Remagen

Netzwerk Paris – Abstraction-Création 1931–1937

Timo Nasseri, Hedron, 2015, Courtesy Timo Nasseri and Sfeir-Semler Gallery Beirut/ Hamburg. Fotoquelle: Arp Museum
Die Erfindung der Selbstvermarktung: Um gegen den Surrealismus zu bestehen, gründeten ungegenständlich arbeitende Künstler 1931 in Paris eine Avantgarde-Gruppe, die sehr aktiv und einflussreich werden sollte. Ihr facettenreiches Wirken stellt das Arp Museum umfassend vor – zum ersten Mal seit 47 Jahren.

Wir schreiben das Jahr 1931. Ganz Paris, soweit es sich für Gegenwartskunst interessiert, wird von den Surrealisten beherrscht… Ganz Paris? Nein! Eine von unbeugsam nicht-figurativ arbeitenden Künstlern bevölkerte Vereinigung hört nicht auf, der Übermacht Widerstand zu leisten. Die Gruppe „Abstraction-Création“ sollte nur sechs Jahre bestehen, aber sehr einflussreich werden – vor allem nach der Auflösung. Nun wird das Spektrum ihres Schaffens in Remagen in seiner ganzen Vielfalt vorgestellt; in der ersten Retrospektive seit 1978.

 

Info

 

Netzwerk Paris
Abstraction-Création 1931–1937

 

05.07.2025 - 11.01.2026

 

täglich außer montags 11 bis 18 Uhr

im Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Hans-Arp-Allee 1, Remagen

 

Katalog 38 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Warum im Arp Museum? Weil die Hausheiligen Hans Arp (1886-1966) und Sophie Taeuber-Arp (1889-1943) zu den Gründungsmitgliedern von „Abstraction-Création“ zählten und aktiv daran mitwirkten, bis sie die Vereinigung 1934 im Streit verließen. Solche Konflikte waren nicht ungewöhnlich: Wie die Politik jener Epoche war auch die zeitgenössische Kunstszene von scharfen, ideologisch begründeten Rivalitäten geprägt. Viele ihrer Zirkel wie etwa die Vorläufer-Gruppe „Cercle et Carré“ waren daher nur kurzlebig.

 

Jedem Künstler sein -Ismus

 

Abstrakte Kunst, Konkrete Kunst, konstruktive Kunst, Konstruktivismus, Neoplastizismus, Elementarismus, geometrische Abstraktion: Es schien fast, als folgte jeder Künstler seiner eigenen Dogmatik und begründete dafür einen „-Ismus“ als Markenzeichen. Obwohl all diese Adepten ungegenständlicher Ansätze eines verband: ihre rigorose Ablehnung alles Bisherigen für die Gestaltung einer neuen Gesellschaft.

Impressionen der Ausstellung


 

Sektierisches Sendungsbewusstsein

 

So formulierte Anatole Jakovski 1933 im zweiten Heft der „Cahiers“ von „Abstraction-Création“: „…der Surrealismus hat ihn seinerzeit ebenso leicht abgelöst wie zuvor der Kubismus den tattrigen Impressionismus; und auch der Surrealismus, der letzte organische Stil der bürgerlichen Gesellschaft, ist tot. Ausgelaugt.“ Solches Sendungsbewusstsein klang etwas sektierisch angesichts des Desinteresses der Öffentlichkeit: Abstrakte Kunst galt als spröde und unverständlich.

 

Das sollte „Abstraction-Création“ ändern. Ihr Verdienst war es, die Spaltungen zu überwinden, weil alle Varianten des Ungegenständlichen willkommen waren, die sich zwischen den beiden namensgebenden Polen bewegten – so gewann die Gruppe rund 90 Mitglieder. „Abstraction“ meinte das Abstrahieren von Formen, die in der physischen Wirklichkeit vorhanden waren; wie etwa bei den biomorphen Skulpturen von Hans Arp oder den nahezu barock wuchernden Kompositionen von Auguste Herbin.

 

Diagonale oder rechter Winkel

 

„Création“ bedeutete das Erschaffen neuer Formen auf der Basis von Geometrie oder Mathematik; so arbeiteten etwa Naum Gabo, Jean Hélion, Theo van Doesburg und Piet Mondrian. Wobei sich die beiden Niederländer zeitweise über den Gebrauch von Diagnolen zerstritten: Van Doesburg verwendete sie auf seinen Bildern, Mondrian lehnte das ab und beharrte auf rechten Winkeln.

 

Derartige Rechthaberei spielte zumindest in der Außendarstellung der Gruppe keine Rolle. Sie wollte allen Mitgliedern ein Forum zur Präsentation bieten und damit ihre Marktchancen erhöhen. Dazu dienten zunächst die „Cahiers“ ab 1932: fünf aufwändig gemachte Almanache mit Foto-Reproduktionen von Werken. Ihre Schöpfer konnten Kommentar-Texte beisteuern; ein wenig wie im Muster-Katalog.

