Bonn + Frankfurt am Main

W.I.M. – Die Kunst des Sehens

Harry Dean Stanton, Claire Denis, Wim Wenders, Robby Müller und weitere Crew-Mitglieder bei den Dreharbeiten zu Paris, Texas von Wim Wenders. © 1984 Road Movies Filmproduktion – Argos Films, Foto: Robin Holland. Fotoquelle: Bundeskunsthalle, Bonn
Chronist bundesdeutscher Sinnsuche: Mit Sendungsbewusstsein, Fleiß und Netzwerken wurde Wim Wenders zum Urgestein des Neuen Deutschen Films. Bundeskunsthalle und DFF widmen ihm eine Gedenkschau zum 80. Geburtstag – sie präsentiert sein Lebenswerk opulent und glänzend arrangiert.

Wim Wenders hat es wieder einmal allen gezeigt. Andere namhafte deutsche Regisseure wie Werner Herzog, Alexander Kluge oder Rainer Werner Fassbinder werden zu runden Geburtstagen ebenfalls mit Ausstellungen gewürdigt – in den Film-Museen von Berlin und Frankfurt oder dem Museum Folkwang in Essen. Aber Wenders hat es geschafft, dass sein Lebenswerk in der Bonner „Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland“ präsentiert wird, wie sie offiziell heißt: der größten Kunsthalle des Bundes.

 

Info

 

W.I.M. – Die Kunst des Sehens

 

01.08.2025 - 11.01.2026

 

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,

mittwochs bis 21 Uhr

in der Bundeskunsthalle, Helmut-Kohl-Allee 4, Bonn

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

W.I.M. – Im Lauf der Zeit

 

11.03.2026 - 18.10.2026

 

täglich außer montags 11 bis 18 Uhr,

im DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Schaumainkai 41, Frankfurt am Main

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Anschließend wird die Schau in etwas veränderter Form im „Deutschen Filminstitut & Filmmuseum“ in Frankfurt gezeigt, so dass sie insgesamt zwölf Monate lang zu sehen sein wird. Diese ansehnliche Laufzeit an zwei höchst renommierten Ausstellungsorten ist dem Anlass völlig angemessen, dürfte der Jubilar denken.

 

36 Filmpreise + 34 Ehrungen

 

Sein erhebliches Geltungsbedürfnis hat Wim Wenders nie kaschiert. Im Gegenteil: Im Wikipedia-Eintrag über ihn – den er vermutlich selbst pflegt oder pflegen lässt – werden nicht nur 36 Filmpreise aufgelistet, die er im Lauf eines halben Jahrhunderts bekommen hat. Sondern auch 34 weitere „Ehrungen“, darunter etwa der „Herbert-Strate-Preis“ der Filmstiftung NRW 2010 und der „Kulturpreis der Sparkassen-Kulturstiftung Rheinland“ 2016. Seine Filmpreis-Trophäen füllen in der Bonner Gedenk-Ausstellung ein raumlanges Wandbord: Da kann man den Goldenen Bären, Goldenen Löwen oder die Goldene Palme aus der Nähe betrachten.

Feature zur Ausstellung. © Bundeskunsthalle Bonn


 

Quasireligiöser Pathetiker

 

Im an großen Egos nicht armen Kulturbetrieb ist Wenders dennoch eine Ausnahme-Erscheinung: Er kann unablässig über sich, seine Biographie und seine Beweggründe beim Filmemachen reden. Dass man ihm dabei nicht ungern zuhört, liegt an seiner Sprechweise: nie auftrumpfend, sondern verhalten und nachdenklich.

 

Wobei er quasireligiöses Pathos nicht scheut; kaum einem Zeitgenossen geht die Vokabel „heilig“ so leicht und häufig über die Lippen wie ihm. Aber mit dem Gestus reflektierter Innerlichkeit; Wenders‘ Auftreten erinnert an einen Seelsorger oder Professor. Nicht von ungefähr: 24 Jahre lang hat er an zwei Film- und Kunst-Hochschulen gelehrt. Kein Wunder, dass er auch im Audioguide zur Ausstellung ausgiebig zu Wort kommt – als bester Interpret seiner selbst.

