Michael Kofler

Zweitland

Die gegensätzlichen Brüder Paul (Thomas Prenn, unten) und Anton (Laurence Rupp) ringen. Foto: Starhaus Produktion
(Kinostart: 4.12.) Terror in Südtirol: Mit Bombenattentaten wollten Separatisten ab 1961 die Loslösung von Italien erzwingen. An dieses wenig bekannte Kapitel europäischer Gewaltgeschichte erinnert Regisseur Michael Kofler mit einem präzise konstruierten Kammerspiel und prägnanten Akteuren.

Ärger im Ferienparadies: Dass die majestätischen Berge und malerischen Täler von Südtirol in den 1960er Jahren Schauplatz von blutigem Terrorismus waren, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Doch der Anlass dafür ist bis heute präsent: das Nebeneinander der deutschen Sprachgruppe, knapp zwei Drittel der gut halben Million Einwohner, und der italienischen, die etwa ein Viertel ausmacht. Die Ursache dafür reicht mehr als 100 Jahre zurück.

 

Info

 

Zweitland

 

Regie: Michael Kofler,

112 Min., Italien/ Österreich/ Deutschland 2025;

mit: Thomas Prenn, Aenne Schwarz, Laurence Rupp, Francesco Acquaroli 

 

Weitere Informationen zum Film

 

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Südtirol von Italien annektiert; die Faschisten unter Mussolini verfolgten eine rücksichtslose Assimilierungspolitik. Nach dem Zweiten Weltkrieg handelten Italien und Österreich 1948 ein Autonomiestatut für die Provinz aus, doch es wurde de facto unterlaufen: Rom förderte den Zuzug italienischer Arbeitsmigranten, die Industrie-Jobs und Sozialwohnungen erhielten. Die angestammte deutschsprachige Bevölkerung fühlte sich ausgebootet.

 

Brüderpaar auf Berghof

 

Dagegen formierte sich ab Mitte der 1950er Jahre Widerstand: Der „Befreiungsausschuss Südtirol“ (BAS) kämpfte für das Selbstbestimmungsrecht der Region – letzlich für ihre Loslösung von Italien und die Wiedervereinigung mit Österreich. 1961 wurde die Untergrund-Organisation militant. Hier setzt der Film ein und beleuchtet den Konflikt am Beispiel eines Brüderpaars, das gemeinsam einen kleinen Berghof bewirtschaftet.

Offizieller Filmtrailer


 

37 Stromleitungs-Masten in Feuernacht gesprengt

 

Der jüngere Paul Passler (Thomas Prenn) träumt davon, die Enge der Bergwelt zu verlassen und auf die Kunsthochschule in München zu gehen; davon zeugen die Kohlezeichnungen, mit denen er die Scheunen-Wände pflastert. Sein älterer Bruder Anton (Laurence Rupp) hat dagegen die Patriarchen-Rolle des verstorbenen Vaters übernommen; für ihn ist seine Frau Anna (Aenne Schwarz) aus Bozen hierher auf den Hof gezogen. Nebenbei unterrichtet sie die Kinder in der Dorfschule, darunter ihren kleinen Sohn Thomas.

 

Die Rivalität der Brüder veranschaulicht schon die Anfangsszene: ein Ringkampf auf der Wiese vor Publikum, bei dem sich beide nichts schenken. Auch politisch streben sie auseinander: Anton mischt im BAS aktiv mit, Paul hält das für zwecklos und unverantwortlich. Dann wird die Konfrontation unausweichlich. In der so genannten Feuernacht vom 11. auf den 12. Juni 1961 werden 37 Hochspannungs-Masten gesprengt, um Norditaliens Stromversorgung empfindlich zu stören; dabei kommt ein italienischer Straßenarbeiter ums Leben.

