Potsdam

Einhorn – Das Fabeltier in der Kunst

Maerten de Vos: Einhorn (Detail), 1572, Öl auf Eichenholz, 137 × 136,5 cm, Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin. Fotoquelle: Museum Barberini
Dafür, dass keiner es je sah, hat das Unicorn eine märchenhafte Laufbahn in der Kulturgeschichte aller Zeiten und Völker hingelegt. Deren Stationen zeichnet das Museum Barberini so elegant wie gewissenhaft nach – und klärt nebenbei, woher das Horn stammt und warum es so viele „Einhorn“-Apotheken gibt.

Das letzte Einhorn ist rosa und golden auf schwarzem Grund – und vollkommen abstrakt. Für ihr Gemälde „La Licorne“ („Das Einhorn“, 1969) hat die französische Künstlerin Aurelie Nemours nur drei rechteckige Farbflächen angeordnet. Ihr Bild zählt zu den jüngsten der rund 150 Exponate. Das älteste ist ein winziges Hörnchen auf einem Tonsiegel der Indus-Kultur: Vor 4000 Jahren ritzte ein unbekannter Handwerker das schon damals fabulöse Tier in eine Keramikmasse.

 

Info

 

Einhorn – Das Fabeltier in der Kunst

 

25.10.2025 - 01.02.2026

 

täglich außer dienstags 10 bis 19 Uhr

im Museum Barberini, am Alten Markt, Potsdam

 

Katalog 45 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Phantasien können in der Kulturgeschichte sehr langlebig sein. Und wandelbar: Sowohl die Formenvielfalt des Tiers mit dem Horn auf der Stirn als auch seine Bedeutungsfülle sind erstaunlich. Abermals hat sich das Museum Barberini wieder ein epochenübergreifendes Thema vorgenommen, wie seinerzeit 2023 zur Rolle der „Sonne“ in der Kunstgeschichte.

 

Pretiosen in der Wunderkammer

 

Vor samtig nachtblauen Wänden entfalten die Stücke eine juwelenartig kostbare Aura. Darunter sind zauberhafte Pretiosen, ob aus Elfenbein geschnitzt, aus feinsten Wollfäden gewirkt oder in Öl gemalt. Eine Wunderkammer ist mit edler Goldschmiedekunst gefüllt. Sogar ein lebensgroßes, ausgestopftes Einhorn erwartet die Besucher, mit schwarzem Fell und melancholischem Blick: „La Lotta“ („Der Kampf“), 2006 von Olaf Nicolai angefertigt.

Feature zur Ausstellung. © Museum Barberini


 

Kitschfreie Exponate-Auswahl

 

Manche Leihgaben kommen von weither, manche aus der Nähe: Ein mehr als fünf Meter breiter, gotischer Wandteppich aus der St.-Gotthardt-Kirche in Brandenburg an der Havel wurde eigens für die Schau restauriert. Manches ist so winzig, dass man es glatt übersehen könnte: In einem spätmittelalterlichen Gebetbüchlein, verborgen in der minutiös gepinselten Randzier, sitzt eine junge Frau mit einem Einhorn in zärtlicher Trausamkeit – neben ihr leuchtet eine naturalistisch gemalte Erdbeere.

 

Für Altmeister-Liebhaber ist diese Schau also ein Schmaus – und ebenso für Freunde des Fabeltiers: Wer wissen will, was das Einhorn im Laufe der Jahrhunderte so trieb, wie es eigentlich aussieht und was man wissen muss, um es zu fangen, wird gut informiert. Dagegen bleiben regenbogenbunte Kuschel-Einhörner außen vor, was Kinder enttäuschen dürfte – die Auswahl ist absolut kitschfrei.

 

Von Indien über Ostasien nach Westen

 

Kurator Michael Philipp hat das Motiv gründlich erforscht und allerlei Spektakuläres zusammengetragen. Nur die berühmteste aller Einhorn-Darstellungen, die Tapisserie-Serie „La Dame à la licorne“ aus dem späten 15. Jahrhundert, durfte das Musée de Cluny in Paris nicht verlassen – obwohl sie unzählige Künstler inspiriert hat. Dennoch ist das Mittelalter-Museum ein unverzichtbarer Kooperations-Partner der Schau, allein schon wegen seiner unüberbietbaren Einhorn-Expertise.