 

Berufswunsch Priester

 

Sein missionarischer Eifer hat tatsächlich religiöse Wurzeln, die von der Schau indirekt offengelegt werden. Die erste Abteilung ist nämlich „Engeln“ gewidmet: „Das Motiv des Engels durchzieht das Wenders’sche Gesamtwerk, mal offensichtlich, manchmal subtil.“ Höhere Wesen sind seine Lebensbegleiter: 1945 in Düsseldorf als Sohn konservativ-katholischer Eltern geboren, war er als Kind Messdiener und wollte als Jugendlicher Priester werden.

 

Rockmusik und Filmklassiker, die er 1966 in Paris sah, brachten ihn von diesem Berufswunsch ab – doch sein Sendungsbewusstsein blieb ihm erhalten. Durchaus im engeren Sinn: 2018 drehte er eine Doku über Papst Franziskus, drei Jahre zuvor führte er Regie bei der TV-Übertragung der Eröffnung des „Heiligen Jahres der Barmherzigkeit“ im Vatikan.

 

Netzwerk aus Kulturbetriebs-Größen

 

Überdies befähigt ihn dieser Geist zu außergewöhnlicher Produktivität. In 58 Jahren hat er mehr als 30 Spielfilme gedreht; dazu kommt ein Dutzend Dokus, ebenso viele Kurzfilme und ein paar Fernseh-Produktionen. Wobei er etliche Durststrecken überwinden musste: Abgesehen von wenigen Kassenschlagern wie „Paris, Texas“ (1984), „Der Himmel über Berlin“ (1987) oder den Dokus „Buena Vista Social Club“ (1999) und „Pina“ (2011) fielen die meisten seiner Filme kommerziell durch. Wer erinnert sich noch an „Falsche Bewegung“ (1975), „Lisbon Story“ (1994), „Land of Plenty“ (2004) oder „Grenzenlos“ (2017)?

 

Doch Wenders macht unbeirrbar weiter. Neben Vertrautheit mit bundesdeutscher Filmförderung hilft ihm dabei wohl seine weit reichende Vernetzung. Kein anderer Autorenfilmer dürfte mit derart vielen Kulturbetriebs-Größen kooperiert haben, sei es beim Skript, Cast oder Score. Literatur-Nobelpreisträger Peter Handke lieferte ihm mehrere Drehbücher. Über den Modeschöpfer Yoji Yamamoto drehte er ebenso eine Doku wie über den Fotografen Sebastião Salgado, das Tanztheater von Pina Bausch oder den Berserker-Künstler Anselm Kiefer. Etliche Popmusiker komponierten Songs für seine Filme; manche spielten darin mit.

 

Doku-Genre mit 3D revolutioniert

 

Dabei kommt Wenders sein eklektischer Geschmack zugute. Während andere Autorenfilmer entlegene oder avantgardistische Themen beackern, bekennt er sich zu middle of the road. Es ist ja nicht sonderlich originell, Musik wie klassischen US-Blues, den Stadion-Rock von U2 und BAP oder songwriting von Lou Reed und Nick Cave einzusetzen – aber es macht deren Fangemeinden darauf aufmerksam. Wobei es auf cineastische Qualitäten kaum ankommt: Seine „Buena Vista Social Club“-Doku über vergessene kubanische Musiker hat zwar den visuellen Charme eines Amateur-Videos, verhalf aber ihrem Son-Musikstil zu einem weltweiten Revival.

 

Dieser Überraschungs-Hit war der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Dokus, die bei Kritik und Publikum gleichermaßen gut ankamen. Ob Rockbands, Tanztheater, Reportagefotografie oder Monumental-Skulpturen: Wenders erweist sich als flexibler Beobachter, der das jeweilige Sujet anschaulich in Szene setzt. Mit ausgiebigem Einsatz von 3D-Technik ist es ihm sogar gelungen, das Doku-Genre zu revolutionieren – das hatte vor ihm keiner gewagt.

