
Die Idee klingt bestechend: eine Video-Arbeit mit 24 Stunden Laufzeit, die nur aus Filmschnipseln besteht, in denen eine Uhr vorkommt – meist mit Ziffernblatt, manchmal auch mit numerischer Anzeige. So angeordnet, dass die im Film angezeigte Uhrzeit auch der realen entspricht: Schlägt auf der Leinwand die volle Stunde, ist das auch im Zuschauerraum der Fall. Das verspricht Rund-um-die-Uhr-Sehvergnügen: endlich ein zeitgenössisches Kunstwerk, das jeder versteht, der die Uhr lesen kann!
Info
Christian Marclay – The Clock
29.11.2025 - 25.01.2026
täglich außer montags 10 bis 20 Uhr;
am 5./6. Dezember, 2./3. + 23./24. Januar 24-Stunden-Projektion rund um die Uhr bei freiem Eintritt außerhalb der Öffnungszeiten in der Neuen Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, Berlin
Weitere Informationen zur Ausstellung
Wenige Uhr-Zeiten tief in der Nacht
Eigentlich ist der Auslandsschweizer, der in Kalifornien zur Welt kam und in Genf aufwuchs, auf akustische Performances mit diversen Tonträgern spezialisiert. Doch für „The Clock“ sichtete er Tausende von DVDs, beziehungsweise: Er ließ Filmklassiker von Assistenten sichten, um Szenen mit Uhr-Zeiten herauszufiltern. Dann wurden sie in chronologischer Reihenfolge montiert. Was streckenweise nicht einfach gewesen sei, so Marclay: Für Zeiten mitten in der Nacht gebe es nur wenige passende Uhr-Bilder.
Ausschnitt aus "The Clock" ab 16:30 Uhr
Zusammenhanglose Bilderflut
Dass Ergebnis hat den Vorteil, dass man jederzeit ein- und aussteigen kann – im Rahmen der regulären Öffnungszeiten. Dafür wurde das Obergeschoss der Neuen Nationalgalerie in eine Art Kino umgebaut – mit hellen Sofas, damit alle Schaulustigen unfallfrei hinein und wieder hinaus finden. An drei Terminen wird zudem der gesamte 24-Stunden-Film nonstop gezeigt; wer zu nachtschlafener Zeit kommt, kann sich überzeugen, ob auch die Stunden nach Mitternacht komplett abgedeckt werden. Aber lohnt es, sich dafür die Nacht um die Ohren zu schlagen?
Zwar kann jede Sichtung, die keine Marathon-Sitzung ist, nur einen Ausschnitt abdecken. Doch nach ein- bis zweistündigem Zusehen werden schon einige Merkmale deutlich. Vor allem, wie zusammenhanglos das Gezeigte ist: Da alle Szenen nur gemeinsam haben, dass darin eine Uhr auftaucht, wechseln die Genres bunt durcheinander. Krimi, Melodram, Western, Sozialdrama und allerlei mehr – in dieser Bilderflut kann man sich auf nichts einstellen. Schnitt, schon ist es wieder weg.
Einseitige Auswahl mit TikTok-Dramaturgie
Zumal die Szenen nur selten irgendetwas verbindet, und sei es rein formal. Nach dem Muster: Am Ende einer Passage wird eine Tür geöffnet, Schnitt, danach geht jemand durch eine Tür. Meist folgen die Szenen mit harten Brüchen aufeinander, und der Kontext, in dem sie stehen, bleibt völlig unklar. Diese TikTok-Dramaturgie verunmöglicht Empathie mit den Protagonisten. Stattdessen lockt eine optische Schnitzeljagd: Wer erkennt welchen Star-Schauspieler in welchem Filmklassiker? In solcher Freude am Wiedererkennen besteht nach Ansicht der Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ohnehin der Kunstgenuss von vier Fünfteln des Publikums.
Allerdings wird schon nach kurzer Zeit offensichtlich, dass die Auswahl der Quellen recht unausgewogen ist. Angelsächsische Filme dominieren, französische erscheinen noch halbwegs häufig, andere europäische nur in homöopathischen Dosen. Und ganze Kino-Kontinente – Ostasien, Indien, Lateinamerika, Afrika – kommen praktisch gar nicht vor, obwohl die westliche Zeitanzeige von aller Welt übernommen worden ist. Das lässt sich nicht einmal als eurozentrische Perspektive geißeln, sondern nur als anglo-amerikanische Nabelschau.
Zu wenig Aktuelles, zu viel Big Ben
Hintergrund
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und hier eine Besprechung der Ausstellung "Stan Douglas: Mise en scène" – Re-Inszenierungen historischer Ereignisse mit Foto- und Film-Installationen im Haus der Kunst, München
und hier einen Beitrag über die Doku "Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" – gelungene Doku über Zeit-Ordnungen + ihren Verlust von Florian Opitz.
Zumindest mangelt es nicht an Zifferblättern: ob klein wie bei einer Damen-Armbanduhr oder riesig wie bei Big Ben, dem Uhrturm am Palace of Westminster. Das Londoner Wahrzeichen scheint es vielen Drehbuchautoren angetan zu haben: Ständig gucken Schauspieler zu seinen Zeigern empor oder kraxeln sogar halsbrecherisch auf ihnen herum. Bei allem Verständnis für Marclays Verbeugung vor seinem Zweitwohnsitz: Weniger britische Selbstbeweihräucherung hätte der Video-Arbeit gut getan.
Männlich-weiße Schlagseite
Um sie allgemeingültiger und universeller wirken zu lassen; daran hapert es. Trotz der zahllosen Varianten von Zifferblatt-Gestaltung und Auslösern, warum Menschen auf die Uhr sehen: All diese wartenden, hetzenden oder überraschten Akteure sind meist männlich, weiß, mittleren Alters und förmlich gekleidet. Alle übrigen Milliarden Erdbewohner erscheinen nur unter ferner liefen.
Diese Schlagseite macht Marclays Intention zunichte: eine „Meditation über das Wesen der Zeit“ solle „The Clock“ nach seinen Worten sein. Wer dem eine Weile zuschaut, wundert sich eher, womit man alles seine Zeit totschlagen kann: mit solch einer monumentalen Bastelarbeit, ähnlich wie Kathedralen-Nachbauten aus Streichhölzern oder wandfüllenden Mosaikbildern aus Briefmarken.
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