
Es war doch schlicht ein Unfall. So etwas passiere eben, wenn Gott es wolle, erklärt die Mutter ihrer kleinen Tochter. Die ist untröstlich, dass ihr Vater (Ebrahim Azizi) gerade einen Hund überfahren hat und findet, dass Gott damit nichts zu tun hat – worauf ihre Eltern zunächst keine Antwort haben.
Info
Ein einfacher Unfall
Regie: Jafar Panahi,
106 Min., Iran/ Frankreich 2025;
mit: Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, Mohamad Ali Elyasmehr
Fraglicher Amputations-Zeitpunkt
Er folgt Eghbal und entführt ihn in die Wüste. Als dieser dort sein eigenes Grab schaufeln soll, gelingt es ihm, bei Vahid Unsicherheit zu wecken. Er sei nicht der Gesuchte, versichert Eghbal: Schließlich sei sein Bein erst vor kurzem amputiert worden; Vahids Inhaftierung hingegen liege offenbar länger zurück. Der reagiert, indem er Eghbal ausknockt und in seinem Lieferwagen versteckt. Zurück in Teheran, sollen andere Ex-Gefangene Vahids Zweifel ausräumen.
Offizieller Filmtrailer
Fünf uneinige Traumatisierte
Das Problem ist: Alle haben lediglich sensorische Erinnerungen an den Folterknecht – wie er roch, wie seine Stimme klang oder wie sich das amputierte Bein anfühlte, mit dem der Kriegsveteran gern prahlte. Wie Eghbal aussieht, weiß allerdings keiner. Fortan bilden die fünf Menschen, die Vahid nacheinander aufsucht, eine Schicksalsgemeinschaft, die wenig verbindet – außer traumatische Erfahrungen.
Daher sind sie sich keineswegs einig, was nun folgen soll. Hitzkopf Hamid (Mohamad Ali Elyasmehr) will Rache um jeden Preis; das lehnt die Fotografin Shiva (Mariam Afshari) ab, weil sie es sinnlos findet. Zwischen diesen beiden Positionen bewegt sich ein Hochzeitspaar in spe, das Shiva eigentlich fotografieren soll: Der Braut Goli (Hadis Pakbaten) wurde in besagtem Gefängnis einst mit Vergewaltigung gedroht.
Schmaler Grat zwischen Abgründen + Komik
Aus dieser Konstellation entwickelt Regisseur Jafar Panahi ein klassisches Stationendrama, das sich auf einem schmalen Grat zwischen abgründigen Momenten und komischen Elementen bewegt – letztere wirken bisweilen irritierend. Zudem gerät das Dilemma, in dem das Quintett steckt, bei ihrer Odyssee durch Teheran und ins Umland der Hauptstadt oft aus dem Fokus. Lange bleibt unklar, ob der Gekidnappte wirklich Eghbal ist, worüber die Fünf ausgiebig streiten.
Dagegen kommen moralische und politische Fragen, die sich daraus ergeben, etwas zu kurz: Was kann Rache erreichen? Ist es sinnvoll, Handlanger eines diktatorischen Systems zur Rechenschaft zu ziehen, wenn die Machtstrukturen weiterbestehen? Bei den diesjährigen Festspielen in Cannes wurde Panahis Film trotzdem mit der Goldenen Palme prämiert.
Schmiergeld per Kreditkarte zahlen
So kurzweilig manche humorig surrealen Momente des Films auch sind: Bisweilen hinterlassen sie einen schalen Nachgeschmack – insbesondere, wenn sie wie Slapstick in Szene gesetzt werden. Etwa wenn die künftige Braut im weißen Hochzeits-Kleid versucht, gemeinsam mit allen Anderen den Lieferwagen anzuschieben. Stimmig wirken die komödiantischen Einschübe eher, wenn sie Schlaglichter auf kafkaesk anmutende Willkür und grassierende Korruption werfen: So zücken zwei Wachleute ein Kartenlesegerät, als die Truppe nicht genug Bargeld dabei hat, um sich aus einer heiklen Situation freizukaufen.
Filmemachen trotz Verbot
An die Wucht von Mohammad Rasulofs „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ (2024), der Chronik des Zerfalls der Familie eines Staatsanwalts, kommt Panahis Film jedoch nicht heran. Obwohl er wichtige Fragen aufwirft; geht es doch nicht nur um reale Gefängnisse, sondern auch um seelische. Folgt auf eine Entmenschlichung der Opfer fast zwingend, dass sie später die Täter unmenschlich behandeln, sofern sie dazu die Gelegenheit bekommen? Wie sollen sie damit umgehen, dass viele Mörder noch frei herumlaufen werden, wenn das Regime gestürzt ist, dem sie dienten? Derartige Überlegungen sind nicht nur im Iran relevant.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Drei Gesichter" – vielschichtiges Road Movie in der iranischen Provinz von Jafar Panahi
und hier eine Besprechung des Films "Taxi Teheran" – warmherziger Berlinale-Siegerfilm 2015 von Jafar Panahi
und hier einen Beitrag über den Film "Die Saat des heiligen Feigenbaums" – beklemmend präzise Chronik des Zerfalls der Familie eines Diktatur-Schergen von Mohammad Rasoulof
und hier einen Bericht über den Film "Manuscripts don't burn" – lakonische Parabel über Geheimdienst-Morde im Iran von Mohammad Rasoulof.
Persönliche Knast-Erfahrungen
Danach gelangen ihm die vielschichtigen, halbdokumentarischen Gesellschaftspanoramen „Drei Gesichter“ (2018) und „Keine Bären“ (2022); beide wurden klandestin fertiggestellt und außer Landes geschmuggelt. Erstmals seit „Offside“ (2006) über Frauen, die verbotenerweise ein Fussballmatch im Stadion mitverfolgen, hat Panahi nun wieder einen klassischen Spielfilm gedreht.
„Ein einfacher Unfall“ ist jedoch mit persönlichen Erfahrungen unterlegt: Zwei Mal saß Panahi monatelang im berüchtigten Evin-Gefängnis ein, zuletzt im Jahr 2022. Da musste er eine Haftstrafe antreten, die bereits 2010 verhängt worden war, weil er sich politisch engagiert hatte. Ende 2025 wurde er in Abwesenheit erneut zu einem Jahr Gefängnis und einem zweijährigen Reiseverbot wegen „Propaganda gegen den Iran“ verurteilt; die Berufung läuft noch.
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