 

Widerspiegelung des Zeitgeistes

 

Umso auffallender sind die Schwächen seiner Spielfilm-Fließbandproduktion. Nicht obwohl, sondern gerade weil sie den bundesrepublikanischen Zeitgeist der Epochen und seine Marotten getreulich widerspiegeln. Wenders‘ meist schwarzweißes Frühwerk aus den 1970er Jahren ist so trist wie die bleiernen Jahre des Post-1968-Katers: Allseitig gestörte Gestalten verzweifeln an sich und dem Rest der Welt.

 

Ab „Der Stand der Dinge“, in dem Wenders 1982 seinen missglückten Ausflug nach Hollywood aufarbeitete, übertrug er dieses Lebensgefühl auf die USA. Der vom Feuilleton hochgejazzte und mit der Goldenen Palme prämierte Film „Paris, Texas“ (1984) zeigt randständige Existenzen in einer Edward-Hopper-Welt aus schäbigen Absteigen und menschenleeren Landschaften: Amerika als bittersüßer Mythos aus Freiheitsversprechen und zerbrochenen Illusionen war seinerzeit sehr populär.

 

Sinnsuche sensibler Kulturmenschen

 

Den Gegenentwurf dazu bewirtschaftete Wenders mit seinen Japan-Filmen: angefangen mit „Tokyo-Ga“ (1985) auf den Spuren der Regie-Legende Yasujirō Ozu über die Yamamoto-Doku (1989) bis zu „Perfect Days“ (2023), dem Porträt eines fiktiven Toiletten-Putzers mit asketischem Lebenswandel. Was nicht nur Ostasien-Liebhaber hierzulande entzückte; Japan nominierte den Film als seinen offiziellen Kandidaten für den Auslands-Oscar – er kam auf die shortlist der besten Fünf.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Perfect Days" – Porträt eines fiktiven Toilettenputzers in Tokio von Wim Wenders

 

und hier eine Besprechung des Films "Anselm Das Rauschen der Zeit (3D)" bildgewaltige Doku über den Künstler Anselm Kiefer von Wim Wenders

 

und hier eine Kritik des Films "Grenzenlos" – Verfilmung des Liebesromans von Jonathan M. Ledgard durch Wim Wenders

 

und hier einen Artikel über den Film "Die schönen Tage von Aranjuez (3D)" – Adaption eines Theaterstücks von Peter Handke durch Wim Wenders

 

und hier eine Kritik des Films "Every Thing Will Be Fine" – Schuld-und-Sühne-Drama mit James Franco von Wim Wenders

 

und hier einen Beitrag über den Film "Das Salz der Erde" – fabelhaftes Doku-Porträt des Fotografen Sebastião Salgado von Wim Wenders

 

und hier ein Rückblick auf den Film "Der Himmel über Berlin (WA)" – poetisch-fantastische Hommage an das alte Westberlin von Wim Wenders

 

und hier eine Kritik des Film "Kathedralen der Kultur (3D)" – Doku über sechs Kultur-Institutionen von Wim Wenders + fünf Regisseuren 

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "4 REAL & TRUE 2 – Wim Wenders. Landschaften. Photographien" – Retrospektive seines fotografischen Werks im Museum Kunstpalast, Düsseldorf

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Werner Herzog" – durchwachsene Gedenkschau zum 80. Geburtstag des Regisseurs in der Deutschen Kinemathek, Berlin

 

und hier einen Artikel über die Ausstellungen "Pluriversum + Gärten der Kooperation" zum 85. Geburtstag von Alexander Kluge in Essen + Stuttgart

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Fassbinder – Jetzt: Film und Videokunst" – große Retrospektive des Regisseurs im Deutschen Filmmuseum, Frankfurt am Main.

