Nadav Lapid

Yes

Yasmine (Efrat Dor) und ihr Mann Y. (Ariel Bronz) lecken einer reichen Frau (Idit Perperson) die Ohren aus. Foto: Grandfilm
(Kinostart: 13.11.) Das erste Opfer des Gaza-Kriegs ist die Kreativität: Regisseur Nadav Lapid will den Zustand der israelischen Gesellschaft zwischen Dekadenz und Rachegelüsten anprangern. Seine schrille Groteske aus wirren Szenen legt allerdings nahe, dass er selbst zwischen Schockstarre und Weltekel schwankt.

Ein Gedankenspiel: Stellen Sie sich vor, Sie sind Regisseur. Ihr kleines, aber hochgerüstetes Land wurde vor zwei Jahren von einer Terrorgruppe überfallen, die eine niedrige vierstellige Zahl ihrer Landsleute ermordete. Daraufhin ging die Armee massiv gegen die Hochburg der Terroristen vor – Bilanz bisher: eine mittlere fünfstellige Zahl von Todesopfern und eine zerbombte Millionenstadt. Die Vergeltung fällt so unverhältnismäßig aus, dass selbst enge Verbündete und Geldgeber auf Distanz zu ihrer Nation gehen. Über deren Zustand wollen Sie nun einen Film drehen – wie?

 

Info

 

Yes

 

Regie: Nadav Lapid,

150 Min., Israel/ Deutschland/Frankreich/Zypern 2025;

mit: Ariel Bronz, Efrat Dor, Naama Preis, Alexei Serebrjakow

 

Weitere Informationen zum Film

 

Dafür wählt Nadav Lapid die Form einer schrillen Groteske. Deren Hauptfigur Y. (Ariel Bronz) ist ein mittelloser Pianist, der jeden Auftrag annimmt, um ein paar Schekel zu verdienen. Gemeinsam mit seiner Frau, der Hiphop-Tanzlehrerin Yasmine (Efrat Dor), gibt er auf Partys der Oberschicht den überdrehten Pausenclown. Beide wirbeln herum wie Derwische, machen waterboarding mit Soßen-Schüsseln, lassen sich in den Pool fallen – oder lecken after hours einer Auftraggeberin die Ohrmuscheln aus.

 

Siegeshymne über Feind-Vernichtung

 

Aber für ein auskömmliches Familienleben mit Baby Noah im so hedonistischen wie teuren Tel Aviv reicht es nicht. Da kommt Avinoam (Sharon Alexander), PR-Manager der Regierung, wie gerufen: Auf einer Superreichen-Jacht vermittelt er Y. einen lukrativen Job. Ein russischstämmiger Milliardär (Alexei Serebrjakow) beauftragt den Pianisten, eine vor Chauvinismus strotzende Siegeshymne zu schreiben, mit dem Tenor: Israel vernichtet seine Feinde jederzeit und überall.

Offizieller Filmtrailer


 

Letzter Kuss vor Gaza-Panorama

 

Das fällt Y. schwerer als gedacht. Um seine Schreibblockade zu überwinden, besucht er im Hinterland seine Ex-Geliebte Leah (Naama Preis); sie bestückt mittlerweile Social-Media-Kanäle des Militärs. Tränenselige Aussprache samt letztem Kuss bei freier Sicht auf den zerstörten Gaza-Streifen – zurück in Tel Aviv, leckt Y. buchstäblich die Stiefel seines Mäzens, bis seine Frau mit dem Kind emigrieren will.

 

Sie vermissen in dieser Kurzfassung einen plausiblen Plot, inneren Zusammenhang oder interessante Charaktere? Zurecht – obwohl Nadav Lapid kein Anfänger ist. Sondern der derzeit renommierteste Autorenfilmer Israels: Seinen Durchbruch erlebte er 2011 mit „Policeman – Ha-Shoter“, einer präzisen Doppel-Verhaltensstudie von Ritualen und Gruppenzwängen bei Elite-Polizisten und Terroristen.

