
Sind Sie schon einmal 600 Kilometer quer durch Deutschland gefahren, um beide Teile einer Ausstellung zu sehen? Vermutlich nicht. Doch in diesem Fall würde es sich lohnen: Die große Retrospektive zum 70. Geburtstag von William Kentridge wird teils in Essen, teils in Dresden gezeigt. Beide Teile folgen ihrem je eigenen Konzept und sind damit in sich verständlich. Aber sie sind zugleich aufeinander abgestimmt und ergänzen sich – erst in der Zusammenschau wird die enorme Bandbreite von Kentridges Werk deutlich.
Info
William Kentridge – Listen to the Echo
04.09.2025 - 18.01.2026
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,
donnerstags + freitags bis 20 Uhr
im Museum Folkwang, Museumsplatz 1, Essen
Weitere Informationen zur Ausstellung
06.09.2025 - 04.01.2026
täglich außer dienstags 11 bis 17 Uhr
im Albertinum, Georg-Treu-Platz, Dresden
06.09.2025 - 15.02.2026
täglich außer dienstags 10 bis 17 Uhr
im Residenzschloss, Kupferstich-Kabinett, Taschenberg 2, Dresden
Weitere Informationen zur Ausstellung
Katalog 38 €
Schwarz-weiße Gesellschaft
Dadurch bedingt ist Kentridges künstlerischer Kosmos fast ausschließlich schwarzweiß – wenn selten ein paar Farbtupfer hinzukommen, etwa in Rot, droht meist Unheil. Da ließe sich argwöhnen, seine Beschränkung auf zwei Töne spiegele aktuelle Tendenzen zur Polarisierung; immer mehr Zeitgenossen sehen nur noch Schwarzweiß und ignorieren Zwischentöne. Doch solche Aktualisierung geht fehl: Kentridges harte Kontraste beziehen sich auf Südafrikas Vergangenheit als Apartheidsstaat – noch heute ist die Gesellschaft strikter nach Hautfarben getrennt als anderswo.
Mit seiner Konzentration auf traditionsreiche Methoden wie Kaltnadel-Radierung oder Aquatinta geht ein stupendes Wissen der abendländischen Kunstgeschichte einher. Kentridge baut in seine Bilder gern Motive von Alten Meistern ein, von Giotto über Rembrandt bis zu Goya und Manet. Ebenso häufig benutzt er bibliophile Antiquitäten – etwa alte Landkarten und mit Bleilettern gedruckte Folianten oder ausgediente Buchhaltungs-Register – als Bildgrund, auf und mit dem er arbeitet. Aber er ist keineswegs retro; die tradierten Sujets und Objekte dienen ihm vor allem zur Veranschaulichung, wie sie bis heute nachwirken – Geschichte, die nicht vergehen will.
Trailer zur Ausstellung in Essen; © Museum Folkwang
Historisches Kontextwissen
Damit beweist Kentridge ein ausgeprägtes historisches Bewusstsein, das im heutigen Kunstbetrieb ungewöhnlich ist. Wo andere nur missliebige Artefakte der Kulturgeschichte denunzieren und skandalisieren, legt er umfassendes Kontextwissen an den Tag: über globale Entwicklungen seit der europäischen Kolonialisierung der Welt in der frühen Neuzeit.
Das bewahrt ihn vor wohlfeiler Revanche-Kunst; stattdessen sind seine Werke so vielschichtig und widersprüchlich wie die behandelten Phänomene selbst. In diversen Disziplinen: neben bildender Kunst auch Puppen- und Figuren-Theater, Animations-Filme, Opern-Inszenierungen – und sogar Festumzüge vor realer Stadtkulisse.
Ästhetik mit Wiedererkennungswert
Trotz weit ausgreifender Experimentierlust wird sein Œuvre von einer spezifischen Kentridge-Ästhetik mit hohem Wiedererkennungswert zusammengehalten. Das zeigen schon die – nach Theaterplakat-Siebdrucken – frühesten Arbeiten, die in Essen zu sehen sind: die Monotypie-Serie „Exhibition“ von 1979.
