Hafsia Herzi

Die jüngste Tochter

Fatima (Nadia Melliti) und die KrankenschwesterJi-Na (Ji-Min Park) haben sich in der Asthmaschule kennengelernt. Foto: © 2025 Alamode Film
(Kinostart: 25.12.) Leben mit den Widersprüchen: Eigenwillig, bemerkenswert nuanciert und manchmal etwas holprig schildert Regisseurin Hafsia Herzi in ihrer Romanverfilmung ein Coming Out in einer Pariser Trabantenstadt. Die Präsenz der Hauptdarstellerin rettet dabei über manche Längen hinweg.

Eigentlich könnte die 17-jährige Fatima (Nadia Melliti) als Musterschülerin durchgehen. Doch auf dem Schulhof hängt sie stets mit den Jungs herum, die den größten Mist erzählen und die zotigsten Sprüche reißen. Ab und an trifft sie sich heimlich mit einem netten jungen Mann; vermutlich, weil sie denkt, das gehöre dazu. Wirkliche Gefühle löst er bei ihr nicht aus.

 

Info

 

Die jüngste Tochter

 

Regie: Hafsia Herzi,

108 Min., Frankreich/ Deutschland 2025;

mit: Nadia Melliti, Park Ji-Min, Amina Ben Mohamed

 

Weitere Informationen zum Film

 

Er hingegen denkt bereits ans Heiraten – und beklagt sich , dass sie zu wenig dafür tue, ihm zu gefallen. Sie solle sich femininer geben und nicht immer in Sportklamotten herumlaufen. Doch Fatima, als jüngste von drei Schwestern einer algerischen Einwandererfamilie in der Pariser banlieue aufgewachsen, ist nun mal ein tomboy, wie er im Buch steht. Am wohlsten fühlt sie sich auf dem Fußballplatz.

 

Dramaturgischer Hakenschlag

 

Als ein Mitschüler sie als Lesbe bezeichnet und sie ihn dafür verprügelt, riskiert sie kurz vor dem Abitur einen Verweis. Dramaturgisch ist das ein abrupter Hakenschlag; die Geschichte landet plötzlich in einem ganz anderen Fahrwasser. Bei Fatima setzt das Ereignis einen Prozess in Gang: Sie meldet sie sich bei einer lesbischen Dating-App an – wenn auch unter falschem Namen. Die erste Frau, mit der sie sich trifft, hält sie erst einmal auf Abstand und fragt sie über lesbische Sexpraktiken aus.

Offizieller Filmtrailer


 

Ungewöhnliche Vorstadt-Perspektive

 

Coming-of-age-Geschichten gibt es im Kino wie Sand am Meer. Auch coming-out-Dramen sind längst nichts Neues mehr. Und in den französischen Vorstädten sind in den letzten Jahrzehnten so viele Sozialdramen entstanden, dass allein ein banlieue-Setting schon Klischees befürchten lässt.

 

In ihrer filmischen Adaption von Fatima Daas’ autofiktionalem Debütroman „La petite dernière“ (dt: „Die jüngste Tochter“, 2021), führt Regisseurin Hafsia Herzi diese drei Genres zusammen und öffnet dabei eher ungewöhnliche Perspektiven. Den Alltag in der Vorstadt schildert sie beiläufig, aber facettenreich. Verglichen damit hat der Regisseur Ladj Ly zuletzt mit „Die Unerwünschten – Les Indesirables“ (2023) ein arg schablonenhaftes Bild sozialer Bruchlinien gezeichnet.

 

Jahreszeiten der Selbstfindung

 

Ungewöhnlich ist auch Herzis Inszenierung queerer Selbstfindung. Denn Fatima stößt kaum an äußere Grenzen, obwohl ihre Familie eher traditionell und konservativ ist. Stattdessen ringt die religiöse junge Frau mit inneren Konflikten, die sich aus ihrem Glauben ergeben.

 

Fünf Jahreszeiten lang folgt der Film Fatimas Entwicklung, von einem Frühling bis zum nächsten. Ihr Studienbeginn eröffnet neue Eindrücke und Einblicke in andere Lebenswelten, und sie begegnet ihrer ersten Liebe, der Krankenschwester Ji-Na (Jin-Min Park). Wie sich bald herausstellt, hat die jedoch ihr eigenes emotionales Gepäck zu tragen.

 

Vergleichsweise spröde

 

Herzi, die für den Film Drehbuch und Regie übernahm, wurde zuvor als Schauspielerin bekannt. Ihre erste größere Rolle spielte sie in Abdellatif Kechiches humorvollem Sozialdrama „Couscous mit Fisch“ (2007). Ihr eigenes Drama wurde aufgrund seiner lesbischen coming-of-age-Thematik mit dessen berühmtesten Film “Blau ist eine warme Farbe“ verglichen, der 2013 in Cannes die Goldene Palme erhalten hatte.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Exit Marrakech" – Familiendrama um Vater-Sohn-Konflikt von Caroline Link mit Hafsia Herzi

 

und hier eine Besprechung des Films "Die Wütenden – Les Misérables" – packend authentisches Sozialdrama aus der Pariser Banlieue von Ladj Ly

 

und hier eine Kritik des Films "Die Unerwünschten – Les Indésirables" – holzschnittartiges Banlieue-Sozialdrama von Ladj Ly

 

und hier einen Beitrag über den Film "Blau ist eine warme Farbe" – episches Liebesdrama junger Lesben von Abdellatif Kechiche, mit Goldener Palme 2013 prämiert

 

und hier einen Bericht über den Film "Bande de Filles – Girlhood" – Gruppen-Porträt farbiger Teenager in der Pariser Banlieue von Céline Sciamma.

 

Kechiches preisgekröntes Werk wirkt jedoch viel überbordender, melodramatischer und zudem sexualisierter – nicht umsonst wurde dem Regisseur ein männlich-voyeuristischer Blick auf lesbische Sexualität unterstellt. „Die jüngste Tochter“ erscheint vergleichsweise spröde und dramaturgisch bisweilen holprig. Dabei bleibt die Kamera stets nah an der Hauptdarstellerin, deren schauspielerische Leistung und körperliche Präsenz beeindrucken.

 

Religion + Sexualität

 

Es ist anrührend, wie es Nadia Melliti in ihrer ersten Rolle gelingt, ihre zunächst so kontrollierte, coole Fassade langsam bröckeln zu lassen. Ihre Leinwandpräsenz rettet den Film über so manche Länge. Fatima wird nicht nur vom Auf und Ab der ersten Liebe durchgeschüttelt, sondern auch von der vermeintlichen Unvereinbarkeit ihrer Religion und ihrer sexuellen Orientierung.

 

Der Imam, den sie in der Sache konsultiert – vorgeblich im Auftrag einer Freundin – ist die einzige Figur in ihrem Umfeld, die einen gewissen Druck auf sie ausübt. Wie realistisch es ist, dass sie dabei von ihrem familiären Umfeld ganz unbehelligt bleibt, sei dahingestellt und ist vielleicht auch zweitrangig. Fatima hat längst begonnen, ihr eigenes Leben zu leben.

 

Plädoyer für Gelassenheit

 

Nicht jede im Film geschilderte Ambivalenz vermag sie aufzulösen, schon gar nicht sofort. Das zeigt, dass sich auch mit so manchem Widerspruch leben lässt – sogar mit den inneren. So wirkt dieser zwar nicht durchgängig gelungene, aber bemerkenswert nuancierte Film nicht zuletzt wie ein Plädoyer für mehr Gelassenheit, auch sich selbst gegenüber.