 

Seinen Ursprung hat die heutige Vorstellung vom Einhorn in uralten buddhistischen Legenden aus Indien. Der Weg über Mittel- und Ostasien nach Westen wird im ersten Raum allerdings nur kurz angerissen, etwa anhand eines anmutigen feuervergoldeten Gazellen-Einhorns aus Tibet und einer grobschlächtigen Holzfigur aus China. Dort wird das Wesen „Qilin“ genannt.

 

In Arche Noah vor Sintflut gerettet

 

Die Bibel kennt und nennt das Einhorn ebenfalls. Wenn es in der Heiligen Schrift steht, muss dieses Tier existieren – das stand für mittelalterliche Künstler und Denker außer Frage. Als Vierbeiner unter seinesgleichen erscheint es in Paradies-Darstellungen. Inmitten anderer Spezies marschiert es paarweise in die Arche Noah und galoppiert gerettet wieder hinaus.

 

Im Entrée der Ausstellung strahlt ein Einhorn lässige Zufriedenheit aus: auf einem spätgotischen, rund 500 Jahre alten Wandteppich im so genannten „Millefleurs“-Dekor, also von unzähligen Blumen und Pflanzen umgeben. Doch kann dieses wundersame Tier auch wild sein. Feurig bleckt es auf einem Gemälde von Maerten de Vos 1572 die Zähne, mit wildgesträubter Mähne. Dem möchte man nicht zu nahe kommen!

 

Im Heiligen Land oder in Amerika?

 

Der flämische Maler des Manierismus orientierte sich an einer naturkundlichen Beschreibung des Plinius d. Ä.. Der römische Gelehrte hatte das Fabeltier natürlich auch nicht selbst gesehen – niemand hatte es gesehen. Doch je weiter Weltreisende und Fernhändler vordrangen, desto weiter weg lagen die Regionen der Welt, in denen man seinen Lebensraum verortete.

 

Einige Augenzeugen glaubten, es im Heiligen Land beobachtet zu haben, und schmückten ihre Berichte mit glaubwürdigen Illustrationen. Auch auf einer handkolorierten Landkarte des fernen Nordamerika tauchte es auf. Mal wird es als farbenprächtiges Tier mit knallrotem Horn beschrieben, mal klein wie eine Ziege, dann wieder löwenstark und elefantengroß. Neckisch bunt betupft zeigt es sich auf einem Wandteppich aus Basel. Doch irgendwann setzte sich die Vorstellung vom blütenweißen Einhorn durch.

 

Symbiose von Einhorn + Jungfrau

 

Das passte zur Symbolik: Schon früh avancierte das Einhorn zum Sinnbild von Reinheit und Keuschheit – vorzugsweise in Begleitung einer schönen, jungen Frau. Unzählige Gemälde, Skulpturen und Textilkunstwerke feiern die sanfte Begegnung von Jungfrau und Einhorn. Der Legende nach ließ sich das wilde, unbändig schnelle Wesen von keinem Jäger fangen, schon gar nicht besiegen. Aber in den Schoß einer Jungfrau legte es sein Horn freiwillig, sanft und handzahm.

 

Für frühe Theologen war es da gedanklich nur noch ein kleiner Schritt in die Christus-Symbolik: „Wer aber ist dieses Einhorn, wenn nicht Gottes eingeborener Sohn“, schrieb Ambrosius von Mailand bereits im 4. Jahrhundert. Christus sei vom Himmel in den keuschen Schoß der Jungfrau Maria gesprungen, stellte man sich vor: einhorngleich!

 

Schoßhund + Mahnung zur Ehe-Treue

 

Im religiösen Kontext hatte das Einhorn daher jahrhundertelang ein wohlbestelltes Habitat. Ebenso im häuslichen Rahmen, etwa auf Minnekästchen oder kleinformatigen Gemälden für private Räume. Oft streichelt die Jungfrau zärtlich das gedrehte Horn und herzt das Tier, als sei es ein Schoßhund. Die unterschwellige Erotik dieses Vorgangs lassen die Künstler mal mehr, mal weniger spüren.

 

Doch auch für Ermahnungen zur eheliche Treue war das Einhorn gut, etwa auf italienischen Hochzeitstruhen aus der Renaissance. Später musste das seltene Tier für alle möglichen Zwecke herhalten. Als Ende des 19. Jahrhunderts Plakate zum Massen-Werbemittel wurden, griffen seine Gestalter das uralte Sinnbild auf: Das schnelle Tier warb für französische Automobile ebenso wie für weltumspannenden Handelsverkehr.