 

Beflügelt vom Erfolg von „Der Himmel über Berlin“ und der Aufbruchsstimmung der 1990er Jahre, wagte sich Wenders an überambitionierte Großprojekte: „Bis ans Ende der Welt“ (1991), „In weiter Ferne, so nah!“ (1993) und „The Million Dollar Hotel“ (2000) vereinten eine verquaste Handlung mit überlanger Spielzeit. Ihr Scheitern ließ den Regisseur beim Aufwand abspecken, nicht jedoch beim Anspruch: Die Protagonisten von „Palermo Shooting“ (2008), „Everything will be fine“ (2015) oder „Die schönen Tage von Aranjuez“ (2016) sind allesamt feinfühlige Kulturmenschen auf Sinnsuche – wie ihr Schöpfer. Was auf der Leinwand mittlerweile recht altbacken aussieht.

 

Genie-Liste würde Beitrag sprengen

 

Dieses Urgestein des Neuen Deutschen Films und sein Mammutwerk zu würdigen, ohne zu überwältigen oder übermäßig schön zu färben – das ist die Leistung der Gedenkschau. Sie vermag es durch einen einfachen Kunstgriff: Gegliedert ist sie nicht in Lebens- oder Werkphasen, sondern in Themenfelder wie „Roadmovies“, „Literatur“, „Bildende Kunst“ oder „Musik“. In jeder Abteilung bebildern kurze, ausgesuchte Filmausschnitte Wenders‘ Selbstverständnis – ergänzt durch die übliche Flachware wie Szenenfotos, Skript-Exzerpte oder Korrespondenz.

 

Das klingt schematisch, ist es aber nicht – weil die sorgfältig ausgewählten Exponate stets miteinander in Beziehung gesetzt werden. So umgehen die Kuratoren die Gefahr, dass der Besucher von Wenders‘ Mitteilungsbedürfnis erschlagen wird. Etwa durch seine Aufzählung aller Genies der Kulturgeschichte, die ihn beeinflusst haben sollen: Rilke, Kafka, Camus, Sartre, Paul Auster, Sam Shepard, Dashiel Hammett, Ruisdael, Rembrandt, Vermeer, C.D. Friedrich, Kandinsky, Klee, Hopper, Balthus, Mark Rothko, Cy Twombly, Wols, August Sander, Walker Evans – die vollständige Liste würde diesen Beitrag sprengen.

 

Immersive Raum-Installation

 

Am Ende des Rundgangs wartet ein einzigartiges Erlebnis, das Wenders‘ Bedeutung für das Weltkino entspricht: eine von ihm selbst konzipierte „immersive kinematografische Rauminstallation“. Auf acht Meter hohe Wände werden Schnipsel aus seinen Filmen projiziert, unterlegt mit von ihm „kuratierter“ Musik. Dieses Bilder-und-Klang-Gewitter soll ein neues, nicht-lineares Verständnis seines Œuvres ermöglichen – ein Fest der Megalomanie für alle Sinne.

 

Was kann danach noch kommen? Bei den drei wichtigsten Filmfestivals der Welt – und zahlreichen weniger wichtigen – hat Wenders bereits Hauptpreise gewonnen. Sein Stern liegt auf dem „Boulevard der Stars“ in Berlin; diverse Preise für sein Lebenswerk wurden ihm ebenso überreicht wie 2022 der japanische „Praemium Imperiale“, der als Nobelpreis für die Künste gilt. Er ist als einziger Filmschaffender Träger des Ordens „Pour le Mérite“, der nur 80 Mitglieder hat. Und in seiner Geburtsstadt Düsseldorf wurde 2018 sogar ein Gymnasium nach ihm benannt.

 

Auf ins Museum der Moderne!

 

Da wird die Luft dünn – Freudentränen könnte Wenders wohl höchstens eine noch umfangreichere und üppigere Retrospektive zum 90. Geburtstag verschaffen. Wollen wir hoffen, dass bis dahin das im Bau befindliche „Museum der Moderne“ am Kulturforum der Bundeshauptstadt fertig sein wird – mit 9000 Quadratmeter Ausstellungsfläche böte es dafür hoffentlich ausreichend Platz.