Frankfurt am Main

Carl Schuch und Frankreich

Carl Schuch: Toter Fuchs (Detail), 1882 oder 1883, Öl auf Leinwand, 69,5 x 93 cm, Nationalgalerie. © bpk I Staatliche Museen zu Berlin. Fotoquelle: Städel Museum
Auf der Suche nach der perfekten Farbgebung: Der Österreicher Carl Schuch bereiste Ende des 19. Jahrhunderts halb Europa, um die ideale Malweise zwischen Realismus und Impressionismus zu finden. Dem Meister der Landschaften und Stillleben widmet das Städel Museum eine glänzende Werkschau.

So viel Spargel! Gebündelt und verschnürt wie frisch vom Markt liegen die bleichen Stangen da. Das Edelgemüse wird mal im Hoch-, mal im Querformat serviert; hier auf saftig grünes Blattwerk gebettet, dort auf rohen Holzbrettern arrangiert oder mit einem Glas honiggelben Weißweins zum farblich subtilen Duett ergänzt. Was mundet dem Auge am besten?

 

Info

 

Carl Schuch und Frankreich

 

24.09.2025 - 01.02.2026

 

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 21 Uhr

im Städel Museum, Schaumainkai 63, Frankfurt am Main

 

Katalog 44,90 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Ein ganzer Raum im Städel Museum versammelt Bilder-Varianten von Carl Schuch (1846-1903) und Kollegen. Auch der berühmteste Spargelmaler der Moderne, Édouard Manet, ist hier vertreten. Sein Gemälde bewunderte der in Wien geborene Schuch 1884 auf einer Pariser Gedächtnis-Ausstellung für den kurz zuvor verstorbenen Franzosen. Manets karges, cooles Spargel-Stillleben, motivisch auf fast Nichts reduziert, muss ihn nachhaltig zum Wettstreit angestachelt haben: Schuch legte in verschiedenen Variationen nach.

 

Schule des vergleichenden Sehens

 

Hier wird ein Grundprinzip der Moderne deutlich: eine lockere, nahezu grobe peinture. Dadurch kommt das Materielle des Farbauftrags zur Geltung. Es wird quasi zur Hauptsache und stiehlt dem an sich belanglosen Gemüse regelrecht die Schau. Tatsächlich ist diese Retrospektive im Städel Museum eine Schule des Sehens; die Kuratoren setzen vor allem auf das vergleichende Schauen. Paul Cézanne, Claude Monet, Gustave Courbet und Eugène Delacroix sind nur die bekanntesten der hier vertretenen Künstler.

Feature zur Ausstellung. © Städel Museum


 

Es geht um reine Malerei

 

Kann sich Schuch behaupten inmitten so illustrer Konkurrenz? Ein früher Kritiker nannte ihn einen „Farbenhexenmeister“. Doch zu Lebzeiten hat der selbstkritische Schuch fast nie ausgestellt. Eine Erbschaft machte ihn wirtschaftlich unabhängig; der Junggeselle hatte keine Existenzsorgen. Schuch lebte lange ungebunden und rastlos; er heiratete erst 1894. Immer herumreisend, suchend und experimentierend, sammelte er Seh-Eindrücke, stets auf der Spur nach dem perfekten Farbklang im Gemälde. Nie war er zufrieden mit dem Ergebnis.

 

Schuch las auch viel, etwa neueste Forschung über Optik und menschliche Wahrnehmung. Seine Notizbücher füllte er mit kryptischen Pigment-Angaben und Farbton-Analysen. Hartnäckig studierte er Werke von Zeitgenossen und Alten Meistern, um deren Palette auf die Schliche zu kommen. Dabei wollte er sie nicht kopieren, im Gegenteil: Schuch suchte eine eigene, unvoreingenommene Perspektive. Ob öde Sandkuhle oder bemooste Ufersteine: Welches Motiv ein Bild zeigte, war Schuch nur insofern wichtig, als es ihn malerisch reizen musste. Dabei durfte es nicht zu spektakulär sein; es ging es ja um Malerei, um reine Malerei.

 

Im Freien zur eigenen Handschrift

 

Schuch zählte zur selben Künstler-Generation wie Max Liebermann und Paul Cézanne. Das Akademie-Studium gab er nach zwei Semestern auf und nahm Privatstunden. Mit seinem Lehrer Ludwig Halauska entdeckte er die frühe Freilichtmalerei, anfangs noch auf feinmalerische Weise. Draußen in der freien Natur arbeiten, das behagte ihm!

 

Man sieht es seinen Ansichten von beschneiten Alpenhöhen oder Felsen der römischen Campagna an. Dazwischen sind Werke von Camille Corot und anderen führenden Landschaftsmalern der Epoche zu sehen. Sie belegen: Noch hatte Schuch keine individuelle Handschrift, aber das änderte sich bald.

 

Stillleben-Malerei im Winterquartier

 

In München schloss er sich vorübergehend dem Kreis der Realisten um Wilhelm Leibl an; ihnen war genaues Hinschauen wichtig. Mit Wilhelm Trübner freundete Schuch sich näher an. Oft malten sie Seite an Seite dasselbe Motiv, wie im Wettkampf. Sein Freund Trübner hat ihn auch porträtiert: randlose Brille, nüchterner Blick – der junge Maler lässt sich nicht in die Karten schauen.

