Mads Mikkelsen

Therapie für Wikinger

Manfred (Mads Mikkelsen, li.) und Anker (Nikolaj Lie Kaas) musizieren gemeinsam. Foto: Neue Visionen
(Kinostart: 25.12.) Vom Umbau der Wirklichkeit: Mit einem kruden Mix aus Gaunerkomödie und Familiendrama überschreitet Regisseur Anders T. Jensen die Grenze zwischen Überzeichnung und Zumutung. Sein hochkarätiges Ensemble und die sympathisch verdrehte Botschaft retten den Film vor dem Kollaps.

Selbst die furchtlosesten Wikinger kannten die Macht des Wortes. Im altnordischen Recht war eine Beleidigung ein schwerer Verstoß. Wer einen Mann „argr“ nannte – also “unmännlich” – konnte mit Bußgeldern belegt werden, die so hoch waren wie die für eine Tötung.  Eine verletzte Ehre konnte mehr kosten als ein gebrochener Schädel. In dieser Schnittmenge aus Gewalt und Psyche bewegt sich Anders Thomas Jensens Film „Therapie für Wikinger“.

 

Info

 

Therapie für Wikinger

 

Regie: Anders Thomas Jensen,

116 Min., Dänemark/ Schweden 2025;

mit: Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, Nicolas Bro

 

Weitere Informationen zum Film

 

Sein Leitmotiv offenbart er zu Beginn: Wenn die Wirklichkeit für jemanden ungerecht ist, muss sie für alle anderen angepasst werden. Doch in seinem Film funktioniert das nur zur Hälfte, denn er mutet seinem Publikum einen ziemlich großen Spagat zu. Während man beschädigten Seelen dabei zusieht, wie sie ihre Wirklichkeit gegen jede Vernunft umbauen, drängt sich die Frage auf: Wie viel Wahnsinn kann eine Familie ertragen, bevor sie endgültig zusammenbricht?

 

Zwei seltsame Brüder

 

Im Zentrum steht ein seltsames Brüderpaar. Anker (Nikolaj Lie Kaas), frisch entlassen nach fünfzehn Jahren Haft, will seine vergrabene Beute zurück. Doch sein Bruder Manfred (Mads Mikkelsen), der das Geld versteckt hat, schweigt sich über den genauen Ort aus. Er hat eine dissoziative Identitätsstörung (DIS); davon Betroffene entwickeln zwei oder mehrere getrennte Persönlichkeiten, die abwechselnd die Kontrolle übernehmen.

Offizieller Filmtrailer


 

Die Neugründung der Beatles

 

Derweil will Ankers alter Komplize Flemming (Nicolas Bro) die Beute allein einkassieren; er beginnt, die Brüder zu bedrohen. Manfred hält sich jedoch seit Ankers Rückkehr für John Lennon; da Anker ihn nicht ernst nimmt, wird er selbstmordgefährdet. Sein Psychiater Lothar (Lars Brygmann) greift zu einer radikalen Methode: Er macht die Wahnvorstellung zur Realität – und gründet die Beatles neu.

 

Dafür spannt er zwei weitere DIS-Patienten ein: Hamdan (Kardo Razzazi) glaubt, Paul McCartney und George Harrison zugleich zu sein; dazu kommt ein eingebildeter Ringo Starr. Gemeinsam flieht die Truppe vor Flemming in ein abgelegenes Waldhaus. Während Anker immer wieder mit dem Spaten in den Wald verschwindet, um das Versteck zu finden, das sein verwirrter Bruders nicht preisgeben will, entfaltet sich die eigentliche Geschichte. Sie führt in die traumatische Vergangenheit der Geschwister.

 

Aufdringlicher Zynismus

 

Was folgt, ist eine kammerspielartige Groteske zwischen Ferienhaus-Idylle und Trauma-Bewältigung. Immer wieder zeigen Rückblenden schmerzhafte Erinnerungen der Brüder an ihr Elternhaus: etwa wie sie vom Vater geschlagen wurden, oft wegen Manfreds Beeinträchtigung. Das gipfelt in einer grausamen Bestrafung: Vater ließ den geliebten Hund vom Förster töten.

 

Da drängt sich der Eindruck auf, dass Regisseur Jensen glaube, die Brutalität solcher Szenen nur durch noch mehr Groteske auffangen zu können – womit er stellenweise die Grenze zwischen Überzeichnung und Zumutung überschreitet. Während Jensens Zynismus in seinen früheren Filmen wie “Adams Äpfel” (2005) und “Helden der Wahrscheinlichkeit” (2020) unterhaltsam war, wird er nun unangenehm aufdringlich.

 

Persönlichkeitsstörung als Witz

 

Hamdan etwa hat mehr als zwei Persönlichkeiten; er wechselt stetig zwischen historischen Figuren. Mal agiert er als Björn, Bandleader der Pop-Stars von „Abba“, der während der Bandproben immer wieder den Gassenhauer “Chiquitita” anstimmt. Mal tut er so, als verkörpere er den SS-Reichsführer Heinrich Himmler und betont, er sei nicht für den Holocaust verantwortlich. Sehr witzig.

 

So wird eine schwere Persönlichkeitsstörung zum großen Spaß. Auch wenn sich der Film als Gaunerkomödie aus der Affäre ziehen will, fühlt man sich beim Zuschauen manchmal wie die beiden Söhne, die einst vom Vater für Nichtigkeiten bestraft wurden: als stünde der Regisseur mit erhobenem Vorschlaghammer vor einem und verlange totales Lachen.

 

Mikkelsen zwischen Naivität + Panik

 

Vielleicht erfüllt die kalkulierte Grenzüberschreitung in einem Land wie Dänemark eine Art politische Funktion. Dort gilt schließlich immer noch „Janteloven“; jener ungeschriebene Verhaltenskodex ermahnt alle, sich nicht für etwas Besonderes zu halten. Die Protagonisten beanspruchen das Gegenteil: Sie beharren auf ihrer Einzigartigkeit.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Helden der Wahrscheinlichkeit" - schwarzhumorige Screwball-Komödie mit Mads Mikkelsen von Anders Thomas Jensen

 

und hier eine Besprechung des Films "Men & Chicken" - schwarzhumorige Komödie aus Dänemark von Anders Thomas Jensen

 

und hier einen Beitrag über den Film "Der Rausch" - schwarzhumorige dänische Komödie von Thomas Vinterberg mit Mads Mikkelsen.

 

Dass der Film trotzdem nicht kollabiert, liegt an der dichten Inszenierung. Das grelle Grün lässt den Wald wie eine Märchenwelt wirken, während die Kamera die klaustrophobische Enge des Waldhauses auskostet. Mads Mikkelsen spielt den psychisch beeinträchtigten Manfred mit fast schmerzhafter Zartheit; sein Blick flackert stets zwischen kindlicher Naivität und abgrundtiefer Panik.

 

Keine Versöhnung am Ende

 

Kaas bildet den perfekten Gegenpol: Er verkörpert den traumatisierten Anker als tickende Zeitbombe, deren Schutzpanzer langsam zerbröselt. Auch wenn das plakativ dargestellt ist, berührt es eine wichtige Frage: Wie soll man mit Männern umgehen, deren Identität auf Gewalt und zerstörtem Vertrauen fußt?

 

In solchen Momenten, in denen die Schauspieler ihren Figuren Tiefe geben können, ist “Therapie für Wikinger“ spannender als insgesamt. Anstelle einer klassischen Versöhnung der Konflikte drängt sich am Ende eine sympathisch verdrehte Philosophie auf: Wenn jeder kaputt ist, ist niemand kaputt.