Sergei Loznitsa

Zwei Staatsanwälte

Solidarität ist planwidrig: Der junge Staatsanwalt Alexander Kornjew (Alexander Kusnetzow) hilft einer Ministeriums-Sekretärin, verstreute Unterlagen einzusammeln. Foto: ©
(Kinostart: 18.12.) Wenn das der Führer wüsste: Ein junger Staatsanwalt, der einem Häftling helfen will, wird in Moskau beim obersten Dienstherrn vorstellig – das kann in der Sowjetunion 1937 nur böse enden. Regisseur Sergei Loznitsa verfilmt die Novelle eines Gulag-Insassen als beklemmend präzise Parabel.

Im Unterschied zur florierenden NS-Vergangenheitsbewältigungs-Branche sind Auseinandersetzungen mit dem Stalinismus im Kino spärlich gesät. Teils aus nahe liegenden Gründen: Im heutigen Russland wird die Stalin-Ära glorifiziert, nicht kritisch durchleuchtet. Teils aus Ignoranz: Osteuropäische Filme über diese Epoche, etwa „Marias Schweigen“ (2024) aus Lettland über ein prominentes Terror-Opfer oder „Mr. Jones“ (2019) von der polnischen Star-Regisseurin Agnieszka Holland über die Hungersnot in der Ukraine 1932/33 kamen hierzulande nicht auf die Leinwand – obwohl beide auf der Berlinale liefen.

 

Info

 

Zwei Staatsanwälte

 

Regie: Sergei Loznitsa,

118 Min., Lettland/ Litauen/ Niederlande/ Deutschland 2025;

mit: Alexander Kusnetzow, Alexander Filippenko, Anatoliy Beliy

 

Weitere Informationen zum Film

 

Zumindest reguläre Kinostarts erhalten die Werke des ukranischen Regisseurs Sergei Loznitsa, der seit 2001 in Deutschland lebt. Er ist eine Art Ein-Mann-Kommando zur Totalitarismus-Aufarbeitung: In rund einem Dutzend Dokumentar- und sechs Spielfilmen zeichnet er die blutige Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts und ihre Auswirkungen auf die europäische Gegenwart nach. Dabei beleuchtet er alle Seiten gleichermaßen: stalinistische Schauprozesse („Prozess“, 2018) ebenso wie Massaker von SS-Einsatzgruppen an Juden („Babyn Jar. Kontext“, 2021) oder Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg („Luftkrieg – Die Naturgeschichte der Zerstörung“, 2022).

 

Vier Dekaden bis Veröffentlichung

 

Nun hat Loznitsa eine Erzählung von Georgi Demidow (1908-1987) verfilmt. Der sowjetische Physiker war 14 Jahre lang im Gulag interniert. Sein Kurzroman von 1969 wurde gemeinsam mit seinen übrigen Arbeiten 1980 vom KGB beschlagnahmt und acht Jahre später seiner Tochter zurückgegeben. Erst 2009 erschien „Zwei Staatsanwälte“ im Druck – vier Jahrzehnte nach der Niederschrift.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Labyrinth voller Schlägervisagen

 

1937, auf dem Höhepunkt der „Großen Säuberungen“, begehrt ein junger Staatsanwalt Einlass am mächtigen Stahltor des Gefängnisses in der Provinzstadt Brjansk. Alexander Kornjew (Alexander Kusnetzow) hat kurz nach seiner Ernennung eine bizarre Nachricht erhalten – den Kassiber schrieb der Absender mit eigenem Blut auf ein Stück Pappe. Nun will er den Häftling Stepnjak (Alexander Filippenko) besuchen; obwohl die Direktoren ihn abzuwimmeln versuchen, lässt er nicht locker.

 

Allein schon der schier endlose Weg durch die düsteren und kahlen Treppen und Korridore der Haftanstalt lässt seine kommende Höllenfahrt ahnen: ein verwinkeltes Labyrinth, in dem alle Türen von Wärtern mit versteinerten Schlägervisagen aufgeschlossen werden. Stepnjak haust in einem – abgesehen vom Klappbett – völlig leeren Betonloch. Zugleich abgezehrt und von Folter-Folgen aufgedunsen, glaubt der frühere hohe Parteikader, er sei Opfer einer Verschwörung gegen die Sowjetmacht: Die lokale Abteilung des NKWD-Geheimdiensts werde von Verrätern beherrscht.

