Hamburg

Anders Zorn – Schwedens Superstar

Im Freien, 1890, Öl auf Leinwand, 69 x 101,5 cm, Ateneum Art Museum, Helsinki. © Foto: Finnish National Gallery / Hannu Aaltonen. Fotoquelle: Hamburher Kunsthalle
Skandinavischer Alleskönner: Der schwedische Maler brillierte als Aquarellist, Radierer und in Öl – mit detailscharfen Alltagsszenen und impressionistischen Momentaufnahmen. Damit wurde er ab 1890 zum hochbezahlten Porträtisten; die Kunsthalle stellt den Tausendsassa endlich hierzulande gebührend vor.

Kopftücher blitzen blütenweiß, Füße stampfen und hüpfen auf dem grünen Rasen, und junge Paare schwenken sich so wild herum, dass ihre Wangen glühen: Es ist Mittsommernacht auf dem Gemälde von Anders Zorn (1860-1920). Mit impressionistisch schwungvollem Pinsel hat der Maler die ländliche Szene festgehalten. Schweden pur!? Das Bild besitzt für Nordlichter ikonischen Rang.

 

Info

 

Anders Zorn – Schwedens Superstar

 

26.09.2025 - 25.01.2026

 

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 21 Uhr

in der Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5, Hamburg 

 

Katalog 39,90 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Um 1900 gemalt, suggeriert es die Lebendigkeit uralter Traditionen. Allerdings war das schon damals eine Illusion: Der Dorftanz wurde auf Geheiß des Malers flugs organisiert, als er zusammen mit dem schwedischen Prinzen Eugen zu Besuch kam. Solche volkstümlichen Bräuche waren da längst im Schwinden begriffen; ein bedrohtes Kulturerbe, das Anders Zorn als schützenswert empfand. Er trug auch Dutzende betagter Holzkaten für ein Freilichtmuseum in seiner Heimatregion Dalarna zusammen. Eines davon, 1237 erbaut, gilt heute als das älteste Haus in Schweden.

 

Sich in high society hoch malen

 

Der Sohn eines deutschstämmigen Bierbrauers kam unehelich in der mittelschwedischen Kleinstadt Mora zur Welt. Aus einfachen Verhältnissen malte er sich empor in die globale high society: Zu seinen Kunden zählten US-Präsidenten, Wirtschaftsbosse, schwerreiche Mäzeninnen und Operngrößen. Mit Kollegen wie Édouard Manet (1832-1883), James McNeill Whistler (1834-1903) und John Singer Sargent (1856-1925) wurde er in einem Atemzug genannt: ein internationaler Malerstar, der in Schweden nicht seinesgleichen hatte.

Feature zur Ausstellung. © Hamburger Kunsthalle


 

Erstes Ölbild mit 28 Jahren

 

Heute werden manche Aspekte seines Schaffens kritischer gesehen; etwa seine effekthascherischen Akte mit ihren rosigen Popos in freier Natur. Aber dieser Maler ist auch beeindruckend wandlungsfähig, vielseitig und hinreißend in seiner stupenden Beherrschung malerischer Techniken. Schon mit Anfang 20 begeisterte er das Publikum. Sein erster großer Erfolg – eine zart, aber präzise hingetuschte junge Dame „In Trauer“ von 1880 – ist in der Schau zu sehen.

 

Tatsächlich begann Zorn seine Laufbahn als Aquarellist. Ob Steilküste, Wildblumenwiese oder Straßenszene: die detailscharfen Blätter haben die Qualität und Raffinesse von Ölgemälden, auch in der Ausführung. Erst mit 28 Jahren wagte Zorn sich an die Ölmalerei und reüssierte sogleich. Zugleich schätzten ihn seine Zeitgenossen als Schöpfer virtuoser Radierungen.

 

Lukrative Klischee-Darstellungen

 

Ein Mann von vielen Talenten: Der hochbegabte Aufsteiger wollte und suchte den Erfolg – das ging er strategisch an. Um seine Frau Emma aus einer wohlhabenden jüdischen Familie heiraten zu können, zog der mittellose junge Künstler zuerst nach Spanien, später nach London, und behielt dabei immer die zahlungskräftige Kundschaft im Blick. Für sie suchte er ansprechende Motive und arbeitete sich an gängigen Klischees ab.

