Hamburg

Huguette Caland: A Life in a few Lines

Huguette Caland: Rossinante Under Cover VII (Dragonfly), 2011. © Courtesy of Huguette Caland Estate. Fotoquelle: Deichtorhallen, Hamburg
Pulsierende Farben, fließende Linien, abstrakte Erotik: Die erste Retrospektive der 2019 verstorbenen libanesischen Künstlerin Huguette Clanad in der westlichen Welt eröffnet einen umfassenden Blick auf ein vielschichtiges künstlerisches Universum, das eben erst international entdeckt wird.

Um ihre Flügel auszubreiten ging Huguette Caland nach Paris, so erzählte die 1931 im heutigen Libanon geborene Künstlerin später. Und das tat Caland rebellisch und lebenshungrig, wie sie offenbar stets war. Ihr Ehemann und ihre drei Kinder, mittlerweile im Teenageralter, blieben in Beirut. Sie dagegen, in der französischen Metropole angekommen, füllte großzügige Leinwände mit sanft pulsierenden Farbübergängen. Hauchzartes Rosa oder Hellgelb dehnen sich, formen schwellende Volumina. Die lichten Töne nehmen partienweise enorm an Intensität zu, beginnen regelrecht zu glühen.

 

Info

 

Huguette Caland: A Life in a few Lines

 

24.10.2025 - 26.04.2026

 

täglich außer montags 11 bis 18 Uhr,

1. Donnerstag im Monat bis 21 Uhr

in den Deichtorhallen, Halle für aktuelle Kunst, Deichtorstr. 1-2, Hamburg

 

Katalog 45 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

„Bribes de corps“, also „Körperteile“, nannte die Caland ihre Serie. Pralle Erotik am Rande der Abstraktion? Die berühmt gewordene Bildfolge füllt einen ganzen Ausstellungsraum. Doch was heißt schon berühmt bei einer Künstlerin, deren Werk gerade erst international entdeckt wird. Auf der letzten Biennale von Venedig fiel ein abstraktes Gemälde Huguette Calands inmitten anderer Positionen der Moderne aus dem arabischen oder afrikanischen Raum durch dynamische Präsenz auf. Jetzt entfaltet dieser Strom aus farbkräftig sich ineinander schlingenden Mustern auf heller Leinwand in den Hamburger Deichtorhallen seine Suggestivkraft.

 

Ornament und Moderne

 

In diesem Frühwerk verbindet sich die große Tradition islamischer Ornamentkunst mit dem Appetit der Moderne auf eine Bildsprache ohne Bindung an die sichtbare Wirklichkeit. In Huguette Calands künstlerischem Universum haben beide Pole ihren Platz, das Figurative und das Gegenstandsfreie. Am stärksten ist die Künstlerin, wenn diese sonst oft scharf getrennten Kunstsphären in Austausch geraten und man gar nicht sicher sein kann, was eigentlich dargestellt ist. Dann beginnt ein aktives Sehen, das die Betrachter in unwägbare Bereiche führt.

Feature zur Ausstellung. © Deichtorhallen Hamburg


 

Organisatorischer Kraftakt

 

So wie bei den „Bribes de corps“. Sie werden oft als hocherotisch und ungewöhnlich freizügig wahrgenommen: als Hautfalten, geheimnisvolle Schlitze, Poritzen, Kniekehlen, Lippen, üppige Körperrundungen, supernah herangezoomt. Aber eindeutig ist hier nichts. Vor allem äußert sich in dieser Werkgruppe ein lustvoll ungehemmtes, uneingeschränktes Körper-Erleben, das keine Unterscheidung zwischen männlich und weiblich zulässt, und schon gar keine Hierarchien. So hielt Caland es auch im Privatleben: Über Konventionen setzte sie sich hinweg. Ihr Liebhaber ging im ehelichen Beiruter Haus offen ein und aus.

