François Ozon

Der Fremde

Meursault (Benjamin Voisin) und Marie (Rebecca Marder) begegnen sich an einem heißen Sommertag. Foto: © Foz - Gaumont - France 2 Cinema
(Kinostart: 1.1.) Ich habe einen Araber getötet: Albert Camus' existentialistischen Klassiker hat Regisseur François Ozon neu verfilmt. In strengem Schwarzweiß mit einem Hauptdarsteller, der seine rätselhaft emotionslose Aufrichtigkeit ideal verkörpert – eine brillante Literaturadaption.

„Heute ist Mama gestorben.“ Auf den legendären Satz, mit dem Albert Camus‘ Roman „Der Fremde“ beginnt, wartet man in François Ozons Verfilmung vergeblich. Stattdessen stellt der Regisseur seiner Adaption des 1942 erschienenen Klassikers der existenzialistischen Literatur einen Zusammenschnitt von Archivaufnahmen voran.

 

Info

 

Der Fremde 

 

Regie: François Ozon,

122 Min., Frankreich 2025;

mit: Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Denis Lavant

 

Weitere Informationen zum Film

 

Sie zeigen das in den 1930er Jahren boomende Algier, Hauptstadt des maghrebinischen Teils im damaligen französischen Staatgebiet, und laden zum Besuch, wenn nicht zur Übersiedlung dorthin ein. Darüber hinaus wird in den historischen Bildern aber auch die Spannung zwischen den französischen Siedlern als Menschen erster Klasse und der diskriminierten einheimischen Bevölkerung deutlich.

 

Ohne Vornamen + Einfühlungsvermögen

 

In diese Welt, die zwei Jahrzehnte später im antikolonialen Aufruhr versinkt, wird Meursault (Benjamin Voisin), ein Mann ohne Vornamen und Einfühlungsvermögen in seine Umgebung, im wahrsten Sinne des Wortes geworfen. Den ersten Auftritt im Film hat er bei seiner Einlieferung in eine überfüllte Gefängniszelle, in der er der einzige Franzose ist. Von einem Mitgefangenen gefragt, was er verbrochen habe, antwortet er ohne zu zögern: „Ich habe einen Araber getötet.“

Offizieller Filmtrailer


 

Kontraststarke Ästhetik

 

Die Geschichte seines Protagonisten erzählt Ozon im Rückblick und kontrastreichen Schwarzweiß-Bildern. In denen flimmert die Helligkeit förmlich vor Hitze, während Schatten dunkle Grenzbereiche markieren. Die kontraststarke Ästhetik, die sich daraus ergibt, wirkt zeitlos und überhöht das Geschehen zur Parabel.

 

Wie seine Hauptfigur hält sich auch der Film in vielerlei Hinsicht zurück. In meist statischen Einstellungen beobachtet er, wie Körper Räume und Landschaften bevölkern, über denen häufig Stille lastet. Derweil verfolgt die Kamera, wie sie sich bewegen und mit kleinen Gesten Zeugnis von ihren Gefühlen oder deren Abwesenheit abgeben.

 

Leidenschaftslos das Leben genießen

 

Vor allem das Fehlen von Emotionen beziehungsweise eine Haltung allgemeiner Distanz macht das Verhältnis der Hauptfigur zu ihrer Umgebung aus. Als Büro-Angestellter, der seinen Aufgaben beflissen nachkommt, sie aber ansonsten als kaum der Rede wert erachtet, lebt er ohne Leidenschaft oder inneren Antrieb vor sich hin.

 

Das heißt nicht, dass er nicht in der Lage wäre, das Leben oder die Schönheit der Welt zu erkennen und zu genießen. Er liebt es zu schwimmen, seinen Körper zu spüren oder den Kopf probeweise auf den Bauch von Marie (Rebecca Marder) zu legen, die er gerade nach längerer Zeit wiedergetroffen hat.

