Kaouther Ben Hania

Die Stimme von Hind Rajab

Omar (Motaz Malhees) mit einem Foto von Hind Rajab. Foto: © Mime Films - Tanit Films / Studiocanal GmbH
(Kinostart: 22.1.) Tod in Gaza: Die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania rekonstruiert das Sterben des palästinensischen Mädchens Hind Rajab in einem erschütternden Kammerspiel. Ohne jegliche Kontextualisierung der Filmhandlung bedient der Film allerdings nur Tunnelblick und Betroffenheitsreflexe.

Es ist fast auf den Tag genau zwei Jahre her, dass die Mitarbeiter des palästinensischen Roten Halbmondes in Ramallah (Westjordanland) den Hilferuf eines zu Tode verängstigten kleinen Mädchens empfingen. Das Auto ihrer Familie geriet auf der Flucht vor den in Gaza-Stadt vorrückenden israelischen Streitkräften unter Beschuss.

 

Info

 

Die Stimme von Hind Rajab

 

Regie: Kaouther Ben Hania,

89 Min., Tunesien/ Frankreich/ Großbritannien/ USA 2025;

mit: Amer Hlehel, Clara Khoury, Motaz Malhees, Saja Kilani

 

Weitere Informationen zum Film

 

Während ihre Verwandten die Attacke nicht überlebten, flehte Hind Rajab noch rund drei Stunden um Hilfe, bevor ihre Stimme für immer verstummte. Die Tonaufnahmen des Notrufs wurden damals vom Roten Halbmond veröffentlicht – dem islamischen Pendant zum Internationalen Roten Kreuz. Sie schlugen vor allem in der englischsprachigen Presse hohe Wellen.

 

Widersprüchliche Darstellungen

 

In den deutschen Medien wurde der Fall dagegen kaum beachtet. Auch zwei Sanitäter, die mit einem Krankenwagen zu ihr unterwegs waren, wurden tödlich getroffen. Das israelische Militär bestritt im Nachhinein eine Beteiligung seiner Truppen an diesem Vorfall. Untersuchungen der Washington Post und von Sky News bezweifeln diese Darstellung.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Symbolfigur des palästinensischen Kampfes

 

Nach Hind Rajab wurde in der Folge eine in Belgien ansässige Stiftung benannt. Diese Hind-Rajab-Stiftung macht es sich zur Aufgabe, israelische Armeeangehörige, die sich privat im Ausland befinden, der Beteiligung an etwaigen Kriegsverbrechen anzuklagen. Nach Recherchen der Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“ stehen die beiden Gründer der Stiftung der Hamas nahe.

 

Für die pro-palästinensische Bewegung ist der Name des getöteten Mädchens mittlerweile zu einem Symbol geworden. Die tunesische Filmemacherin Kaouther Ben Hania verarbeitet nun die realen Notfallrufe in ihrem Spielfilm „Die Stimme von Hind Rajab“. Bereits im Vorgängerfim „Olfas Töchter“ (2023) über Tunesierinnen, die sich der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ anschlossen, ließ sie die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion auf komplexe Weise verschwimmen.

 

Alarmzustand auf engstem Raum

 

Ihr neuer Film spielt ausschließlich in der Notrufzentrale des palästinensischen Roten Halbmondes. Sein auf wenige Personen beschränktes Personal orientiert sich ebenfalls an realen Vorbildern: Rana Hassan Faqih (Saja Kilani) und Omar A. Alqam (Motaz Malhees) halten den telefonischen Kontakt zu Hind. Die junge Rana war eigentlich schon am Ende ihrer Schicht auf dem Sprung nach Hause, als der Notruf eintraf.