 

Entstehung + Verfolgung von Terrorgruppe

 

Auf diese Eskalation reagiert die italienische Staatsmacht mit harter Hand: Bekannte Separatisten werden verhaftet, manche von ihnen hinter Gittern gefoltert. Anton flieht über die Grenze zu Gesinnungsgenossen in Nordtirol. Pauls Versuche, seinem Freund Hans nach dessen Festnahme zu helfen, sind vergeblich. Zugleich fühlt er sich nun für Anna und ihren Jungen verantwortlich, weswegen er seine Pläne eines Kunststudiums bis auf Weiteres begraben muss.

 

Mit sehr ökonomischen Mitteln macht der Film exemplarisch die Entstehung und Verfolgung einer Terrorgruppe deutlich. Dafür genügen ihm die vierköpfige Familie, eine Handvoll Dörfler und Funktionsträger – teils pro, teils contra Bombenleger – sowie ein paar italienische carabinieri. Deren Maresciallo Lombardo (Francesco Acquaroli) möchte unnötige Gewalt vermeiden, beißt aber bei den sturen Bergleuten auf Granit.

 

Fußwäsche für Alphamann-Macho

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Vermiglio" – wunderbar sensible Familiensaga in italienischem Alpendorf bei Kriegsende von Maura Delpero

 

und hier eine Besprechung des Films "Ein ganzes Leben" – werkgetreue Adaption des Bestsellers von Robert Seethaler über einen Einzelgänger auf einem Alpenhof in Osttirol durch Hans Steinbichler

 

und hier einen Bericht über den Film "Märzengrund" über ein Leben in selbstgewählter Isolation im Tiroler Zillertal von Adrian Goiginger

 

und hier einen Beitrag über den Film "Der Verdingbub" – Dokudrama über bäuerliche Kinder-Sklaven in der Schweiz bis etwa 1950 von Markus Imboden.

 

Während die große Politik – die fortlaufende Anschlags-Serie, zähe Verhandlungen zwischen „Südtiroler Volkspartei“ und der Regierung in Rom, sogar eine Resolution der UNO-Vollversammlung – in Radio-Nachrichten kurz anklingt, konzentriert sich Regisseur Michael Kofler auf die Psycho-Dynamik unter seinen Protagonisten, die allesamt sehr nuanciert und ausdrucksstark agieren. Bei aller Tatkraft schimmert bei Laurence Rupp ein gewisses Alphamann-Machotum durch. Das macht den stets ein wenig verstört dreinblickenden Thomas Prenn zusehends fassungslos, bis sich Anton und Paul mit Gewehrlauf im Anschlag einander gegenüberstehen.

 

Kurz zuvor befremdet Paul, dass sich der Geflohene im Partisanen-Versteck von einer blonden Maid die Füße waschen lässt – eine Anspielung auf die völkischen und deutschnationalen Strömungen im BAS. Dagegen lässt sich Anna bei einem klandestinen Wiedersehen nicht den Mund verbieten. Als sie trotz ihres Einsatzes für eine Aussöhnung der Volksgruppen Berufsverbot erhält, geht sie zurück nach Bozen.

 

Tourismus-Boom befriedet

 

All das spielt sich in spärlich beleuchteten Stuben und engen Alpentälern ab, denen selbst Regen und Nebel ihre natürliche Schönheit nicht nehmen. Dafür haben die Bewohner kaum einen Blick übrig; sie sind mit Melken und Heumahd vollauf beschäftigt. Womit der Film vor Augen führt, wie mühselig und ärmlich das Bauern-Dasein damals noch war; ein Motorroller ist Luxus, einen Kleinwagen muss man sich ausleihen.

 

Und zugleich ein Hinweis darauf, was neben dem Zweiten Autonomiestatut 1972 dafür sorgte, die Lage zu beruhigen: wachsender Wohlstand durch den Tourismus-Boom ab Anfang der 1970er Jahre. Bis dahin starben bei etwa 300 BAS-Attentaten rund 20 Menschen, knapp 60 wurden verletzt; Splittergruppen bombten weiter bis 1988.