Charlotte Sieling

Kein Weg zurück

Christian (Nikolaj Lie Kaas, re. mit Bart) ist es gelungen, sich beim "Islamischen Staat" einzuschleusen, dem sich sein Sohn Adam (Albert Rudbeck Lindhardt, li. mit gemustertem Kopftuch) angeschlossen hat. Foto: © 24 Bilder
(Kinostart: 11.12.) Ein Ex-Berufssoldat auf privater Mission: Sein Sohn hat sich in Syrien dem „Islamischen Staat“ angeschlossen – nun versucht sein Vater, ihn zurückzuholen. Das dänische Familiendrama vor Bürgerkriegs-Kulisse inszeniert Regisseurin Charlotte Sieling schlüssig und schnörkellos.

Inkognito in den Bürgerkrieg: 2014 überquert der Däne Christian (Nikolaj Lie Kaas) heimlich die türkisch-syrische Grenze. In Syrien angekommen, schließen er und Mitreisende sich der so genannten „Freien Syrischen Armee“ an. Sie ist einer von zahlreichen bewaffneten Guerilla-Verbänden, die dort im Bürgerkrieg mitmischen und dafür Freiwillige in der ganzen Welt rekrutieren – auch in Dänemark.

 

Info

 

Kein Weg zurück

 

Regie: Charlotte Sieling,

98 Min., Dänemark 2024;

mit: Nikolaj Lie Kaas, Albert Rudbeck Lindhardt, Harki Bhambra

 

Weitere Informationen zum Film

 

Tatsächlich trifft Christian in den Reihen der Miliz, die gegen Diktator Baschar al-Assad kämpft, auch auf Landsleute. Aber der Ex-Berufssoldat will nicht Krieg führen. Er ist auf der Suche nach seinem Sohn Adam (Albert Rudbeck Lindhardt), der als Jugendlicher zum Islam konvertiert ist und sich nach Syrien abgesetzt hat. Auch Christian gibt vor, Moslem zu sein, nennt sich „Abu Issa“ und beherrscht leidlich Arabisch. Sein Wissen stammt allerdings aus Militäreinsätzen in Afghanistan und dem Irak.

 

Null-null-Dänemark telefoniert mit Sohn

 

Dennoch fällt der dänische Hüne bei seinen Nachforschungen sofort auf. Der britische Muslim Bilal (Harki Bhambra), der sich ihm als Chauffeur und Problemlöser anbietet, nennt ihn „Null-null-Dänemark“. Tatsächlich gelingt es Christian, seinen Sohn ans Telefon zu bekommen. Doch dessen Beteuerung, er sei bereits auf dem Weg nach Hause, erweist sich als Finte. Kurz darauf muss Christian feststellen, dass Adam sich dem „Islamischen Staat“ (damals ISIS) angeschlossen hat.

Offizieller Filmtrailer


 

Realistisches Setting, ökonomische Handlung

 

Die verzweifelte Suche eines Vaters nach seinem rebellierenden Sprössling schildert die dänische Regisseurin Charlotte Sieling in sonnendurchfluteten Bildern mit allen Vor- und Nachteilen des skandinavischen Kinos – etwa anfangs recht hölzernen Dialogen und einer etwas sterilen Atmosphäre. Gedreht wurde in Jordanien; trotzdem scheint hier niemand zu schwitzen.

 

Doch solche Mängel verblassen zunehmend angesichts der Vorzüge: Die Handlung ist linear und schlüssig, Hintergrund-Informationen zu den Charakteren werden sparsam und ausschließlich über Dialoge enthüllt. Das Setting von der Straßenkreuzung bis zu den Kampfszenen wirkt realistisch, dabei ist die Handlung ökonomisch konstruiert. So führt das Drama schnörkellos dorthin, wo sich vergleichbare Produktionen bisher selten hintrauten: ins Herz des „Islamischen Staates“.

