Philipp Stölzl

Der Medicus 2

Der Medicus Rob Cole (Tom Payne) hält seine Erkenntnisse fest. Foto: @ Copyright: Constantin Film Distribution GmbH
(Kinostart: 25.12.) Ex oriente lux: Der Historien-Schmöker von Noah Gordon über einen Engländer, der im 11. Jahrhundert im fernen Persien die Heilkunst erlernt, war ein Top-Bestseller. Nach der ersten Verfilmung 2013 legt Regisseur Philipp Stölzl nach – mit kurzweiligem Themen-Mix samt einigen Ungereimtheiten.

In den späten 1980er Jahren war „Der Medicus“ von Noah Gordon (1926-2021) eines der Bücher, die alle gelesen hatten. Darin erzählt der US-Schriftsteller im Gewand eines historischen Romans, der es mit den Fakten nicht so genau nimmt, die Geschichte des jungen Briten Robert Cole. Der bricht im 11. Jahrhundert nach Persien auf und gibt sich als Jude aus, um in Isfahan beim berühmten Heiler Ibn Sina – in Europa Avicenna genannt – zu studieren. Dort wird er in politische Ränkespiele verwickelt, muss fliehen und kehrt, mit Ibn Sinas „Kanon“-Hauptwerk im Gepäck, nach England zurück.

 

Info

 

Der Medicus 2

 

Regie: Philipp Stölzl,

142 Min., Deutschland 2025;

mit: Tom Payne, Emily Cox, Liam Cunningham, Emma Rigby

 

Weitere Informationen zum Film

 

In Europa war der Roman weitaus erfolgreicher als in Gordons US-Heimat; so unternahm es 2012 Regisseur Philipp Stölzl, den Stoff zu verfilmen. Den historischen Freiheiten, die sich der Autor nahm, fügte er weitere hinzu, bewies aber damit: Eine historischer Kostümfilm unter deutscher Federführung mit internationaler Besetzung ist möglich. Die Fortsetzung verhält sich nun wie „Gladiator II“ von Sir Ridley Scott zum Vorläufer-Film aus dem Jahr 2000: Noch einmal das Gleiche, nur noch mehr von allem.

 

Wöchnerin stirbt in Seesturm

 

Dabei gewährleistet Kontinuität, dass Stölzl auf dieselben Hauptdarsteller zurückgreifen kann: Tom Payne spielt den mittlerweile gereiften Medicus Rob, der aus Isfahan fliehen muss. Als seine hochschwangere Liebe Rebecca steht auch Emma Rigby wieder an seiner Seite. Sie wird ihm allerdings nach einer Entbindung auf hoher See durch einen Sturm vor Englands Küste entrissen. Traumatisiert, alleinerziehend und von seinen persischen Reisegefährten begleitet kommt Rob nach London zurück.

Offizieller Filmtrailer


 

Medizinischer Know-how-Import

 

Den Faden der Geschichte hier aufzunehmen, ist eine ausgezeichnete Entscheidung. Zwar ließ auch Gordon seinem Bestseller zwei Fortsetzungen folgen – doch seine Idee, diese Jahrhunderte später mit Robs Nachfahren in der Neuen Welt anzusiedeln, stieß beim Publikum auf wenig Gegenliebe. Diesen Fehler wollte man bei der Verfilmung nicht wiederholen.

 

Stattdessen orientiert sich das Drehbuch an den letzten Kapiteln des Original-„Medicus“. Das Buch endet damit, dass Rob versucht, in London ein Krankenhaus nach dem Vorbild eines persischen „Binaristam“ aufzubauen. Der Film widmet sich vor allem der interessanten Frage, ob und wie ihm das im frühmittelalterlich-rückständigen England gelingen kann. Denn das Metier von Cole und seinen studierten Gefährten aus Isfahan wird in London von einer Gilde kontrolliert, die eifersüchtig über ihren betuchten Kundenstamm wacht.

