
Bis 2018 wurde der Martin-Gropius-Bau seiner Bedeutung als größte deutsche Kunsthalle, die im Auftrag der Bundesregierung betrieben wird, vollauf gerecht. Indem er Gewichtiges für ein breites Publikum aufbereitete: mit umfassenden Ausstellungen zur Klassischen Moderne und zu kulturhistorischen Themen – ob Archäologie, deutsch-polnische und -russische Beziehungen oder außereuropäische Kulturen wie Khmer, Dogon, Azteken, Maya und Ozeanien. Dazu zählte auch eine Serie von Werkschauen wichtiger Fotografen; darunter etlichen Frauen wie Lee Miller, Germaine Krull und Barbara Klemm.
Info
Diane Arbus: Konstellationen
16.10.2025 - 18.01.2026
täglich außer dienstags 12 bis 19 Uhr,
samstags/sonntags 10 bis 19 Uhr
im Gropius Bau, Niederkirchnerstr. 7, Berlin
Weitere Informationen zur Ausstellung
Performativ-transdisziplinäre Formate
Und am liebsten stellte sie wenig bekannte Gegenwartskünstler mit randständigem, meist queerem Profil vor. Nach Rosenthals überraschendem Abgang 2022 setzt ihre Nachfolgerin Jenny Schlenzka dieses hermetische Avantgarde-Programm fort: Die neue Direktorin ist spezialisiert auf „performative und transdisziplinäre Formate“.
Impressionen der Ausstellung
Minoritäres + zugkräftiger Name
Was darunter zu verstehen ist, zeigen zwei diesjährige Ausstellungen: Die intersexuelle Selbstdarstellerin Vaginal Davis füllt eine ganze Etage mit multimedialen Ergüssen – als hätte sie ein Dutzend Umzugskartons ausgekippt. Die Choreographin Ligia Lewis begnügt sich dagegen mit einem Raum; in ihm wird eine abgefilmte Tanz-Performance auf Großleinwand projiziert. Anything goes, Hauptsache schräg, also queer.
Kein Wunder, dass angesichts dieses missionarisch anmutenden Minderheiten-Programms der Zuspruch ausbleibt; in den Schau-Sälen herrscht oft erhabene Leere. Daran ändern auch Mitmach-Angebote wie Proberäume für Musikgruppen oder ein Outdoor-Spielplatz im Sommer wenig. Doch nun hat Schlenzka etwas aufgetan, das ihre Fixierung auf Minoritäres mit der Zugkraft eines berühmten Namens verbindet. Indem sie an die hauseigene Fotoschau-Tradition anknüpft: mit einer großen Präsentation des Œuvres von Diane Arbus.
Labyrinth aus schwarzen Gitterwänden
Diese Wanderausstellung war zuvor bereits in Arles und New York zu sehen; mit mehr als 450 Arbeiten dürfte sie die größte Arbus-Retrospektive überhaupt sein. An allen Stationen wird sie auf dieselbe eigenwillige Weise inszeniert: Raumhohe Gitterwände aus schwarzen Metallschienen bilden eine Art Labyrinth, das sich durch alle Räume zieht.
Daran sind Arbus‘ quadratische Aufnahmen befestigt, einheitlich gerahmt und großzügig verteilt. Ohne chronologische oder thematische Anordnung: Die Besucher sollen nach Gusto hindurchflanieren und individuell Wechselbezüge der Bilder bemerken. Wie die Fotografin einst durch New York streifte und ihre Motive entdeckte, so die Kuratoren.
Posthum in den Kunstbetriebs-Olymp
1923 geboren, war Diane Arbus mit ihrem Mann Allen ab Mitte der 1940er Jahre als Modefotografin erfolgreich. Nach ihrer Trennung wandte sie sich ab 1960 der Fotoreportage zu. Ihre streng komponierten Schwarzweiß-Aufnahmen wurden von renommierten Zeitschriften wie „Esquire“ oder „Harper’s Bazaar“ gedruckt und im „Museum of Modern Art“ ausgestellt.
Indes litt sie jahrelang unter Depressionen und beging 1971 Selbstmord. Posthum stieg sie in den Kunstbetriebs-Olymp auf: Eine in den 1970er Jahren weltweit tourende Werkübersicht fand ein Millionenpublikum. Ihr sind mindestens ein Dutzend Monographien gewidmet; ihre Aufnahmen waren 1972 auf der Biennale in Venedig und der documenta 1977 zu sehen.
