
Laut Wörterbuch handelt es sich bei einem „Lurker“ um einen Beobachter oder passiven Zuschauer. Verwendet wird der Begriff heute vor allem im Online-Kontext für Benutzer, die in sozialen Medien mitlesen, ohne selbst etwas beizutragen. Allerdings schwingen beim Verb „to lurk“ noch abgründigere Konnotationen mit, die auch im gleichnamigen Debütfilm von Alex Russell eine Rolle spielen: In der realen Welt bedeutet der Begriff, dass jemand in einem Hinterhalt lauert.
Info
Lurker
Regie: Alex Russell,
100 Min., USA/ Italien 2025;
mit: Théodore Pellerin, Archie Madekwe, Havana Rose Liu, Sunny Suljic
Weitere Informationen zum Film
Einer kommt, einer geht
Matthew hat genau mitgelesen und weiß dementsprechend gut, welche Knöpfe er bei Oliver drücken muss, um selbst bei einer flüchtigen Begegnung Eindruck zu machen. Unbeeindruckt von dessen Entourage, spielt er beiläufig Olivers Lieblingssong – und heuchelt Überraschung, als der sich als Musiker zu erkennen gibt. Matthews Kalkül geht auf: Er wird zum Konzert eingeladen, und bald auch in Olivers Haus. Es bedarf jedoch wenig Phantasie, um zu ahnen, dass es ihm bald ähnlich ergehen wird wie einem jungen Mann, der just bei seiner Ankunft aus dem Anwesen hinauskomplimentiert wird.
Offizieller Filmtrailer OV
Aufstieg und Fall in der Hackordnung
Doch Matthew rackert sich erst einmal, ab, um dazuzugehören. Das bedeutet konkret, dass er vor allem hinter Oliver und seinen Freunden aufräumt und putzt. Naiv ist er keineswegs. Schnell ist ihm klar, welches Spiel sein Idol mit den Menschen in seiner Umgebung spielt. Als er beginnt, mit einem veralteten Camcorder ihren Alltag einzufangen, steigt er bald zu einer Art kreativer Berater auf.
Kurz darauf verpflichtet ihn Oliver für eine Doku über sein Popstar-Dasein. Dass der Sänger seinen Schützling vor laufender Kamera als „besten Freund“ bezeichnet, verschafft Matthew selbst ein wenig Berühmtheit. Das hilft ihm kurz darauf, sich zu rächen, als Oliver ihn fallen lässt.
Stalker in der digitalen Welt
Nuanciert zeigt Russell, wie Momente der Nähe und wechselseitige Ausbeutung Hand in Hand gehen. Im Machtkampf zwischen Star und Fan beweist Matthew eindeutig mehr strategisches Talent. Zunehmend fragt man sich, ob er Olivers Musik wirklich jemals mochte, oder nur von dessen Status profitieren wollte. Hätte er sich bei jeder anderen Berühmtheit ähnlich große Mühe gegeben?
Obsessive Fans und Stalker sind nichts Neues, auch nicht im Kino. Etliche Filme erzählen von solchen parasozialen Beziehungen. Doch soziale Medien, die Teilhabe am Alltag von Berühmtheiten versprechen, oder crowdfunding-Kampagnen, bei denen Fans die Projekte ihrer Stars vorfinanzieren, haben die Grenzen des Spielfelds erweitert. Russell, der bislang vor allem als Autor und Produzent von TV-Serien wie „Beef“ und „The Bear“ in Erscheinung trat, besitzt ein feines Gespür für solche Verschiebungen und soziale Dynamiken.
Dramaturgie der Blicke
Zudem kennt er sich offenkundig gut in der Musikindustrie aus. Deren Untiefen beleuchtet er, ohne maßlos zu übertreiben – wie es in analogen Zeiten gang und gäbe war, als Stalker-Filme wie „Weiblich, ledig, jung sucht…“ (1992) von Barbet Schroeder oder „The Fan“ (1996) von Tony Scott boomten. Lediglich im letzten Drittel schlägt das Drehbuch etwas wilde Haken – und fordert zudem gesteigerte Aufmerksamkeit, damit dem Zuschauer keine Anspielung entgeht.
Die latent bedrohliche Atmosphäre, die sich durch den Film zieht, reibt sich auf produktive Weise an den nostalgisch anmutenden Bildern, die einen sonnengebleichten vintage appeal haben. Dass die so abgebildete Realität alles andere als heimelig ist, zeigt nicht zuletzt die Dramaturgie der Blicke, die ausgetauscht werden. Erbarmungslos buhlen Olivers Lakaien um seine Aufmerksamkeit, während sie einander misstrauisch beäugen.
Mehr Psychodrama als Psychothriller
Hintergrund
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Matthew und Oliver sind aber, jeder auf seine Weise, ziemlich einsam. Wie sich nach und nach herausstellt, hatte Matthew vor ihrer Begegnung fast kein soziales Leben; seine einzige Bezugsperson ist seine Großmutter, bei der er auch lebt. Oliver hingegen ist künstlerisch verunsichert und dabei umgeben von Jasagern, so dass ihm echter Austausch fehlt.
Die einsame Generation
Obwohl in dem Film viel in der Schwebe bleibt, wirkt er insgesamt stimmig und zeitgemäß. Aktuellen Erhebungen zufolge fühlen sich junge Menschen – also die zwischen 1995 und 2012 geborene Generation Z – erstmals stärker sozial isoliert als ältere Bevölkerungsgruppen, trotz oder gerade wegen der digitalen Vernetztheit, mit der sie aufgewachsen sind. Auch davon erzählt dieses Drama; es hält nicht nur für die Protagonisten, sondern auch für das Publikum ein Wechselbad widerstreitender Gefühle bereit.
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