 

New Age im Mittelalter

 

Das gemeine Volk lässt sich derweil seine Zähne von so genannten Bader-Chirurgen ziehen; bei einem dieser reisenden Volksärzte ging einst auch Rob in die Lehre. Wie die Dinge liegen, haben er und seine jüdischen und muslimischen Flüchtlings-Freunde aus dem Osten trotz – oder gerade: wegen – ihres Wissensvorsprungs noch nicht einmal das Recht, die Nacht innerhalb der Stadtmauern zu verbringen. Sie lassen sich am gegenüberliegenden Themse-Ufer nieder und beginnen trotz aller Hindernisse mit der Arbeit.

 

Zudem muss Rob auch die Trauer um Rebecca bewältigen. Dabei hilft ihm die Begegnung mit einer keltischen Druidin, was ihn auf eine neue Idee bringt: Er will an einer „Heilkunde der Seele“ arbeiten, die das medizinische Wissen des „Kanon“ mit den heidischen Überlieferungen der Kelten verbindet. New Age im Mittelalter!

 

Ökumenisches Ärzte-Team

 

Solche clever integrierten Anachronismen betonen stets fortschrittliche Werte, ebenso wie Robs aus Vertretern aller drei monotheistischen Weltreligionen zusammengesetztes Ärzte-Team. Überdies versteht sich Regisseur Philipp Stölzl darauf, beeindruckende Kinobilder zu drehen – das bewies er schon mit seinem Bergsteiger-Drama „Nordwand“ (2008), dem ersten „Medicus“-Film und zahlreichen Musik-Videoclips.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Corvey und das Erbe der Antike" – facettenreiche Schau über "Kaiser, Klöster und Kulturtransfer im Mittelalter" im Diözesan-Museum, Paderborn

 

und hier eine Rezension des Films "Marketa Lazarova" – beeindruckend authentisches Mittelalter-Epos nach einem tschechischen Historien-Roman von Vladislav Vančura, gedreht von František Vláčil

 

und hier einen Beitrag über den Film "Gladiator II" – gelungene Fortsetzung des Sandalenfilm-Welterfolgs von 2000 durch Sir Ridley Scott

 

und hier einen Bericht über den Film "Schachnovelle" – beklemmend kühne Adaption der Erzählung von Stefan Zweig durch Philipp Stölzl.

 

So wird „Medicus 2“ zum ansprechenden Mix aus digitaler Technologie und prächtigen Studioaufnahmen, die an klassische Historiendramen wie „Cleopatra“ (1963) mit Liz Taylor sowie Stölzls eigene Videoclips für die Skandal-Rockband „Rammstein“-Videos erinnern. In der zweiten Hälfte geht der Handlung allerdings etwas die Puste aus.

 

Tod durch Handauflegen erfühlen

 

Nach dem Vorbild des ersten „Medicus“ wird Rob wieder in eine Palastintrige verwickelt. Nun dreht sich alles um die Thronfolge. Robs Charakter tritt in den Hintergrund und macht Platz für Emily Cox als Königstochter Mercia. Die gibt ihrer Rolle eine unheimliche Note: Sie heuchelt gern Empathie, um dann mit dünner Stimme Todesurteile auszusprechen.

 

Damit gelingt es Regisseur Stölzl einmal mehr, religiöse, populärwissenschaftliche und soziale Themen in historischen Kulissen zu einem unterhaltsamen Ganzen zu verrühren. Sogar mit fantastischen Elementen: Robs übernatürliches Talent, den nahenden Tod seiner Patienten durch Handauflegen erfühlen zu können, wurde ihm bereits von Autor Gordon verliehen und ist notgedrungen erhalten geblieben.

 

Für das TV-Weihnachtsprogramm

 

Allein deshalb muss man die historischen Ungereimtheiten nicht ganz so ernst nehmen. Diesem kurzweiligen Kostümfilm ist eine erfolgreiche Zukunft im Weihnachtsprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sicher. Für die Produzenten zählt wohl mehr die internationale Resonanz auf Streaming-Portalen.