Hape Kerkeling + Christoph Maria Herbst

Extrawurst

Mit Pommes und scharfer Soße, bitteschön - guten Appetit! Foto: © Studiocanal GmbH
(Kinostart: 15.1.) Halal in Lengenheide: In seiner Adaption einer Boulevardkomödie lotet Regisseur Marcus H. Rosenmüller die Abgründe in einem Tennisclub aus. Ein Streit ums richtige Grillen wird dank hochkarätiger Besetzung zum entlarvenden Exempel, das verhärtete Fronten einlädt, über sich selbst zu lachen.

Gesellschaftliche Verwerfungen in einem abgegrenzten Mikrokosmos abzubilden, ist im Kino ein probates dramaturgisches Mittel. Noch länger und häufiger üblich ist es im Theater. Eines der Stücke, die damit in den letzten Jahren am erfolgreichsten waren, ist „Extrawurst“; verfasst von den Comedy-Autoren Moritz Netenjakob und Dietmar Jacobs. Ihre Sittenkomödie wird vor allem auf Boulevardbühnen gezeigt. Nun auch im Kino: Die hochkarätig besetzte Adaption von Regisseur Marcus H. Rosenmüller kann es durchaus mit französischen Culture-Clash-Komödien aufnehmen.

 

Info

 

Extrawurst

 

Regie: Marcus H. Rosenmüller,

98 Min., Deutschland 2025;

mit: Hape Kerkeling, Christoph Maria Herbst, Fahri Yardim, Anja Knauer, Friedrich Mücke, Gaby Dohm 

 

Weitere Informationen zum Film

 

Sie spielt im Mikrokosmos des Tennisclubs von Lengenheide; dort ist die Welt noch in Ordnung. Seit 25 Jahren wacht Vorsitzender Heribert Bräsemann (Hape Kerkeling) über den gemütlichen Vereinsfrieden. Seine jährliche Wiederwahl ist nur eine Formalität; unterstützt wird er dabei von seinem eifrigen Stellvertreter Matthias (Friedrich Mücke). Auch der Beschluss über die Anschaffung eines modernen Grills für das Vereinsheim wird schnell und einstimmig gefasst. 

 

Melanie hat eine Idee

 

Doch dann hat Neumitglied Melanie (Anja Knauer), die mit ihrem Ehemann Thorsten aus Berlin in die Provinz gezogen ist, eine Idee: Für ihren Doppel-Partner Erol (Fahri Yardim), den einzigen muslimischen Spieler im Verein, solle ein zweiter Rost bereitgestellt werden. Schließlich kommt in Lengenheide meist Schweinefleisch auf den Grill; das widerspricht den Ernährungs-Vorschriften des Islam. Was eigentlich als gute Geste gemeint ist, ufert in einen handfesten Streit aus, bei der gegensätzliche Positionen und unterdrückte Ressentiments zutage treten. Bald geht es um viel mehr als nur einen Grill.

Offizieller Filmtrailer


 

Matthias will die Macht

 

Unter Melanies Gegnern teilt Heriberts rechte Hand, der Kleinunternehmer Matthias (Friedrich Mücke), am meisten aus. Angefeuert von seiner im Rollstuhl sitzenden Mutter (Gaby Dohm), strebt er heimlich nach der Macht, also dem Vorsitz im Verein. Gegen den jovialen Gemütsmenschen Heribert hat er aber keine Chance. Erol (Fahri Yardim), der seit seiner Kindheit im Verein spielt und sich bisher nie über Diskriminierung beschwert hat, wiegelt zunächst ab und möchte keine Sonderbehandlung.

 

Melanie (Anja Knauer) lässt aber nicht locker; so wird eine Eskalation unvermeidlich. Vor allem im Disput mit Erol entlarvt sich Matthias als rassistischer Kleinbürger. Das gibt Erol endlich die Gelegenheit, sich wegen lange unterdrückter Verletzungen Luft zu machen. Seine Verstimmung überrascht vor allem den harmoniebedürftigen Heribert. Wie im Treibhaus prallen nun zwischen Vereinslokal und angeschlossener Tennishalle Gutmenschen-Argumente auf rechte Wutbürger-Phrasen.