Keiner lebt den American dream
Jetzt auch im Gropius Bau: Der Rundgang im Gitterwände-Parcours gleicht einer Zeitreise. In die USA der 1960er Jahre, so wie Diane Arbus sie sah – also ohne Heckflossen-Straßenkreuzer und Petticoats, JFK und Mondlandung. Zu besichtigen ist stattdessen ein merkwürdig trüb und trist wirkendes Land, dessen Konsumkultur schäbig und muffig erscheint. Bewohnt von Menschen, die zuweilen heiter, meist aber melancholisch und resigniert aussehen; ihnen gemeinsam ist nur, dass sie am American dream gewiss nicht teilhaben.
Solche Außenseiter zu porträtieren war damals quasi das Alleinstellungsmerkmal von Arbus. Ihre Zielgruppen-Milieus umschrieb sie 1966 wie folgt: „… junge Nihilisten, eine Seniorenresidenz im Südwesten, eine neue Art von Messias, ein bestimmter utopischer Kult, Schönheiten aller Couleur, bestimmte kriminelle Typen, eine Minderheitenelite“. De facto waren die Zeitgenossen, die sie ablichtete, noch diverser – und in der Schau werden sie zusätzlich bunt durcheinandergewürfelt.
Berühmtheiten kaum wiederzuerkennen
Wobei Gruppen von Fotos auffallen, die offenbar zeitgleich entstanden sind: etwa von Nudisten aller Altersstufen in einem FKK-Ferienlager. Oder Trans-Darstellern, die sich in der Garderobe auf ihren Revue-Auftritt vorbereiten. Oder einer Schar maskierter Kinder, die ein Freiluft-Kostümfest feiern. Oder alten Damen mit grotesk hochtoupierten Frisuren in rüschigen Himmelbetten. Wer es genau wissen will, muss nachschlagen: Alle Abzüge sind nummeriert, Bildlegenden finden sich in einem Gratis-Begleitheft. Allerdings geben sie häufig nur Ort und Zeit der Aufnahme an.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Nan Goldin – This Will Not End Well" – Werkschau der US-Randgruppen-Fotografin in der Neuen Nationalgalerie Berlin
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Lee Miller – Fotografien" – große Retrospektive ihrer Aufnahmen von 1929 bis 1945 im Martin-Gropius-Bau, Berlin
und hier einen Artikel über die Ausstellung "Germaine Krull – Fotografien" – große Retrospektive im Martin-Gropius-Bau, Berlin
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Margaret Bourke-White: Fotografien 1930 bis 1945" – umfangreiche Werkschau im Martin-Gropius-Bau, Berlin
und hier einen Bericht über die Ausstellung "Walker Evans - Ein Lebenswerk" – Ausstellung des US-Dokumentarfotografen im Martin-Gropius-Bau, Berlin.
Kaum schreiendes Elend
Dagegen lässt Arbus manche Unbekannten so posieren, dass ihr einprägsames Konterfei oft reproduziert wurde: etwa eine Bardame mit Bienenkorb-Frisur, deren Form dem Plüsch-Pudel nebenan ähnelt. Oder einen verwirrt daherkommenden Jungen mit einer Spielzeug-Handgranate im Park. Oder einen halbnackten Travestie-Künstler, der amüsiert ein Marylin-Monroe-Foto hochhält.
Schreiendes Elend – etwa in der Tradition von Walker Evans, der die Leidtragenden der Großen Depression dokumentierte – ist nur selten zu sehen, wenn sich arme Familien in einem Raum drängen. Benachteiligte treten eher selbstbewusst und lebenslustig auf. Geistig Behinderte strecken lachend die Zunge heraus; Kleinwüchsige führen Verrenkungen vor, zu denen Normalos nicht fähig wären. Offenkundig lag Arbus daran, die ganze Bandbreite menschlichen Daseins abzubilden, ohne zu werten.
Blöde Grünschnabel-Patrioten
Nur manchmal scheint sie ihr Gegenüber zu denunzieren. Da hält ein verpickelter Bursche die US-Flagge, trägt einen Button mit der Aufschrift „I’m proud“ samt Stars-and-Stripes – und grinst dabei blöde. Etwas intelligenter blickt ein Halbwüchsiger mit Strohhut und Fliege drein, auch er mit Flagge – auf seinem Button steht „God bless America – Support our Boys in Vietnam“, auf einem zweiten „Bomb Hanoi“. Solche Grünschnabel-Patrioten fand Arbus sichtlich schwachsinnig.
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