 

Todeskult als Emanzipations-Vehikel

 

Um dessen menschenverachtend brutales Wesen darzustellen, braucht die Regisseurin nur wenige, klug inszenierte Szenen. Ohne Voyeurismus, aber auch ohne Scheuklappen stößt sie damit zum Kern von Christians Dilemma vor: Dessen Mission erfordert nämlich beträchtliche Opfer. Um seinen Sohn nach Hause zu bringen, muss er töten; während seiner Suche lassen auch ein paar sympathische Nebenfiguren ihr Leben.

 

Im Gegensatz zu traditionellen Filmhelden nimmt Christian das nicht auf die leichte Schulter. Zudem hat er noch ein anderes Problem – Adam will gar nicht gerettet werden. Im Gegenteil: Teil eines religiösen Todeskultes zu sein, ist genau das, was sich der 18-Jährige ausgesucht hat, um sich vom Vater auf dessen eigenem Gebiet zu emanzipieren: als Kämpfer für eine abstrakte Idee im Nahen Osten.

 

Aussprache unter Lebensgefahr

 

Wie ihre US-Kollegin Kathryn Bigelow bei ihrem Oscar-prämierten Kriegsfilm „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ (2008) hat Regisseurin Sieling ihren ungewöhnlichen Film im Nahen Osten in einer reinen Männerwelt gedreht. Die einzige weibliche Sprechrolle ist die von Adams Mutter, die am anderen Ende der Telefonverbindung unsichtbar bleibt.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Olfas Töchter" – eindrucksvolles Dokudrama über zwei Töchter in Tunesien, die sich dem "Islamischen Staat" anschließen, von Kaouther Ben Hania

 

und hier eine Besprechung des Films "Der Himmel wird warten" über vom "Islamischen Staat" rekrutierte Jugendliche in Frankreich von Marie-Castille Mention-Schaar

 

und hier einen Beitrag über den Film "Of Fathers and Sons – Die Kinder des Kalifats" – aufschlussreiche Doku über eine Dschihadisten-Familie in Syrien von Talal Derki

 

und hier einen Bericht über den Film "Die Königin des Nordens" – athmosphärisch dichtes Mittelalter-Epos über Margarethe I. von Charlotte Sieling mit Trine Dyrholm.

 

Die Film-Handlung ist kein Einzelfall; sie gleicht den Erfahrungen zahlreicher Eltern in Europa, deren Kinder es nach Syrien in den Krieg zog – wobei meist muslimische Familien davon betroffen sind. Weniger als Geopolitik steht in dem Film die Sprachlosigkeit zwischen Christian und Adam im Mittelpunkt, deren Beziehung total verhärtet ist. Das mündet am Ende in einer Aussprache unter Lebensgefahr.

 

Wie Junkie auf kaltem Entzug

 

Sie bleibt erfolglos – doch die Konfrontation wird glänzend gespielt von Nikolaj Lie Kaas in der Hauptrolle, der in seiner empfindsamen Bärbeißigkeit an Jürgen Prochnow erinnert, und Albert Rudbeck Lindhardt, der überzeugend den gut gemeinten Extremismus der Jugend verkörpert. Als Adam von seinem Vater gefesselt in Richtung Türkei gebracht wird, windet und wehrt er sich wie ein Junkie auf kaltem Entzug. Dabei hat zuvor schon seine Körpersprache hinreichend deutlich gemacht, dass er in Syrien nicht lange überleben würde.

 

Auch die arabischen Darsteller machen ihre Sache gut, soweit das Drehbuch ihnen dazu Raum lässt. Doch der syrische Bürgerkrieg wird letztlich zum exotischen Schauplatz eines rein dänischen Familienkonflikts. So zeigt der Film, was passiert, wenn aus einer Projektionsfläche für westliche Selbstverwirklichung plötzlich Realität wird – womit den Leidtragenden in Syrien kaum geholfen ist. Allein die Blutspur, die Christian und Adam auf dem Weg zu ihrer vergeigten Versöhnung hinter sich herziehen, dürfte als Beleg genügen.