
In den späten 1980er Jahren war „Der Medicus“ von Noah Gordon (1926-2021) eines der Bücher, die alle gelesen hatten. Darin erzählt der US-Schriftsteller im Gewand eines historischen Romans, der es mit den Fakten nicht so genau nimmt, die Geschichte des jungen Briten Robert Cole. Der bricht im 11. Jahrhundert nach Persien auf und gibt sich als Jude aus, um in Isfahan beim berühmten Heiler Ibn Sina – in Europa Avicenna genannt – zu studieren. Dort wird er in politische Ränkespiele verwickelt, muss fliehen und kehrt, mit Ibn Sinas „Kanon“-Hauptwerk im Gepäck, nach England zurück.
Info
Der Medicus 2
Regie: Philipp Stölzl,
142 Min., Deutschland 2025;
mit: Tom Payne, Emily Cox, Liam Cunningham, Emma Rigby
Weitere Informationen zum Film
Wöchnerin stirbt in Seesturm
Dabei gewährleistet Kontinuität, dass Stölzl auf dieselben Hauptdarsteller zurückgreifen kann: Tom Payne spielt den mittlerweile gereiften Medicus Rob, der aus Isfahan fliehen muss. Als seine hochschwangere Liebe Rebecca steht auch Emma Rigby wieder an seiner Seite. Sie wird ihm allerdings nach einer Entbindung auf hoher See durch einen Sturm vor Englands Küste entrissen. Traumatisiert, alleinerziehend und von seinen persischen Reisegefährten begleitet kommt Rob nach London zurück.
Offizieller Filmtrailer
Medizinischer Know-how-Import
Den Faden der Geschichte hier aufzunehmen, ist eine ausgezeichnete Entscheidung. Zwar ließ auch Gordon seinem Bestseller zwei Fortsetzungen folgen – doch seine Idee, diese Jahrhunderte später mit Robs Nachfahren in der Neuen Welt anzusiedeln, stieß beim Publikum auf wenig Gegenliebe. Diesen Fehler wollte man bei der Verfilmung nicht wiederholen.
Stattdessen orientiert sich das Drehbuch an den letzten Kapiteln des Original-„Medicus“. Das Buch endet damit, dass Rob versucht, in London ein Krankenhaus nach dem Vorbild eines persischen „Binaristam“ aufzubauen. Der Film widmet sich vor allem der interessanten Frage, ob und wie ihm das im frühmittelalterlich-rückständigen England gelingen kann. Denn das Metier von Cole und seinen studierten Gefährten aus Isfahan wird in London von einer Gilde kontrolliert, die eifersüchtig über ihren betuchten Kundenstamm wacht.
New Age im Mittelalter
Das gemeine Volk lässt sich derweil seine Zähne von so genannten Bader-Chirurgen ziehen; bei einem dieser reisenden Volksärzte ging einst auch Rob in die Lehre. Wie die Dinge liegen, haben er und seine jüdischen und muslimischen Flüchtlings-Freunde aus dem Osten trotz – oder gerade: wegen – ihres Wissensvorsprungs noch nicht einmal das Recht, die Nacht innerhalb der Stadtmauern zu verbringen. Sie lassen sich am gegenüberliegenden Themse-Ufer nieder und beginnen trotz aller Hindernisse mit der Arbeit.
Zudem muss Rob auch die Trauer um Rebecca bewältigen. Dabei hilft ihm die Begegnung mit einer keltischen Druidin, was ihn auf eine neue Idee bringt: Er will an einer „Heilkunde der Seele“ arbeiten, die das medizinische Wissen des „Kanon“ mit den heidischen Überlieferungen der Kelten verbindet. New Age im Mittelalter!
Ökumenisches Ärzte-Team
Solche clever integrierten Anachronismen betonen stets fortschrittliche Werte, ebenso wie Robs aus Vertretern aller drei monotheistischen Weltreligionen zusammengesetztes Ärzte-Team. Überdies versteht sich Regisseur Philipp Stölzl darauf, beeindruckende Kinobilder zu drehen – das bewies er schon mit seinem Bergsteiger-Drama „Nordwand“ (2008), dem ersten „Medicus“-Film und zahlreichen Musik-Videoclips.
Hintergrund
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Tod durch Handauflegen erfühlen
Nach dem Vorbild des ersten „Medicus“ wird Rob wieder in eine Palastintrige verwickelt. Nun dreht sich alles um die Thronfolge. Robs Charakter tritt in den Hintergrund und macht Platz für Emily Cox als Königstochter Mercia. Die gibt ihrer Rolle eine unheimliche Note: Sie heuchelt gern Empathie, um dann mit dünner Stimme Todesurteile auszusprechen.
Damit gelingt es Regisseur Stölzl einmal mehr, religiöse, populärwissenschaftliche und soziale Themen in historischen Kulissen zu einem unterhaltsamen Ganzen zu verrühren. Sogar mit fantastischen Elementen: Robs übernatürliches Talent, den nahenden Tod seiner Patienten durch Handauflegen erfühlen zu können, wurde ihm bereits von Autor Gordon verliehen und ist notgedrungen erhalten geblieben.
Für das TV-Weihnachtsprogramm
Allein deshalb muss man die historischen Ungereimtheiten nicht ganz so ernst nehmen. Diesem kurzweiligen Kostümfilm ist eine erfolgreiche Zukunft im Weihnachtsprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sicher. Für die Produzenten zählt wohl mehr die internationale Resonanz auf Streaming-Portalen.
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