 

Schuch begann also mit Landschaften und blieb ihnen zeitlebens treu. Die Stillleben-Malerei diente ihm eigentlich nur dazu, während der kalten Wintermonate zu üben, neue Maltechniken zu erproben und sich vorzubereiten für das Arbeiten im Freien. Dieses Ziel verband ihn mit den Pariser Impressionisten und deren Vorläufern, den Malern der Schule von Barbizon. Auch ihre Werke sind in der Ausstellung vertreten: Wie ihr Titel besagt, liegt ihr Augenmerk besonders auf Schuchs Auseinandersetzung mit den Franzosen. Zwölf Jahre hat der Künstler in Paris gelebt.

 

Paris als „Curort des Geistes“

 

Zuvor verbrachte er sechs Jahre in Venedig. Dort richtete er sich nahe des Canal Grande ein großzügiges Atelier ein, besuchte häufig Bordelle, verfiel aber trotzdem oder gerade deswegen der Melancholie. Gegen den Sumpf der Lagunenstadt sei Paris „der klimatische Curort des Geistes“, so Schuch. Im Fin de Siécle brodelte die Metropole vor Anregungen; sie galt als Nabel der modernen Kunstwelt. Fleißig besuchte Schuch die dortigen Museen und Galerien; zur Sommerzeit reiste er von hier per Eisenbahn durch halb Europa.

 

Trotz aller pleinair-Bemühungen: Schuch brillierte am meisten mit seinen Stillleben. Die Gattung galt zwar traditionell als minderwertig, mauserte sich aber im 19. Jahrhundert zum Experimentierfeld für Neuerungen. Dabei lief Schuch zur Hochform auf: Nie wurde er müde, ein paar rotwangige oder gelbe Äpfel auf der Leinwand festzuhalten. Ein paar Knoblauchzehen mit schlappem Grün setzte er so subtil ins Bild, dass es schlichtweg hinreißend ist; ebenso Kürbisse und Melonen.

 

Symphonie der grauweißen Frischkäse

 

Eines seiner Lieblingsmotive waren die typisch französischen Ziegenfrischkäse mit samtigem Edelschimmel-Pelz. Er arrangierte sie, aufgestapelt unterm transparenten Glassturz, auf glattem weißen Goldrand-Porzellan – und verwandelte damit die kleinen Laibe in eine exquisite Graustufen-Delikatesse. Grau und Weiß liebte Schuch ohnehin besonders. Er fand beide Nichtfarben unverzichtbar, um Rot, Orange oder Grünblau umso stärker leuchten zu lassen. Abstufungen und Kontraste tarierte der Maler so lange aufs Feinste aus, bis endlich alle Pinselstriche die angestrebte Harmonie ergaben.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Cézanne – Metamorphosen" – ambitionierte Thesen-Schau in der Staatlichen Kunsthalle, Karlsruhe

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Impressionismus – Die Kunst der Landschaft" - erstklassige Überblicksschau im Museum Barberini, Potsdam

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Monet und die Geburt des Impressionismus" mit Arbeiten von Claude Monet + Édouard Manet im Städel Museum, Frankfurt/ Main

 

und hier einen Artikel über die Ausstellung "Manet – Sehen: Der Blick der Moderne" – hervorragende Werkschau von Édouard Manet in der Hamburger Kunsthalle

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Camille Corot: Natur und Traum" über den bedeutendsten französischen Landschaftsmaler des 19. Jh. in der Staatlichen Kunsthalle, Karlsruhe

 

Als Materiallager legte sich Schuch ein Arsenal von Zinnkrügen, Kupferkesseln und Tongefäßen zu; sie tauchen wiederholt in seinen Werken auf. Einen sehr ähnlichen, mit Stroh umflochtenen Ingwertopf wie Schuch besaß und malte Paul Cézanne – doch trotz aller Gemeinsamkeiten zeigt sich im Direktvergleich, wie unterschiedlich beide arbeiteten.

 

Kein deutscher Cézanne

 

Oft wird Schuch als „deutscher Cézanne“ tituliert, aber das stimmt nicht. Cézanne suchte geometrische Klarheit und umrandete jeden Apfel mit dunkler Kontur. Er baute und strukturierte seine Gemälde in der Fläche; seine Bildgefüge wirken abstrakter. Bei Schuch dagegen bleibt immer die tastbare Materialität der Dinge spürbar, ihre Glätte oder Rauheit, ihr Glanz oder Schimmern. Zudem malte er weicher und löste alles in Bündel von Pinselstrichen auf. Ob die beiden Künstler sich je begegnet sind, ist ungeklärt; ebenso, ob Schuch je Gemälde seines Kollegen gesehen hat.

 

So fällt die Gegenüberstellung zwischen Schuch und den Franzosen ganz verschieden aus; je nachdem, mit wem man ihn vergleicht. Am nächsten verwandt ist die Malweise von Manet. Anders bei Monet: Die grell aufgehellte Palette der Impressionisten war Schuchs Sache nicht. Zwar lag auch ihm das offene, lockere Pinseln und Spachteln.

 

Den Dingen Dauer geben

 

Doch flüchtige Momente einzufangen, interessierte ihn nicht. Er wollte den Dingen wieder Dauer geben. Also dämpfte Schuch die Helligkeit und ließ den Hintergrund wie auf Werken Alter Meister im Dunkel verschwimmen, ohne dass zu viel Licht die Stille überstrahlt. So wird anschaulich: Nach langem Suchen hat Schuch seinen unverwechselbaren Stil gefunden.