Alle Blätter sind Unikate, weil der Künstler das Motiv direkt auf mit Farbe beschichtete Druckplatten zeichnete. In einer Art Gelass mit hohen Wänden beobachten kleine Schemen von oben halb oder ganz nackte Gestalten, die turnen, tanzen, dösen oder stolzieren. Was genau sie tun, bleibt ungewiss und wird durch Bildtitel wie „The Deportees“ oder „Lullaby“ kaum klarer.
Durchbruch mit Johannesburg-Zyklus
Die Figuren wirken leicht deformiert und ihre Beziehungen unterschwellig gewalttätig. Das Ganze erinnert an eine freizügige Version der freischwebenden Folterkammern von Francis Bacon, dem Porträtisten existentieller Schrecken. Als Kentridge diese Bilderwelt ab 1989 in Bewegung versetzt, erlebt er mit dem elfteiligen Filmzyklus „Johannesburg, zweitgrößte Stadt nach Paris“ seinen internationalen Durchbruch.
Den rasanten Aufstieg seiner Geburts- und Heimatstadt zur Goldbergbau-Metropole voller schreiender sozialer Gegensätze zeichnen diese Filme aus der Sicht dreier Kunstfiguren nach. Soho Eckstein ist ein despotischer Industriemagnat, Felix Teitelbaum sein sensibler Widersacher – beide rivalisieren um die Gunst von Mrs. Eckstein.
Feature zur Ausstellung in Dresden; © Staatliche Kunstsammlung Dresden
Zeitlos archaisch + geisterhaft
Indem Kentridge seine Stopptrick-Filme Bild für Bild zeichnet, ablichtet, leicht verändert, wieder ablichtet usf., bekommen die Ergebnisse eine zeitlose Qualität: einerseits archaisch wirkend wie etwas verwitterte Ausgrabungen, andererseits fast schon geisterhaft, weil Spuren früherer Zustände nie ganz verschwinden.
Der Künstler hat die Möglichkeiten dieses Mediums im Lauf der Jahre in alle Richtungen ausgedehnt: vom minimalistischen Silhouettenstrich-Film „Ubu tells the Truth“ (1997) über die Aufarbeitung von Apartheids-Verbrechen bis zu den bemalten und animierten Lexikon-Seiten von „Sibyl“ (2019) mit Nonsense-Anweisungen. Der letztgenannte Film verweist auf ein weiteres Prinzip seiner Produktion: die Collage.
Mechanisches Miniatur-Theater
Ob flüchtiges Skizzenblatt, Monumental-Zeichnung oder wandfüllende Tapisserie: Oft verwendet Kentridge historische Unterlagen, die schon mit Umrissen, Zahlen und anderen Informationen bedeckt sind, und platziert große Scherenschnitt-Motive darauf. Beides kommentiert sich gegenseitig, ist aber nicht deckungsgleich: Die „Porters“ der gleichnamigen Serie könnten Lastenträger oder Vertriebene sein. Das überfüllte Boot, das über eine Karte des Zarenreichs rudert, könnte Migranten befördern oder Kriegsflüchtlinge.
Mit Dreikanal-Videoinstallationen überträgt der Künstler seine Collagen ins Kinematographische; etwa in „KABOOM!“ (2017-18) über im Ersten Weltkrieg zwangsrekrutierte schwarze Afrikaner. Vollends dreidimensional ist die mechanische Miniaturbühne „Black Box/ Chambre Noire“ (2005). In Moritaten-Manier erinnern Figuren an den Herero-Völkermord in Deutsch-Südwestafrika 1904 – und damit zugleich an Kolonialverbrechen als Kehrseite der Aufklärung, deren Verheißungen im Libretto der „Zauberflöte“ von 1791 beschworen werden. Mozarts Oper hat Kentridge 2005 mit zwei animierten Miniatur-Theatern in Brüssel inszeniert.
Überladene Materialschlacht
Sein Themenkreis reicht aber weit über Afrika hinaus; so hat er sich mehrfach mit der sozialistischen Utopie und ihrem Ruin im Stalinismus beschäftigt. Angefangen mit seiner Inszenierung von Dmitri Schostakowitschs Oper „Die Nase“ 2010 an der Metropolitan Opera in New York: Kentridge verlegte die Groteske von Nikolai Gogol in die blutgetränkte Geschichte der Sowjetunion. Etliche Kupferstiche und Lithographien dazu werden in Essen präsentiert.