 

Ihr Kollege Omar macht dem Koordinator Mahdi M. Aljamal (Amer Hlehel) Druck, endlich einen Rettungswagen zu der Fünfjährigen zu schicken. Mahdi hat die schwere Aufgabe, die Rettungsaktion vom sicheren Ramallah aus zu koordinieren – Gaza ist etwa 100 Kilometer weit weg. Obwohl ein Krankenwagen in Gaza-Stadt nur wenige Fahrminuten entfernt ist, müssen die Retter warten, bis die israelische Armee eine Route freigibt, um nicht selbst beschossen zu werden.

 

Emotional kaum zu ertragen

 

Die Halbmond-Leute verhandeln jedoch nicht direkt mit den Streitkräften, sondern müssen verschiedene vermittelnde Instanzen einschalten. Das dauert. Mehrmals muss die Teamchefin Nisreen Jeries Qawas (Clara Khoury) zwischen dem impulsiven Omar und dem regelorientierten Mahdi vermitteln. Zwischen die Gespräche und sich zuspitzenden Konflikte in der Halbmond-Zentrale werden immer wieder die realen Notrufe von Hind Rajab geschnitten.

 

Das Ensemble agiert sehr intensiv; es macht den Druck und die enorme psychische Belastung fühlbar, unter welchen das Rettungs-Team damals stand. Alle wirken, als ständen sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Kaouther Ben Hania schont ihr Publikum nicht. Emotional ist ihr Film, für den sie beim Filmfestival von Venedig mit dem Silbernen Löwen geehrt wurde, kaum zu ertragen.

 

Flammende Anklage

 

Das Schicksal von Hind Rajab als Beispiel vorführend, ist Ben Hanias Doku-Drama eine flammende Anklage des Leidens des palästinensischen Volkes und der vielen unbekannten Opfer – laut einem UNICEF-Report vom Oktober 2024 kamen schätzungsweise 14.000 palästinensische Kinder im Gaza-Krieg ums Leben.

 

Die halbdokumentarische Machart des Filmes verstärkt dabei den Eindruck, man bekäme hier einen Einblick in die Realität des Kriegsalltags zu sehen, obwohl es nur ein kleiner Ausschnitt ist. Jeglicher Kontext des Vorfalls wird außen vor gelassen. Man schaut quasi aus der Ameisenperspektive auf den hochkomplexen israelisch-palästinensischen Konflikt.

 

Einseitige Aufarbeitung einer Tragödie

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Olfas Töchter"eindrucksvolles Dokudrama über zwei Töchter in Tunesien, die sich dem "Islamischen Staat" anschließen, von Kaouther Ben Hania

 

und hier eine Besprechung des Films "Der Mann, der seine Haut verkaufte" – präzis-groteske Kunstbetriebs-Satire von Kaouther Ben Hania

 

und hier einen Beitrag über den Film "To a Land Unknown" - eindringliches Palästineser-Flüchtlings-Drama von Mahdi Fleifel.

 

Dabei beeindruckten zwei Vorgängerfilme der Regisseurin – neben „Olfas Töchter“ auch die Flüchtlings-Kunstmarkt-Satire „Der Mann, der seine Haut verkaufte“ (2020) – gerade durch ihre differenzierte und vielschichtige Herangehensweise. Die lässt ihr aktuelles Werk vermissen. Bei aller verständlichen Trauer und Entrüstung bestätigt die Aufarbeitung der Tragödie doch eher vorgefasste Positionen, als dass sie sie hinterfragen würde.

 

Hintergründe der Ereignisse oder neue Einsichten erfahren die Zuschauer jedenfalls nicht. Und so bleibt am Ende die Frage: Warum sollte man sich diesen Film anschauen? Um sich selbst in der Meinung zu bestätigen, dass die israelische Armee fürchterliches Unrecht begangen hat? Um das Leiden der Palästinenser anzuerkennen?

 

Emotion + Propaganda

 

„Die Stimme von Hind Rajab“ ist ein Film, der stark emotionalisiert und darauf abzielt, Wut, Empörung und Betroffenheit zu wecken. Mögliche friedliche Zukunftsszenarien zwischen beiden Völkern kann man sich danach eher nicht vorstellen.