Alex Russell

Lurker

Wer manipuliert wen? Popstar Oliver (Archie Madekwe, li.) und Fan Matthew (Théodore Pellerin). Foto: Universal Pictures Germany
(Kinostart: 18.12.) Berühmt sein um jeden Preis: Regisseur Alex Russell treibt sein Drama über einen überambitionierten Fan auf die Spitze. Der Machtkampf zwischen einem Popstar und seinem größten Verehrer trifft den Nerv einer Jugend, die sich stärker sozial isoliert fühlt als alle Generationen zuvor.

Laut Wörterbuch handelt es sich bei einem „Lurker“ um einen Beobachter oder passiven Zuschauer. Verwendet wird der Begriff heute vor allem im Online-Kontext für Benutzer, die in sozialen Medien mitlesen, ohne selbst etwas beizutragen. Allerdings schwingen beim Verb „to lurk“ noch abgründigere Konnotationen mit, die auch im gleichnamigen Debütfilm von Alex Russell eine Rolle spielen: In der realen Welt bedeutet der Begriff, dass jemand in einem Hinterhalt lauert. 

 

Info

 

Lurker

 

Regie: Alex Russell,

100 Min., USA/ Italien 2025;

mit: Théodore Pellerin, Archie Madekwe, Havana Rose Liu, Sunny Suljic 

 

Weitere Informationen zum Film

 

Im sozialen Abseits steht Matthew (Théodore Pellerin) auf den ersten Blick nicht. Immerhin arbeitet er in einer hippen Boutique in downtown Los Angeles. Doch der Zugang zu einem wichtigen inneren Zirkel öffnet sich für ihn erst, als Oliver (Archie Madekwe) während seiner Schicht in den Laden kommt. Oliver ist ein aufsteigender Stern am Pophimmel.

 

Einer kommt, einer geht

 

Matthew hat genau mitgelesen und weiß dementsprechend gut, welche Knöpfe er bei Oliver drücken muss, um selbst bei einer flüchtigen Begegnung Eindruck zu machen. Unbeeindruckt von dessen Entourage, spielt er beiläufig Olivers Lieblingssong – und heuchelt Überraschung, als der sich als Musiker zu erkennen gibt. Matthews Kalkül geht auf: Er wird zum Konzert eingeladen, und bald auch in Olivers Haus. Es bedarf jedoch wenig Phantasie, um zu ahnen, dass es ihm bald ähnlich ergehen wird wie einem jungen Mann, der just bei seiner Ankunft aus dem Anwesen hinauskomplimentiert wird.

Offizieller Filmtrailer OV


 

Aufstieg und Fall in der Hackordnung

 

Doch Matthew rackert sich erst einmal, ab, um dazuzugehören. Das bedeutet konkret, dass er vor allem hinter Oliver und seinen Freunden aufräumt und putzt. Naiv ist er keineswegs. Schnell ist ihm klar, welches Spiel sein Idol mit den Menschen in seiner Umgebung spielt. Als er beginnt, mit einem veralteten Camcorder ihren Alltag einzufangen, steigt er bald zu einer Art kreativer Berater auf.

 

Kurz darauf verpflichtet ihn Oliver für eine Doku über sein Popstar-Dasein. Dass der Sänger seinen Schützling vor laufender Kamera als „besten Freund“ bezeichnet, verschafft Matthew selbst ein wenig Berühmtheit. Das hilft ihm kurz darauf, sich zu rächen, als Oliver ihn fallen lässt.

  

Stalker in der digitalen Welt

 

Nuanciert zeigt Russell, wie Momente der Nähe und wechselseitige Ausbeutung Hand in Hand gehen. Im Machtkampf zwischen Star und Fan beweist Matthew eindeutig mehr strategisches Talent. Zunehmend fragt man sich, ob er Olivers Musik wirklich jemals mochte, oder nur von dessen Status profitieren wollte. Hätte er sich bei jeder anderen Berühmtheit ähnlich große Mühe gegeben?

 

Obsessive Fans und Stalker sind nichts Neues, auch nicht im Kino. Etliche Filme erzählen von solchen parasozialen Beziehungen. Doch soziale Medien, die Teilhabe am Alltag von Berühmtheiten versprechen, oder crowdfunding-Kampagnen, bei denen Fans die Projekte ihrer Stars vorfinanzieren, haben die Grenzen des Spielfelds erweitert. Russell, der bislang vor allem als Autor und Produzent von TV-Serien wie „Beef“ und „The Bear“ in Erscheinung trat, besitzt ein feines Gespür für solche Verschiebungen und soziale Dynamiken.

 

Dramaturgie der Blicke

 

Zudem kennt er sich offenkundig gut in der Musikindustrie aus. Deren Untiefen beleuchtet er, ohne maßlos zu übertreiben – wie es in analogen Zeiten gang und gäbe war, als Stalker-Filme wie „Weiblich, ledig, jung sucht…“ (1992) von Barbet Schroeder oder „The Fan“ (1996) von Tony Scott boomten. Lediglich im letzten Drittel schlägt das Drehbuch etwas wilde Haken – und fordert zudem gesteigerte Aufmerksamkeit, damit dem Zuschauer keine Anspielung entgeht.

 

Die latent bedrohliche Atmosphäre, die sich durch den Film zieht, reibt sich auf produktive Weise an den nostalgisch anmutenden Bildern, die einen sonnengebleichten vintage appeal haben. Dass die so abgebildete Realität alles andere als heimelig ist, zeigt nicht zuletzt die Dramaturgie der Blicke, die ausgetauscht werden. Erbarmungslos buhlen Olivers Lakaien um seine Aufmerksamkeit, während sie einander misstrauisch beäugen.

 

Mehr Psychodrama als Psychothriller

 

Hintergrund

 

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Doch auch wenn die Protagonisten so unsympathisch agieren, dass die Zuschauer sich für sie fremdschämen, hat ihr empathiefreier Umgang miteinander zugleich eine tragische Komponente und verweist auf echtes seelisches Leid. Russells Film ist eher Psychodrama als Psychothriller.

 

Matthew und Oliver sind aber, jeder auf seine Weise, ziemlich einsam. Wie sich nach und nach herausstellt, hatte Matthew vor ihrer Begegnung fast kein soziales Leben; seine einzige Bezugsperson ist seine Großmutter, bei der er auch lebt. Oliver hingegen ist künstlerisch verunsichert und dabei umgeben von Jasagern, so dass ihm echter Austausch fehlt.

 

Die einsame Generation

 

Obwohl in dem Film viel in der Schwebe bleibt, wirkt er insgesamt stimmig und zeitgemäß. Aktuellen Erhebungen zufolge fühlen sich junge Menschen – also die zwischen 1995 und 2012 geborene Generation Z – erstmals stärker sozial isoliert als ältere Bevölkerungsgruppen, trotz oder gerade wegen der digitalen Vernetztheit, mit der sie aufgewachsen sind. Auch davon erzählt dieses Drama; es hält nicht nur für die Protagonisten, sondern auch für das Publikum ein Wechselbad widerstreitender Gefühle bereit.