 

Heribert schmeißt hin

 

Die sarkastischen Sprüche von Werbetexter Torsten (Christoph Maria Herbst) feuern den Disput noch an. So wird erbittert über Religion, Atheismus, deutsche und türkische Herkunft und schließlich Vegetarismus gestritten. Heribert versucht erfolglos zu schlichten, doch nach den ersten Austrittsdrohungen schmeißt er den Vorsitz hin. Seine übliche Maxime „Punkt, aus, Streusand drauf“ richtet hier erst einmal nichts mehr aus.

 

Dass die Uraufführung des Stücks bereits 2019 stattfand, ist vor allem den Dialogen anzumerken. Sie spiegeln den gesellschaftlichen Tenor der Jahre vor der Corona-Pandemie und klingen aus heutiger Sicht fast moderat. Seitdem haben sich rechtsradikale Tendenzen und die Migrations-Debatte in Deutschland gleichermaßen verschärft. Das liberale Bürgertum, das um Ausgleich der konkurrierenden Positionen bemüht ist, tritt heutzutage kleinlauter auf und hat an Einfluss in der Öffentlichkeit verloren. Was dem Vergnügen an geschliffenen Dialogen und der sichtbaren Spielfreude des Ensembles keinen Abbruch tut.

 

Erol platzt der Kragen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Sommer der Gaukler" – über Proto-Klassenkampf in den Alpen von Marcus H. Rosenmüller

 

und hier einen Bericht über den Film "Contra"  Culture-Clash-Komödie im Uni-Milieu von Sönke Wortmann mit Christoph Maria Herbst

 

und hier eine Besprechung des Films "Die Barbaren - Willkommen in der Bretagne" Culture-Clash-Komödie von Julie Delpy

 

und hier einen Beitrag über den Film "Ein Dorf sieht schwarz" – originell-charmante Culture-Clash-Komödie über Afrikaner in der französischen Provinz von Julien Rambaldi.

 

Besonders Friedrich Mücke als wild gewordener Kleinbürger mit begrenztem Horizont und Hape Kerkeling als typisch rheinischer Gemütsmensch geben eine Glanzvorstellung. Als vernünftigster unter lauter Toren erweist sich dabei ausgerechnet Erol, der die Ernährungsvorschriften des Koran längst nicht so orthodox auslegt, wie alle meinen. Als er sich ein einziges Mal zu echten Emotionen hinreißen lässt, rechnet er vor seinen Vereinsmitgliedern mit den Fehlern der deutschen Migrationspolitik ab.

 

Darüber hinaus verleihen alle anderen Darsteller ihren stereotypen Figuren genug Substanz, um nicht als lächerliche Abziehbilder wirken. Interessant ist auch, dass Melanie als einzige tragende Frauenfigur es wagt, den lethargischen Frieden des Tennisclubs zu  stören. Ihr Vorstoß löst eine längst fällige Diskussion aus. Dabei sind ihre Motive rein privat: Eine Spielgemeinschaft im Doppel kann schon mal mehr als platonische Gefühle auslösen. Ihren aufgeklärten Großstadt-Gatten Torsten bringt das jedoch an seine Grenzen.

 

Burleskes Finale, brüchiger Frieden

 

Überhaupt stellt sich heraus, dass alle Kontrahenten letztlich menschlich verständliche Motive hegen; das macht eine zumindest oberflächliche Versöhnung möglich. Zwar wird dafür ein unnötig burlesker dramatischer Höhepunkt inszeniert, der alle aus Sorge um Heribert wieder zusammenführt. Doch bleibt zwischen den Streitenden immer noch vieles unausgesprochen, und die Schlusspointe legt nahe, dass der Frieden nicht lange halten wird: Da sich ein Mitglied überraschend als genderfluid geoutet hat, wird in in Lengenheide wohl demnächst über Toiletten gestritten.