 

Showroom am Arc de Triomphe

 

Außerdem mietete die Gruppe Ende 1933 ein Ladenlokal in der feinen Avenue de Wagram, unweit vom Arc de Triomphe. Was gewagt war: Aufgrund der Weltwirtschaftskrise verkauften Kunstgalerien kaum etwas; viele von ihnen mussten schließen. Doch die Räume am Triumphbogen dienten nicht als kommerzielle Galerie, sondern als showroom: In 14-tägig wechselnden Ausstellungen wurden Werke der Mitglieder vorgestellt. Das kam gut an, trug sich aber finanziell nicht: Mitte 1934 wurde der Betrieb eingestellt, zu Jahresende kurz wiederaufgenommen, dann war endgültig Schluss. 1936 erschien das letzte „Cahier“, im Folgejahr löste sich die Gruppe auf.

 

Nicht ihr unmittelbarer Erfolg sicherte ihr einen Platz in der Kunstgeschichte, sondern ihre Langzeitwirkung: Hier kamen viele Künstler zusammen, die zwei Jahrzehnte später ihren Durchbruch erleben sollten. Wie das geschah, zeigte 1939 „Réalités Nouvelles“, die letzte große Ausstellung abstrakter Kunst in Paris vor dem Zweiten Weltkrieg: Etliche der hier präsentierten Künstler hatten „Abstraction-Création“ angehört.

 

Vom Staubtrockenen zum Sinnlichen

 

Viele von ihnen formierten sich nach dem Krieg neu in der „Association Réalités Nouvelles“, mit Auguste Herbin als Sekretär. Plötzlich war die zuvor bespöttelte Abstraktion der Stil der Stunde – als „Form der Freiheit“ in Abgrenzung zum Sozialistischen Realismus im sowjetischen Lager. Künstler wie Hans Arp, Alexander Calder, Laszlo Moholy-Nagy, Sonia und Robert Delaunay, Max Bill und Piet Mondrian wurden weltberühmt.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Auguste Herbin" – beeindruckende Retrospektive des Malers, der u.a. Präsident von „Abstraction-Création“ war, im Lenbachhaus München

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Kosmos Kandinsky – Geometrische Abstraktion im 20. Jahrhundert" im Museum Barberini, Potsdam

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Die Form der Freiheit – Internationale Abstraktion nach 1945" – eindrucksvolle Themenschau im Museum Barberini, Potsdam

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Piet Mondrian – Die Linie" – präzise Frühwerk-Präsentation des Neoplastizismus-Erfinders im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Ways of Seeing Abstraction" – Überblicksschau über abstrakte Kunst seit den 1960er Jahren im PalaisPopulaire, Berlin.

 

Diese Erfolgsgeschichte zeichnet das Arp Museum anschaulich nach – mit einer Dramaturgie, die vom Staubtrockenen zum fast Sinnlichen führt. Am Anfang stehen rechtwinklige Bild-Konstruktionen von Mondrian, van Doesburg, Jean Gorin oder Jean Hélion. In Weiß mit schwarzen Linien und sparsamen Primärfarben; mal mit, meist ohne Diagonalen. In diesem kargen Habitat fällt schon auf, wenn die Britin Marlow Moss doppelte statt einfacher Linien verwendet.

 

Halb abstrakte, halb figurative Jungfrau

 

An die Kabinette der „Création“ schließen Räume für „Abstraction“ an. Da lassen sich bemerkenswerte Entdeckungen machen: etwa die organisch geschwungenen Säulen des ungarischen Bildhauers István Beöthy (bzw.: Etienne Béothy), der hierzulande kaum bekannt ist. Oder eine farbenprächtig glühende „Vierge en gloire“ („Jungfrau mit Heiligenschein“), die Albert Gleizes 1930/31 malte – zwei Jahrzehnte zuvor war er ein Hauptvertreter des Kubismus gewesen.

 

Das Madonnenbild des gläubigen Christen steht für eine Zwischenzone zwischen Abstraktion und Figuration. Manche Gruppenmitglieder sahen den Gegensatz zu den Surrealisten nicht so streng, wie das oben zitierte Verdikt von Anatole Jakovski suggeriert. So stellte Hans Arp gelegentlich mit ihnen aus. Auch die britische Malerin Paule Vézelay schuf organoide Plastiken und Gemälde wie „Collection of Objects on a Blue Table“ („Objekt-Sammlung auf blauem Tisch“, 1934), die Abstraktes und Gegenständliches miteinander kombinierten.

 

Unnötiger Gegenwarts-Epilog

 

Ähnlich wirken die Intermezzi: Zwischendurch und im letzten Saal sind – meist großformatige – Werke von sieben Gegenwartskünstlern zu sehen, etwa von Daniel Buren und Imi Knoebel. Das gerät hübsch bunt, abwechslungsreich und recht klotzig. Der Versuch, die anhaltende Relevanz ungegenständlicher Kunst vorzuführen, fällt so gefällig wie beliebig aus. Anstelle dieses Septetts hätte man Dutzende anderer Beiträge auswählen können.