
Das hat er nun davon, der gute Pfarrer Iversen (Jens Albinus). Bleich und erstarrt sitzt er im Publikum. Vor ihm auf der Bühne rekeln sich eine Handvoll Laiendarsteller aus seiner Gemeinde in knapper Fetisch-Unterwäsche; sie stöhnen zu Technobeats im flackernden Neonlicht. Aufgeführt wird die Passion Christi als erotische Science-Fiction-Musical-Farce mit Dildos, Fleischwurst und Jesus in Gestalt eines grunzenden Schweins.
Info
Holy Meat
Regie: Alison Kuhn,
117 Min., Deutschland 2025;
mit: Jens Albinus, Homa Faghiri, Pit Bukowski
Weitere Informationen zum Film
Versetzt ins Schwabenland
Sein Wille geschieht: Bald findet sich Iversen in Winteringen wieder, einer kleinen katholischen Gemeinde im Schwabenland. Der ehrfürchtige Gottesdiener hat deutsche Wurzeln und spricht die Sprache fließend. Viel Zeit, sich einzugewöhnen, bleibt ihm nicht. Der Pfarrei mangelt es an Geld und sonntäglichen Kirchgängern; die Schließung droht.
Offizieller Filmtrailer
Theater soll die Kirche retten
In seiner Not kommt Iversen die rettende Idee: Eine aufwändige Theateraufführung soll die abtrünnigen Dörfler zurückholen und den Erzbischof umstimmen. Mit Roberto Dalon (Pit Bukowski) findet der Pater sogar einen namhaften Regisseur für das geplante Provinzspektakel. In Berlin wurde der Theatermacher zwar gerade gecancelt, aber die Hauptstadt ist weit weg, und die Zeit drängt.
Um das Stück zu finanzieren, erschleicht sich Iversen das Erbe der Metzgerin im Ort. Kurz bevor sie an einem Gehirntumor verstirbt, bringt der Pfarrer die todkranke Frau dazu, ihr Testament zugunsten der Gemeinde zu ändern. Als deren Tochter Mia (Homa Faghiri) davon erfährt, erklärt sie Iversen den Krieg.
Schmale Handlung in drei Kapiteln
Alison Kuhn erzählt von den Geschehnissen rund um das polarisierende Theaterereignis zu Beginn des Films, indem sie ihren Hauptakteuren jeweils ein Kapitel zuteilt: Oskar, Mia und Roberto. Zum Figurenensemble gehören außerdem die letzten treuen Seelen in Winteringen: Messdiener Niklas, Organistin Anita, die unfreiwillige Küsterin Nadine mit ihrem achtjährigen Sohn und der pensionierte Bühnenbauer Willi, ein Kunstfreund durch und durch.
Jene enge Konstellation an Figuren kommt der schmalen Handlung zugute. Schon bald verstricken sich die Beziehungen der Charaktere untereinander: Der sensible, schwule Niklas sucht bei seinem Pfarrer Trost. Zugleich bandelt Mia mit Roberto an und ermutigt ihn, sich mit dem geplanten Stück kreativ auszutoben: Künstlerischen Zündstoff zu schaffen, darauf komme es an.
Die Töchter der Metzgerin
In der Zeitspanne bis zur Premiere entwickelt sich Mia zur am meisten ambivalenten Protagonistin in diesem skurrilen Szenario: In Stuttgart hat sie Public Relations studiert. Jetzt zieht sie hinter den Kulissen ihre Fäden, um das Familienerbe zurückzuerobern. Neben dem Fleischereigeschäft muss sie sich von nun an auch um ihre Halbschwester Merle mit Downsyndrom kümmern.
Tagsüber stehen die ungleichen Geschwister gemeinsam im Laden hinter der Theke, und Mia gewöhnt sich langsam wieder ein im Dorf. Nur wenn ihr alles zu viel wird, lässt sie ihre innere Wut an den aufgeschlitzten Schweinerücken im Kühlraum aus – immer wieder sticht sie mit dem frisch gewetzten Schlachtmesser auf die wehrlosen Kadaver ein.
Fleischlastige Inszenierung
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Corpus Christi"– fesselndes klerikales Hochstapler-Drama von Jan Komasa
und hier einen Bericht über den Film "Das brandneue Testament" – himmlisch absurde Tragikomödie aus Belgien von Jaco Van Dormael
und hier eine Besprechung des Films "Der die Zeichen liest – Uchenik"– eindrucksvolle russische Groteske über religiösen Fanatismus von Kirill Serebrennikov nach dem Theaterstück von Marius von Mayenburg
und hier einen Beitrag über den Film "Gott verhüte!" – antiklerikale Komödie aus Kroatien von Vinko Brešan.
Zum Soundtrack gehören zudem donnernde Hammerschläge und ein schwerer Choralgesang. Allerdings wirken solche plakativen Kunstgriffe in „Holy Meat“ auf Dauer störend. Überdies könnte die aus drei Perspektiven erzählte Geschichte von einem strafferen Schnitt profitieren. Dann würde auch der trocken-makabre Humor besser zünden, der in langen Einstellungen und einigen Redundanzen an Biss verliert.
Hauptfigur zwischen Schuld + Scham
Verlassen kann sich Kuhn dafür auf Hauptdarsteller Jens Albinus. Sein überforderter Pater hadert insgeheim mit einer schmerzlichen Mischung aus Schuld und Scham. Es geht um sexuellen Missbrauch in der Kirche: Iversen hat ihn seiner vorherigen Position in der dänischen Pfarrei nicht nur stillschweigend beobachtet, sondern früher als Kind am eigenen Leib selbst erfahren. Seine innere Last wiegt doppelt schwer.
Diesen Schmerz macht Albinus sichtbar durch seinen gequälten Blick und seine verklemmte Gestik. Man würde gern mehr darüber erfahren, was diesen Kirchenmann so erschütterte, dass er eilends die Flucht ins Schwäbische antrat. Doch ausgerechnet für eine angemessene Charakterzeichnung ihrer interessantesten Figur nimmt sich die Regisseurin am wenigsten Zeit.
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