 

Unbedingte Aufrichtigkeit sät Zweifel

 

Seine Reiz-Reaktions-Schemata funktionieren direkt. Wenn er rauchen will, raucht er; wenn er Hunger hat, isst er. Und wenn Körperlichkeit gefragt ist, steht er gern dafür bereit. Dass er dabei wenig Rücksicht auf die Umstände nimmt – etwa, dass seine Umgebung von ihm Zeichen der Trauer erwartet, nachdem seine Mutter gestorben ist – bedeutet nicht, dass er keine Prinzipien hätte. So lehnt er es beispielsweise entschieden ab, zu lügen.

 

Das gilt auch für Notlügen und kleine Übertreibungen, wie sie im sozialen Miteinander allgegenwärtig sind; daher führt seine unbedingte Aufrichtigkeit nicht automatisch zu Verständnis. Im Gegenteil sät gerade sie bei seinen Mitmenschen immer wieder Zweifel an seiner Integrität, wenn Meusault etwa die Frage, ob er Marie heiraten werde, mehrfach bejaht – doch auf die Nachfrage, ob er sie liebe, keineswegs entsprechend enthusiastisch reagiert.

 

Zwischen Alain Delon + Belmondo

 

Dass er sich über seine Gefühle nicht im Klaren ist und sie daher nicht Liebe nennen will, wird von ihr und später vom Gericht nicht etwa zu seinen Gunsten als Wille zur Wahrhaftigkeit gedeutet, sondern als Gefühlskälte.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Wenn der Herbst naht" – origineller Familien-Krimi-Genre-Mix von François Ozon

 

und hier eine Besprechung des Films "Peter von Kant" – verfremdetes Remake des Films "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" von Rainer Werner Fassbinder durch François Ozon

 

und hier einen Bericht über den Film "Frantz" – subtiles deutsch-französisches Kammerspiel nach dem Ersten Weltkrieg von François Ozon

 

und hier einen Beitrag über den Film "Den Menschen so fern" – packender existentialistischer Sahara-Western nach einer Erzählung von Albert Camus von David Oelhoffen.

 

„Der Fremde“ ist bereits 1967 von Regisseur Lucino Visconti mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle verfilmt worden; dafür wäre wahrscheinlich Alain Delon die bessere Wahl gewesen, meint François Ozon. Seine eigene Adaption bietet nun mit Benjamin Voisin einen Hauptdarsteller auf, der bei aller rätselhaften Kühle à la Delon momenthaft auch die verspielte Unschuld des jungen Jean-Paul Belmondo aufblitzen lassen kann.

 

Mangels Urteilskraft ins Verderben

 

Ozon musste Voision nur die Regieanweisungen geben, möglichst wenig Initiative an den Tag zu legen; auf alle Forderungen der Umwelt sollte er bloß reagieren. Das tut Meursault auch, als sein Nachbar Raymond Sintès (Pierre Lottin) ihn bittet, ihm bei einer zweifelhaften Angelegenheit zu helfen. Frei von Vorurteilen oder Bedenken folgt er der zwielichtigen Figur in Richtung Ärger und Verderben.

 

Dagegen legt seine Freundin Marie deutlich mehr soziale Urteilskraft an den Tag. Dennoch steht sie durch alle Höhen und Tiefen zu ihm, sobald Meursault in die Mühlen der Justiz gerät. Rebecca Marder verkörpert sie als ebenso starken und freien wie sinnlichen Charakter. Vor Gericht, als das Verbrechen ihres Freundes verhandelt wird, ist sie überdies die Einzige, die auch für das Opfer und seine Angehörigen Mitgefühl aufbringt.

 

Der Araber erhält einen Namen

 

Diese Rolle stärker zu akzentuieren als in der Romanvorlage, ist ein großes Verdienst des Films. Zudem gibt Regisseur Ozon dem zufälligem Opfer von Meursault, das Camus stets nur „den Araber“ nennt, hier einen Namen: Moussa (Abderrahmane Dehkani) – so bezeichnete ihn auch Kamel Daoud in seinem Roman „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ von 2017. Damit schließt sich auch der Kreis zum vorangestellten Archivmaterial.