Ähnliches füllt einen halben Saal im Dresdner Albertinum: Es handelt sich um die Requisiten für den Fünf-Kanal-Film „Oh To Believe In Another World“ (2022), der die frühe Geschichte der Sowjetunion von der Oktoberrevolution 1917 bis zu Stalins Tod 1953 abhandelt. Da kommt Kentridges Methode allerdings an ihre Grenzen: Sein Versuch, mit Dutzenden von Puppen, Masken und Zitaten, detailreichen Hintergrund-Prospekten und Musik-Kakophonie in einer Viertelstunde das Scheitern einer Jahrhundert-Illusion nachzuzeichnen, gerät zur überladenen Materialschlacht.
Vieldeutig schillernde Prozession
Überzeugender wirkt nebenan „More Sweetly Play the Dance“ von 2015: Zu südafrikanischen Klängen zieht eine bunt zusammengewürfelte Schar menschlicher Gestalten im Gegenlicht durch eine karg skizzierte Ebene. Mal Aufmarsch, mal Parade, mal Trauerzug, mal Totentanz – und alles zugleich, so vieldeutig schillernd wie die meisten Werke von Kentridge. Mit der vergleichbar gestalteten „Shadow Procession“ hatte er bereits drei Jahre zuvor zur documenta (13) einen der beliebtesten Beiträge beigesteuert.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Double Vision: Albrecht Dürer & William Kentridge" – vergleichende Grafik-Schau des Renaissance- und des Gegenwarts-Künstlers in Berlin + Karlsruhe
und hier eine Besprechung der Ausstellung "William Kentridge: Fünf Themen" – hervorragende Werkschau der handgezeichneten Stopptrick-Filme des südafrikanischen Künstlers in der Albertina, Wien
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Irma Stern – eine Künstlerin der Moderne zwischen Berlin und Kapstadt" – Retrospektive der deutsch-südafrikanischen Expressionistin im Brücke-Museum, Berlin
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Francis Bacon – Unsichtbare Räume" – hervorragende Werkschau des britischen Meisters der Deformation in der Staatsgalerie Stuttgart
und hier einen Bericht über den Film "Der vermessene Mensch" – fesselndes Dokudrama über den Völkermord an den Herero in Deutsch-Südwestafrika 1904 von Lars Kraume.
Empathie + Skepsis
Ob expressionistisch anmutende Sozialkritik in der Serie „Industry and Idleness“ (1987), Siebdrucke mit überlebensgroßen Karikatur-Köpfen wie „Art in State of Siege/ Hope/ Grace“ (1988) oder das von Flecken und Scharten übersäte Gouache-Porträt eines nackten Schlafenden („Sleeper (Ubu Drawing)“, 1997): Stets weckt das Dargestellte gerade wegen seiner visuellen Versehrungen beim Betrachter Aufmerksamkeit und Mitgefühl.
Diese Lust am Festhalten aller möglichen Daseins-Zustände gründet bei Kentridge auf distanzierter Empathie. Sich auf etwas einzulassen, ohne Partei zu ergreifen, erlaube ihm erst, Dinge in ihrer Komplexität zu erfassen, sagt er: „Es ist der Ausgangspunkt meiner Arbeit, weder aktiver Teilnehmer noch uninteressierter Beobachter zu sein.“ Gepaart mit Skepsis gegenüber allen Heilsversprechen: „Wir haben einen Punkt erreicht, an dem alle Ziele, alle hellen Lichter Misstrauen wecken. Das Licht am Ende des Tunnels verwandelt sich zu schnell in die grelle Lampe beim Verhör.“
Zentrum für weniger gute Idee
Aber das Rampenlicht der Erkenntnis auszuknipsen, ist auch keine Lösung. Als leidenschaftlicher Theatermann, dessen künstlerische Laufbahn Mitte der 1970er in einem oppositionellen Studenten-Theater in Johannesburg begann, hat er 2017 einen „interdisziplinären Inkubator-Raum für die Künste“ namens „The Centre for the Less Good Idea“ mitgegründet.
Dieses Kreativen-Zentrum wird noch bis Mitte 2026 die Puppentheater-Sammlung im Dresdner Kraftwerk Mitte mit Klang- und Video-Instellationen „zum Leben erwecken“, wie es heißt. Solch einen Reanimations-Versuch kann die etwas verstaubte Kunstform gewiss gut gebrauchen.
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