Berlin

Max Ernst bis Dorothea Tanning: Netzwerke des Surrealismus – Provenienzen der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch

Dorothea Tanning: Spannung (Detail), 1942, Öl auf Leinwand, 29 x 30,9 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie, Foto: Jochen Littkemann, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Fotoquelle: Staatliche Museen zu Berlin
Klein, aber fein: Der Geburtstagsgruß der Neuen Nationalgalerie zum 100. Jahrestag des surrealistischen Manifests bietet nur 26 Exponate auf. Doch die werden blendend präsentiert: als Beispiele für das dichte Beziehungsgeflecht der Künstler untereinander – fast jedes Werk trägt Zeichen seines Werdegangs.

Nicht nur Menschen können schillernde Biografien haben, sondern auch Kunstwerke. Zum Beispiel das Gemälde „Düsterer Wald und Vogel“ von Max Ernst: 1927 stellte es der belgische Kunstsammler Paul-Gustave van Hecke in seiner Galerie „L’Epoque“ in Brüssel aus. Dann ging es an den Künstler E. L. T. Mesens, der es später als Direktor der „London Gallery“ mit nach Großbritannien nahm.

 

Info

 

Max Ernst bis Dorothea Tanning:
Netzwerke des Surrealismus

 

Provenienzen der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch

 

17.10.2025 - 01.03.2026

 

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

in der Neuen Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, Berlin

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Nachdem das Werk dort mehrfach den Besitzer gewechselt hatte, gelangte es über die Fondation Beyeler in Basel, das Indiana University Art Museum in Bloomington, die Pariser The Roc Group und weitere Stationen in der Schweiz schließlich um 2006 in die Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch. Allein dieser Werdegang könnte den Stoff für einen Roman abgeben. Man sieht: Die Provenienzforschung, die seit 2023 mehr als 100 Werke der Kollektion untersucht hat, um sicherzustellen, dass es sich bei ihnen nicht um Raubkunst handelt, hat ganze Arbeit geleistet.

 

Wald als hermetischer Block

 

Mindestens genauso spannend ist das Motiv des Gemäldes – was es über Max Ernst und den Surrealismus zu berichten weiß. Im Zentrum steht der titelgebende „Düstere Wald“: ein hermetischer Block aus vertikalen Streifen in Grün- und Brauntönen, aus dem ein abgestürzter Vogel herausblickt. Der erratische Wald symbolisiert ein Grundthema des Surrealismus: das Unterbewusste, dessen kreatives Potenzial Ernst und seine Mitstreiter sich zunutze machen wollten.

Impressionen der Ausstellung


 

Anspielung auf Toteninsel

 

Der Vogel, der sich wie ein Leitmotiv durch das Schaffen von Max Ernst zieht, steht wiederum für den Künstler selbst, der immer wieder Neues ausbrütet. Wobei der leuchtend weiße Mond-Ring, der über dem Wald aufgeht, auch eine Referenz an die deutsche Romantik ist, die viele Surrealisten beflügelt hat; diese Traditionslinie hat die Hamburger Kunsthalle im Herbst 2025 grandios veranschaulicht.

 

Obendrein spielt Ernsts Komposition auf ein Hauptwerk des Symbolismus an: die „Toteninsel“, von der Arnold Böcklin zwischen 1880 und 1886 fünf Versionen malte. Nicht ganz so dicht mit Verweisen versehen sind die übrigen Exponate der Ausstellung – von den „Zwei Frauen“ (1939) der argentinisch-italienischen Malerin Leonor Fini bis zur fast abstrakten Bronzeplastik „Sitzender Mann mit Gitarre“ (1922) von Jacques Lipchitz.

 

Markante + wegweisende Arbeiten

 

Nur 26 Gemälde und Skulpturen umfasst die Schau in der Neuen Nationalgalerie. Doch es handelt sich ausnahmslos um markante, oft im Kontext des Surrealismus wegweisende Arbeiten – teils von Weltstars wie Salvador Dalí, René Magritte oder Joan Miró; teils von weniger berühmten Künstlern, die aber ebenfalls einen prononcierten Stil aufwiesen, wie etwa Victor Brauner, Oscar Domínguez, Roberto Matta oder Wolfgang Paalen.

 

Die Exponate geben einen repräsentativen Überblick über die stilistische Bandbreite des Surrealismus. Sein Beginn als organisierte Bewegung wird meist auf die Veröffentlichung des „Ersten surrealistischen Manifests“ 1924 durch André Breton datiert. Rasch fand die literarisch-künstlerische Strömung Zulauf, zunächst im Paris der 1920er Jahre. Bald entstanden Ableger in anderen europäischen Metropolen, etwa in Brüssel, Prag oder London. Diese Gruppierungen wurden durch Freundschaften, Liebes- oder Geschäftsbeziehungen zum internationalen Netzwerk.

