Chloé Zhao

Hamnet

Hamnet (Jacobi Jupe) und sein Vater William Shakespeare (Paul Mescal) üben das Fechten. Foto: © 2025 Focus Features LLC
(Kinostart: 22.1.) Der Dichter ist abwesend: Regisseurin Chloé Zhao erzählt die Geschichte der Familie Shakespeare als herzergreifendes Melodram, in dem Jessie Buckley als Ehefrau Agnes ausdrucksstark brilliert. Erst am Ende zeigt die „Hamlet“-Premiere im „Globe Theater“, was ihr Gatte Will in London treibt.

Landleben in Südengland: Die Frau, die mit dem Falken auf dem Arm aus dem Wald tritt, ist für den jungen Hauslehrer Will (Paul Mescal) deutlich faszinierender und attraktiver, als den Kindern der Gegend Latein beizubringen. Er stellt sich ihr vor; nicht wissend, dass Agnes (Jessie Buckley) die ältere Tochter eines wohlhabenden Bauern ist. Ihre Anziehung ist gegenseitig; bald wird aus dem impulsiven Werben des jungen Will eine romantische Verbindung.

 

Info

 

Hamnet

 

Regie: Chloé Zhao,

125 Min., USA/ Großbritannien 2025;

mit: Paul Mescal, Jessie Buckley, Emily Watson, Joe Alwyn

 

Weitere Informationen zum Film

 

Im Örtchen Stratford-upon-Avon der 1580er Jahre eilt Agnes ein gewisser Ruf voraus. Die unabhängig auftretende, naturkundige Frau wirkt verdächtig in der gottesfürchtigen Gemeinde. Doch die beiden Außenseiter – die Waldhexe und der Tunichtgut – finden sich und gründen eine Familie. Wobei Will von seinem Vater, einem Handschuhmacher, als Taugenichts geringgeschätzt wird. Er wagt zu erwidern, dass er als Hauslehrer nur des Vaters Schulden abarbeite.

 

Nach London der Dichtkunst wegen

 

Anfangs läuft alles bestens. Agnes und Will leben harmonisch zusammen in seinem Elternhaus. Das Paar bekommt drei Kinder: zuerst die Tochter Susanna, dann die Zwillinge Judith und Hamnet. Doch das provinzielle Stratford wird dem nachts eifrig dichtenden Will bald zu eng; Agnes schlägt ihm vor, sein Glück in London zu versuchen. Mit Erfolg: Allerdings weigert sich Agnes beharrlich, ihm mit den Kindern dorthin zu folgen – sie kann der schmutzigen Großstadt wenig abgewinnen.

Offizieller Filmtrailer


 

Nichts Genaues weiß man nicht

 

Ein Biopic über einen Unbekannten: Über das Privatleben von William Shakespeare ist wenig gesichert – seit Jahrhunderten streiten darüber die Gelehrten. Weitgehender Konsens besteht darin, dass Shakespeare mit der acht Jahre älteren Anne Hathaway verheiratet war und mit ihr drei Kinder hatte. Die dürftige Quellenlage macht sich die irische Autorin Maggie O’Farrell zunutze, um in ihrem Roman „Hamnet“ (deutsch: „Judith und Hamnet“, 2020) eine fiktionales und intimes Porträt der Familie Shakespeare zu entwerfen. Ihr Buch diente als Vorlage für den Film.

 

Im Mittelpunkt steht eindeutig Agnes: Selbstbewusst trotzt sie dem Konformitätsdruck ihrer Umgebung – um den Preis, am Rande der kleinstädtischen Gesellschaft zu stehen. Das hat sie gemeinsam mit anderen Hauptfiguren der Filme von Regisseurin Chloé Zhao. Etwa der modernen Wanderarbeiterin im dreifach oscarpärmierten Drama „Nomadland“ (2020), dargestellt von Frances McDormand: Auch sie versucht, trotz aller Rückschläge selbstbestimmt ihr Leben zu gestalten.

 

Zu spät am Krankenbett

 

Für Agnes wird die Fernbeziehung erst zur Belastungsprobe, als ihre Tochter Judith an der Pest erkrankt. Die Tragödie spitzt sich zu, als zwar Judith wieder gesundet – sie aber zuvor ihren Bruder Hamnet angesteckt hat. Es dauert, bis diese schlechte Nachricht London erreicht; als Vater Will am Krankenbett seines Sohnes eintrifft, ist es zu spät. Zudem muss er aufgrund seiner Verpflichtungen rasch nach London zurückkehren – kein Wunder, dass ihm Agnes vorwirft, sie mit ihrer Trauer alleinzulassen.

 

Dieses über weite Strecken ergreifende, stellenweise herzzerreißende Melodram inszeniert Chloé Zhao ruhig und stilsicher, wobei sie auf Agnes als Dreh- und Angelpunkt dieser Liebes- und Familiengeschichte fokussiert. Am Ende bricht das Publikum mit ihr nach London auf, um zu sehen, was ihr Gatte dort zuwege bringt an seinem hauptstädtischen „Globe Theater“. Jetzt erst ändert die Regisseurin ihren Blickwinkel und richtet ihn auf Shakespeares künstlerisches Schaffen.

 

Egal, ob Hamnet oder Hamlet

 

Hintergrund

 

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und hier ein Bericht über den Film "Anonymus"  – Literatur-Thriller über Shakespeares Autorenschaft von Roland Emmerich

 

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und hier eine Besprechung des Films "Nomadland" über Überlebenskünstler in der US-Unterschicht von Chloé Zhao, prämiert mit drei Oscars 2021.

 

Nachdem er zuvor vor allem Komödien verfasst hat, findet er nun Verse und dramatische Konstellationen, um Schmerz, Verlust und Trauer auszudrücken – zumindest in den Augen von Romanautorin O’Farrell, die auf biografische Interpretation setzt.

 

Sie vertritt die These, dass wegen des damaligen Fehlens einer einheitlichen Rechtschreibung Hamnet und Hamlet fast ein und derselbe Name seien – der Tod seines eigenen Sohnes also Shakespeare zu seinem Drama inspiriert habe, in dem ein Königssohn seinen Vater überlebt. Doch für den Film ist das unerheblich, denn Will tritt erst im Finale als Dichter auf; vorher wird das nur angedeutet.

 

Jessie Buckleys furioses Charisma

 

Dagegen zeigt Regisseurin Zhao das Dasein im elisabethanischen Zeitalters mit geradezu naturalistischer Genauigkeit; die Ärmlichkeit des Lebens ebenso wie die strikte Sozialkontrolle. Als historischer Rahmen für ein Familienleben, das zeitlich und räumlich seltsam entrückt erscheint und kaum konkret verortet wird. Wie die Person von William Shakespeare: Er tritt als liebender Ehemann und Vater auf – doch woher seine phänomenale Begabung als Dichter und Dramatiker rührt, erfährt man nicht.

 

Indem er zurücktritt, wird der Raum frei für seine starke und eigenständige Ehefrau. Diese Agnes verkörpert Jessie Buckley derart furchtlos und furios mit charismatischer Präsenz, dass es einem beim Zuschauen zuweilen den Atem raubt. Zugleich hält sie liebevoll und warmherzig ihre Familie zusammen – bis sie sich gemeinsam mit ihrem Bruder Bartholomew (Joe Alwyn) auf nach London macht. Wenn beide die Premiere von „Hamlet“ miterleben, macht Agnes herzergreifende Reaktion intensiv erlebbar, welche kathartische Wirkung die Tragödie auf der Bühne auf sie entfaltet.