeit der Leute immer weiter in das Leben des glücklich verheirateten Ehepaars hineinfräst: Alle wollen augenscheinlich nur das Beste für die Neuankömmlinge, doch ihre stechenden Blicke und eindringlich vorgetragenen Forderungen nehmen bald gespenstische Züge an.
Ungewollte Schwangerschaft, rätselhafte Erinnerungslücken
Am liebsten wäre Tante Paula und den anderen Frauen im Ort, dass Judith schwanger wird. Sie selbst will kein Kind, hat aber in diesem alptraumhaften Szenario keine Wahl. Bald leidet sie an Morgenübelkeit – und die Apothekerin versichert ihr bereits vor dem Schwangerschaftstest, den sie bei ihr kauft, dass es ein Mädchen wird.
Die Wahrnehmungsstörungen und Erinnerungslücken, die Judith verstärkt überkommen, sind ein Spiegel ihres tief verwurzelten Kindheitstraumas. Manchmal wacht sie morgens auf, und Monate sind vergangen. Einerseits tragen solche Zeitsprünge dazu bei, die junge Frau immer mehr zu verunsichern. Anderseits verwirren sie den Plot derart, dass man auch als Zuschauer bisweilen die Orientierung verliert.
Kulisse allein macht keinen Film
Dadurch fällt „Welcome Home Baby“ hinter dem Vorgängerfilm deutlich ab: 2014 drehte Prochaska den exzentrischen Rache-Western „Das finstere Tal“, der im 19. Jahrhundert spielt – wobei der Regisseur brillant Western-Versatzstücke mit suspense-Elementen kombinierte. Der Film sah durchgängig so aus, als sei er in den Rocky Mountains angesiedelt; tatsächlich geschah alles in den Tiroler Alpen.
Die österreichische Landschaft wird auch im neuen Film eindrucksvoll inszeniert, aber die Kulisse allein macht noch keinen Film. Auch all die anderen genre-typischen Utensilien helfen wenig; etwa ein Haus voller Fotos mit zerkratzten Gesichtern, rostige Türschlüssel und Bilder von Teufeln und Skeletten an den Wänden – ganz zu schweigen von einer geheimnisvollen Narbe auf Judiths Brust.
Ist die Tochter stärker als die Mutter?
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Das finstere Tal" – perfekter Western in den Südtiroler Alpen von Andreas Prochaska
und hier eine Besprechung des Films "Des Teufels Bad" – historische Schauergeschichte von Severin Fiala und Veronika Franz
und hier einen Beitrag über den Film "Never Let Go - Lass niemals los"– raffiniertes Psycho-Kammerspiel von Alexandre Aja mit Halle Berry
und hier einen Bericht über den Film "Men – Was dich sucht, wird dich finden" – subtiler Psycho-Horror von Alex Garland.
Das stimmt, denn was der Film wirklich beabsichtigt und vermitteln will, bleibt unklar. Scheinbar geht es um die dämonische Stellung der Frauen im Ort, die einer alten Tradition zufolge eine besondere Aufgabe haben. An der sei Judiths psychisch labile Mutter gescheitert, heißt es immer wieder: Jetzt solle die Tochter die nötige Stärke beweisen.
Überzeugende Hauptdarstellerin
Erfolgreicher als bei der undurchsichtigen Erzählung geht Prochaska bei der Bildgestaltung vor. Viele Einstellungen sind stimmungsvoll in schummrigen Rot- oder kühlen Blautönen ausgeleuchtet; Sonne und Schatten ergeben kontrastreiche Lichtspiele. Zudem muss man Hauptdarstellerinn Julia Franz Richter zugute halten, dass sie den unaufhaltsamen Kontrollverlust ihrer Protagonistin überzeugend darstellt. Schade, dass das Drehbuch sie zwischendurch öfter im Stich lässt.
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