 

Wie Familientreffen der Surrealisten

 

Dieses Geflecht zeichnet die Neue Nationalgalerie nicht nur mit sorgsam ausgewählten Werken, sondern auch aussagekräftigen Schaubildern voller Erläuterungstexten und Fotografien nach. Als wäre es ein Familientreffen der Surrealisten: einerseits auf Gruppenfotos, andererseits durch die Konstellation der gezeigten Arbeiten.

 

Vor allem von Max Ernst mit seinen Künstler-Frauen: Seine Geliebte Leonora Carrington steuert ihr Bild „Laufen Sie, meine Damen, ein Mann ist im Rosengarten“ (1948) bei. Seine vierte Gattin Dorothea Tanning ist mit ihrem effektvollen Gemälde „Spannung“ (1942) vertreten: Der blonde Zopf einer gesichtslosen Frau mit blankem Oberkörper mündet in ihre linke Brustwarze wie in eine Steckdose, beobachtet von einem Lorgnon mit separatem Augenpaar.

 

Stempel erzählen Bild-Geschichten

 

Auf dem Bild „Gala, Max und Paul“ (1923) von Max Ernst taucht wiederum eine frühere Geliebte auf. Die Russin Elena Ivanovna Diakonova, genannt Gala, war zeitgleich Gemahlin von Paul Éluard und sollte später die Ehefrau von Salvador Dalí werden. Dabei stachelte die willensstarke Muse ihre jeweiligen Partner zu produktivem Fleiß an.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Rendezvous der Träume – Surrealismus und deutsche Romantik" – exzellent präsentierte Themenschau zum 100. Jahrestag der Bewegung in der Hamburger Kunsthalle

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Fotogaga: Max Ernst und die Fotografie" – facettenreiche Surrealismus-Schau im Berliner Museum für Fotografie

 

und hier einen Artikel über die Ausstellung "Fantastische Frauen – Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo" mit Werken von Dorothea Tanning und Leonor Fini in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main

 

und hier einen Bericht über den Film "Leonora im Morgenlicht" – gelungenes Biopic über die surrealistische Künstlerin Leonora Carrington + Max Ernst von Thor Klein + Lena Vurma

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Aber hier leben? Nein danke Surrealismus + Antifaschismus" ambitionierter Epochen-Überblick im Lenbachhaus, München.

 

Derweil zeugen viele Bilder auch von den Verwicklungen der Zeitgeschichte – ganz konkret ablesbar an den Etiketten, Stempeln, Zollvermerken oder Inventarnummern auf der Rückseite der Leinwände. Die NS-Diktatur und die deutsche Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg zwangen zahlreiche jüdische oder als entartet verfemte Künstler, aber auch Sammler und Händler zur Flucht. Viele gingen ins Exil in die USA oder nach Mexiko.

 

Bilder ins Exil verschifft

 

Andere, die keine Visa bekamen, mussten sich in Europa verstecken, wobei ihnen das Netzwerk der Surrealisten häufig half, zu überleben. Zugleich traten ihre bedrohten Werke mitunter abenteuerliche Reisen an. So verschiffte der jüdische Galerist Paul Rosenberg zum Beispiel das großformatige Gemälde „Massacre“ (1931), in dem André Masson das Grauen des Ersten Weltkriegs in geradezu kubistischen Formen und mit überraschend heiteren Farben darstellt, von Paris nach New York, um es vor dem Zugriff der Nazis zu retten.

 

Auch Massons „Der Jäger“ (1927), ein Hochformat mit zwei Gestalten, an denen Blut heruntertropft, war bedroht. Ursprünglich gehörte es dem jüdischen Kunstsammler und Galeristen Alphonse Kann. Doch ein rotes Kreuz auf der Rückseite signalisiert: Es sollte nach dem Willen von NS-Schergen, die in Paris Kunstwerke zusammenraubten, vernichtet werden. Dazu kam es nicht: „Der Jäger“ wurde gerettet, der mittlerweile in London lebende Kann erhielt das Bild 1947 zurück.

 

Vorgeschmack auf „Berlin Modern“

 

So hat jede der 26 Arbeiten ihren eigenen, mehr oder weniger spannenden Werdegang. Gemeinsam betrachet, bietet das tiefe Einblicke in den Verlauf des Surrealismus, seine Verflechtungen und Rezeption. Darüber hinaus ist die Ausstellung ein Vorgeschmack für das im Bau befindliche Museum „Berlin Modern“: Wenn es wie geplant 2029 fertig sein sollte, wird die Sammlung Pietzsch dort noch wesentlich umfassender vertreten sein.