 

Äußerst ökonomische Inszenierung

 

Um dem ein Ende zu bereiten, solle der Staatsanwalt nach Moskau reisen und Stalin oder Politbüro-Mitgliedern seinen Fall vortragen. Was Kornjew umgehend tut: Tatsächlich gelingt es ihm, im kafkaesken Gänge-Gewirr des Justizpalastes bis zum obersten Generalstaatsanwalt Andrei Wyschinski (Anatoliy Beliy) vorzudringen. Der hört ihn an und schickt ihn zurück, um weitere Indizien aufzutreiben; ohne sie könne er keine Untersuchung einleiten. Auf der Bahnfahrt nach Brjansk wird Kornjew von zwei mitreisenden Passagieren zum Wodkatrinken eingeladen; das endet fatal.

 

Diese schlichte Geschichte, die ohne Gewalttaten oder Blutvergießen auskommt, ist bis zum Anschlag mit Bedeutung aufgeladen. Jeder Akteur, samt aller Nebenfiguren, steht für eine spezifische Gruppe der Sowjet-Gesellschaft; jeder Satz leitet eine Wendung des Geschehens ein, meist eine üble. Das könnte arg konstruiert wirken, wäre es nicht mit äußerster Ökonomie inszeniert: von der stumpfen Farbpalette über klaustrophobisch wirkende Stuben und Kabinette, in denen die Protagonisten aufeinander treffen, bis zu ihren Gesprächen, die rhetorischen Duellen gleichen. Wie in Kulissen eines absurden Kammerspiels, dessen unerbittliche Logik lange in der Erinnerung nachhallt.

 

Solidarität als Entgleisung

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Der Meister und Margarita" – kongeniale Verfilmung des klassischen Stalinzeit-Schlüsselromans von Michail Bulgakow durch Michail Lokshin

 

und hier eine Besprechung des Films "The Death of Stalin" – brillante schwarzhumorige Komödie über Machtkämpfe im Spätstalinismus von Armando Iannucci mit Steve Buscemi

 

und hier einen Beitrag über den Film "Donbass" - bewegendes Ensemble-Drama über den Krieg in der Ost-Ukraine von Sergei Loznitsa

 

und hier einen Bericht über den Film "Die Sanfte (Krotkaya)" - ergreifende Parabel über Russland als Gefängnis von Sergei Loznitsa.

 

Mit zuweilen grausiger Komik: Da tritt ein Kriegsinvalide auf, der bei Stalin um Almosen betteln will – als Sinnbild für die infantile Zarengläubigkeit des einfachen Volkes. Provokateure probieren, Kornjew aufs Glatteis zu führen, indem sie sich als Studienfreunde oder Ingenieure ausgeben. Als dieser einer Sekretärin hilft, verstreute Unterlagen einzusammeln, schauen ihn die Umstehenden entgeistert an: Solidarisches Handeln gilt im Vaterland der Werktätigen als Entgleisung.

 

Der junge Staatsanwalt repräsentiert genau den Idealismus, der die kommunistische Ideologie legitimiert, aber zwei Jahrzehnte nach der Oktoberrevolution tödlich ist. Er hält wie die Generation alter Bolschewiki, die in den Säuberungen liquidiert werden, die Gräueltaten für Fehler im System – und verkennt, dass sie sein Wesen ausmachen.

 

Keine Strafe ohne Geständnis

 

Im Gegensatz zum blindwütigen Nazi-Terror legten die Stalinisten großen Wert auf methodisches Vorgehen; dazu verpflichtete sie der rationale Anspruch des Marxismus. Zugleich waren der Ex-Priesterseminarist Stalin und seine Helfershelfer dem Menschenbild des orthodoxen Christentums verhaftet, das sich um Schuld und Sühne rankt: Voraussetzung für Verurteilungen und Strafen waren Geständnisse – und seien sie noch so abwegig, da unter brutaler Folter erzwungen.

 

Daran dürfte sich fast 90 Jahre später in russischen Gefängnissen wenig geändert haben. Was einer der Gründe sein könnte, warum die Schrecken des Stalinismus so selten in Spielfilmen vorkommen. Anders als die Abgründe der NS-Zeit, die sich als historisch erledigte Horrorshow konsumieren lassen, sind die Nachwirkungen der Sowjet-Dikatur schmerzlich spürbar und nah – die Grenze von Belarus ist nur 800 Kilometer entfernt. Wer ‚aus der Geschichte lernen‘ wollte, müsste dagegen etwas tun.