 

Angefangen mit glutäugigen Spanierinnen samt ihren Fächern über den Gärten der Alhambra oder dem reizvollen Lüften eines Schleiers in Algier: Zorns Reisebeobachtungen docken an bekannte Vorstellungen vom attraktiv Fremdartigen an. Indes verblüfft seine frische, fast fotorealistische Auffassung von Augenblicken. Und seine Wahl originell alltäglicher Motive: In Paris malte er Fahrgäste im Omnibus, in Stockholm Arbeiterinnen in einer Brauerei.

 

Ruhm im Impressionismus-Fahrwasser

 

Mit diesem Maler kommt man weit herum; Zorns Reisepensum blieb zeitlebens enorm. Allein sieben Mal besuchte er die USA. Auf seinen Atlantiküberfahrten mit Dampfschiffen zückte er natürlich den Aquarellblock. Spiegelndes Wasser wiederzugeben faszinierte ihn immer, ob in Istanbul oder Hamburg; dort malte er auf Einladung von Kunsthallendirektor Alfred Lichtwark 1891 den Hafen. Beim Betrachten des Bildes fühlt man sich wie auf schwankenden Planken, so glaubwürdig ist die bewegte Flut. Allerdings verkaufte das Museum es in den 1920er Jahren wieder: Zorns Stern sank nach seinem Tod rasch.

 

Der Zeitgeschmack hatte sich dem Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution stark geändert – und ein künstlerischer Revoluzzer war dieser Maler nie gewesen. Vielmehr zählte Zorn zu derjenigen Künstler-Generation, die im Fahrwasser des Impressionismus zu Ruhm gelangt waren und dessen skizzenhaft wirkenden Malmodus gesellschaftsfähig gemacht hatten.

 

Ehefrau als Sachwalterin seines Schaffens

 

Besonders profitabel war die Porträtmalerei. Ein schönes Beispiel dafür ist Zorns Bildnis des fabelhaften reichen Grafen Jean Burnay: Er zeigt ihn als Schnösel im kleinkarierten Jackett auf seidigem Sofa. Doch war es nie Zorns Ziel, hinter die Fassade von Wohlanständigkeit zu blicken und seine Klientel zu entlarven – er hatte ein feines Gespür für die Erwartungen seiner Kundschaft.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Der andere Impressionismus. Internationale Druckgraphik von Manet bis Whistler" im Kupferstichkabinett, Berlin mit Werken von Anders Zorn

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Im Licht des Nordens: Dänische Malerei der Sammlung Ordrupgaard" in der Hamburger Kunsthalle

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Dänemarks Aufbruch in die Moderne" – Präsentation der dänischen Sammlung Hirschsprung in der Hamburger Kunsthalle.

 

Zorns Ehefrau Emma brachte ihre gesellschaftlichen Netzwerke und ihr Organisationstalent ein. Als Sachwalterin seines Schaffens blättert sie auf einem lebensgroßen Bildnis im roten Tupfenkleid wie eine Galeristin im Mappenständer, um eine Auswahl von Arbeiten des Künstlers vorzulegen. Daneben haben die Kuratoren der rund 150 Arbeiten umfassenden Schau die Radierung „Venus de la Villette“ von 1893 aus Paris platziert. Für die etwas füllige Dargestellte ist das nackte Modellstehen nur ein Job. Gelangweilt steht sie da, ohne Scham vorzuspielen. Sie ist es gewohnt.

 

Teuerstes schwedisches Kunstwerk

 

Mit Mitte 30 kehrte der weltläufige Maler zurück nach Mora, erwarb Grundbesitz und baute sich ein Haus im folkloristischen Stil, das heute als Museum dient. Die Rückkehr war zugleich ein künstlerischer Aufbruch. Am Impressionismus geschult und stilistisch modern, ging der Maler nun daran, traditionelles Landleben ins Bild zu setzen: eine Laute spielende Frau in rotbunter Tracht, eine versonnene Hirtin zwischen Kiefern oder eine Ruderin auf stillem Wasser. Diese mit Farben festgehaltenen Augenblicke wirken enorm glaubwürdig. War es so? Könnte es so gewesen sein?

 

Zorns bäuerliche Bilder trafen einen Nerv; sie wurden von Sammlern weltweit erworben. So gehörte seinerzeit dem Berliner Verleger Rudolf Mosse das eindrucksvolle Gemälde „Sonntagsmorgen“: Im gewagten asymmetrischen Anschnitt, als sei es eine zufällige Momentaufnahme, blickt man in eine niedrige Bauernstube, in der sich drei Frauen sich waschen und anziehen. Vor einigen Jahren wurde das Gemälde für rund drei Millionen Euro versteigert – und damit zum teuersten schwedischen Kunstwerk aller Zeiten.