 

Einhorn-Pulver als Allheilmittel

 

Und warum gibt es bis heute so viele „Einhorn“-Apotheken? Auch das wird in einem eigenen Abschnitt geklärt: Bereits antike Quellen priesen die allumfassende Heilkraft des seltenen, kostspieligen Horns. Davon abgeschabtes Pulver helfe gegen nahezu alle Leiden, glaubte man: Es könne selbst tödliche Gifte neutralisieren. Als Martin Luther schwer krank war, soll auch er der dubiosen Einhorn-Medizin vertraut haben.

 

Tatsächlich wurden in der Frühen Neuzeit immer mehr Exemplare des geheimnisvollen, gedrehten Langhorns gefunden: Fischer, Forschende und Seereisende lasen es an nordischen Küsten auf. Die raren, imposanten Hörner waren auch begehrte Stücke für die Kunst- und Wunderkammern, in denen Fürsten und Klöster Denkwürdiges und Kuriosa sammelten.

 

Eckzahn des Narwal-Oberkiefers

 

Dass diese gedrehten Ein-Hörner keineswegs von einem pferdeaähnlichen Vierfüßler, sondern vom Narwal stammten, dämmerte den Gelehrten erst im Laufe des 17. Jahrhunderts. Zudem handelt es sich nicht um ein Horn, sondern um den Stoßzahn des Narwals – dieser Eckzahn des Oberkiefers kann bis zu drei Metern lang und zehn Kilogramm schwer werden. Über diese Entdeckung wurde ein Wissenschafts-Streit ausgefochten, den die Schau mit Büchern und Stichen nachzeichnet.

 

Da prangt etwa ein Narwal-Schädel mitsamt seinem überlangen Zahn auf einem kapitalen Ölgemälde, zwischen diversen anderen glänzenden Fischleibern auf einem Marktstand: naturalistisch gemalt 1654/55 vom deutschen Maler und Kunsthistoriker Joachim von Sandrart. Damit gab er den neuesten Forschungsstand wider. Aber es dauerte noch Jahrzehnte, bis sich diese ernüchternde Erkenntnis allgemein durchsetzte.

 

Einhörner für jeden Geschmack

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films  "Sieben Minuten nach Mitternacht" – bewegendes Melodram über Freundschaft zwischen Jungen und Monster von  Juan Antonio Bayona

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Sonne – Die Quelle des Lichts in der Kunst" über das Zentralgestirn in der Kunstgeschichte im Museum Barberini, Potsdam  

 

und hier einen Beitrag über den Film "The Rider" – einfühlsames Drama über verletzten Rodeoreiter von Chloé Zhao

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Schaurig Schön – Ungeheuerliches in der Kunst" – facettenreiche Horror- + Freak-Show im Kunsthistorischen Museum, Wien.

 

War das Einhorn damit gestorben? Keineswegs. Von nun an war sein Refugium die Phantasie. Bis in die Klassische Moderne und darüber hinaus verfolgt die Ausstellung die Spuren des mal lieblichen, mal gefährlichen Fabelwesens. Viele Künstler sahen in dem raren Außenseiter der Tierwelt eine Identifikationsfigur oder einen Begleiter in imaginäre Welten, oft von Melancholie umflort.

 

So stehen am Ufer eines dunklen Gewässers gleich drei zarte Einhörner einer sanftmütigen Frau gegenüber: Wer sich hinübersehnt in diese Sphären der Imagination, darf sich auf Einhorns Rücken entführen lassen. Oder man hält es lieber mit Arnold Böcklin. Der malte eine sympathisch-ironische Variante: Sein Einhorn von 1885 ist ein hässlich-zotteliges, plumpes Geschöpf mit braunweiß geschecktem Fell, Kuhmaul und dümmlichem Blick. Es scheint im Begriff, aus geheimnisvollem Waldesdunkel ins Helle zu treten, zögert aber. Sieht so ein Einhorn aus?!

 

Lebensgroß + warm, aber stumm

 

Keine Frage: Einhörner haben auch düstere Seiten. Olaf Nicolais ausgestopftes Einhorn ruht mit kohlrabenschwarzem Fell täuschend echt mitten im Raum. Es strahlt sogar Körperwärme ab, wie ein lebendes Tier. Im Übrigen bleibt es stumm – und offen für alle Vorstellungen und Phantasien des Publikums. Nur streicheln darf man sein Fell nicht; es ist schließlich ein Kunstwerk.