 

Die Kleinfamilie spielt mit

 

2019 gewann er mit „Synonymes“ den Goldenen Bären – bizarrerweise: Das Porträt eines jungen Israelis, der nach Frankreich auswandert und dort nicht zurechtkommt, war zwar stark autobiograpisch geprägt, wirkte aber trotzdem wie eine spröde Nummernrevue aus arg konstruierten Kopfgeburten. Mit „Aheds Knie“, in Cannes 2021 prämiert mit dem Preis der Jury, adaptierte dann Lapid unverhüllt eigenen Alltag: Sein alter ego Regisseur Y. will einen Film über eine palästinensische Aktivistin drehen, bekommt aber dafür keine Staatsknete und sieht sich Schikanen der Regierung ausgesetzt – erstaunlich!

 

Für „Yes“ bedient sich Lapid abermals bei sich selbst: Sein Protagonist heißt erneut Y., dessen Ex-Geliebte spielt seine Lebensgefährtin Naama Preis. Sogar sein leiblicher Sohn taucht wie im Vorläufer-Film als gleichnamiges Kleinkind Noah auf. Ob Lapids Selbstzitate und -stilisierung so weit gehen, dass er sich ebenfalls wie die Hauptfigur als Jasager und Opportunist voller Selbst- und Weltekel empfindet, muss offen bleiben, ist aber auch unerheblich.

 

ADHS-geplagter Hauptdarsteller

 

Denn der Regisseur pfeift auf jegliche Kohärenz; er inszeniert meist so, als würde er angewidert ausspucken. Mal wackelt und zittert die Kamera in Reißschwenks zu stupiden Disco-Beats, mal dehnen sich ereignislose Einstellungen bis zur Ödnisgrenze. Mal muss Leah minutenlang Gräueltaten der Hamas-Attacke am 7. Oktober 2023 aufzählen, mal beschwört der nackte Y. in der Wüste seine tote Mutter, während Steine vom Himmel auf ihn herabfallen – Bibel-Anspielungen gehen ja immer.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Synonymes" – Parabel über israelischen Exilanten von Nadav Lapid, Berlinale-Siegerfilm 2019

 

und hier eine Besprechung des Films "Policeman - Ha Shoter" – präziser Terror-Thriller aus Israel von Nadav Lapid

 

und hier einen Beitrag über den Film "The Green Prince" – faszinierende Doku über den abtrünnigen Sohn eines Hamas-Chefs von Nadav Schirman

 

und hier einen Bericht über den Film "Golda – Israels Eiserne Lady" – Historien-Drama über die israelische Regierungschefin im Jom-Kippur-Krieg 1973 von Guy Nattiv.

 

Diesen wüsten Reigen wirrer Szenen machen die begrenzten Fähigkeiten der Schauspieler nicht besser. Hauptdarsteller Ariel Bronz, laut Lapid ein „Gestalter sehr radikaler und provokativer Avantgarde-Shows“, zappelt und grimassiert sich durchs Geschehen wie ein von ADHS geplagter Teenager. Dass seine Film-Gattin Efrat Dor dem Regisseur zufolge elf Jahre lang vergeblich versuchte, in Hollywood zu landen, glaubt man ihm aufs Wort. Naama Preis qualifiziert offenbar zur Mitwirkung, dass sie mit Lapid liiert ist.

 

Masseneinwanderung von Russen

 

Ein einziger Akteur sprengt den Rahmen des familiär Dilettantischen: Alexei Serebrjakow als Oligarch. Nicht nur, weil der international vielbeschäftigte Schauspieler sein Handwerk versteht, sondern auch, weil er auf einen hierzulande wenig beachteten Umstand aufmerksam macht. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wanderte aus ihren Nachfolgestaaten mehr als eine Million Juden, meist ethnische Russen, nach Israel ein; das entsprach seinerzeit einem Bevölkerungszuwachs von 20 Prozent.

 

Diese Massenimmigration hat das gesellschaftliche Klima im Land unwiderrruflich verändert. In welche Richtung, zeigt das Finale: Ein Kinderchor singt ein Lied aus Israels Gründerzeit, das nach dem 7. Oktober von einer rechtsgerichteten Organisation neu betextet wurde. „Die Herbstnacht bricht über den Strand von Gaza herein“, heißt es da: „Flugzeuge werfen Bomben ab. Zerstört! Zerstört! Mutige Tsahal-Soldaten durchbrechen die Frontlinie, um die Hakenkreuz-Träger auszuradieren. In einem Jahr wird hier keiner mehr leben, und wir kehren sicher nach Hause zurück.“