 

Fünf Jahrzehnte Schaffen umfasst diese erste Retrospektive der 2019 verstorbenen Künstlerin in der westlichen Welt. Die über 200 Werke teils aus Privatsammlungen in der krisengeschüttelten Nahostregion zusammenzubringen, war organisatorisch ein Kraftakt, wie Kuratorin Hannah Feldman berichtet. Viele Jahren Forschung stecken darin. Nach einer ersten Station in Madrid und der jetzigen in Hamburg reist die Schau, die auch Dokumentarmaterial wie Zeitschriften, Skizzenbücher, Farbtuben einbindet, weiter in die USA. Sie ehrt eine großartige Künstlerin.

 

Tochter des ersten Präsidenten

 

Caland beschloss erst mit 33 Jahren, einen künstlerischen Weg einzuschlagen. Erst nach dem Tod ihres Vaters, des ersten gewählten Präsidenten der Republik Libanon, fühlte sie sich dafür frei. Herangewachsen war die Tochter mit dem frankophilen Vornamen in einem politisch aktiven Umfeld und mit den Privilegien der Elite. Aber auch die hatte ihre starren Konventionen. Die christliche Oberschicht im kulturell brodelnden Beirut orientierte sich am Westen, auch in Sachen Mode und Körperideal. Schlanksein galt als modern, Leibesfülle als Signum vermeintlich rückschrittlicher arabischer Tradition.

 

Als die zu Üppigkeit neigende Huguette Caland in den 1960ern beschloss, statt figurbetonter Pariser Couture nur noch selbst geschneiderte Kaftane zu tragen, erklärte man die Präsidententochter für verrückt. Die angehende Künstlerin selbst empfand es als Befreiungsschlag, gegen einengende Regeln aller Art. Später entwarf sie in Paris für den Modezar Pierre Cardin eine Collection von eleganten Kaftanen. Er hatte vermutlich die zahlungskräftige Hautevolee der Golfstaaten im Blick.

 

Überragendes Gespür für fließende Linien

 

Auf ihrem „Selbstbildnis im Malerkittel“ von 1992 zeigt sich die Künstlerin lebensgroß, aber ohne Gesicht. Eine Leerstelle klafft unter der ergrauten Kurzhaarfrisur. Caland entzieht sich der Festschreibung durch Betrachterblicke. Ihr weißer Kittel aber ist übersäht mit bewegten Farbstrukturen, Ziffern und Schriftfetzen: ein Bild im Bild, gänzlich abstrakt. Das blutige Rot in Brusthöhe erinnert an ihr allererstes Gemälde. Das glühende Großformat „Soleil Rouge / Cancer“ von 1964 ist im selben Raum ausgestellt: Es verarbeitet den Krebstod des Vaters, malerisch schon erstaunlich reif. Mit Kunstkursen an der Amerikanischen Universität in Beirut hatte Caland sich anfangs geschult.

 

In ihren späteren Stilphasen verleibte sie sich wechselnde zeitgenössische Impulse ein, etwa die amerikanische Pop Art und die Minimal Art der 1970er Jahre. Auch der späte Surrealismus, der in Paris nie ganz aus der Mode kam, lässt grüßen. Kennzeichnend für ihre Arbeiten bleibt ein überragendes Gespür für die frei fließende Linie. Die Künstlerin stellte sich vor, wie sie einmal im Interview verriet, es gäbe nur eine einzige, imaginäre Linie im Universum. Jeder könne sie einfangen, für sich nutzen und dann wieder freilassen.

 

Provokanter Witz + düstere Collagen

 

„Flirt“ nannte sie eine Serie zarter, unscheinbarer Zeichnungen von 1972, eine Leihgabe der Londoner Tate. Geflirtet wird auf den kleinen Blättern zwischen Sexpartnern, und auch zwischen abstrakter Linie und abbildender Form. Nackte Körperumrisse ließ die Künstlerin später auch auf ihre hellen Kaftane sticken. Der mit der Ausführung beauftragte traditionelle Schneider in Beirut soll errötet sein, als er die Motive erkannte. Provokanter Witz blitzt auch in anderen Arbeiten der Künstlerin durch. Ihre edelsteinbunte Bildfolge „Homage to Pubic Hair“ („Schamhaar-Hommage“) macht sich mit feinen, kräuseligen Haarbüscheln über die herrschende Prüderie in den USA lustig: gänzlich unverschämt.

 

Aber Caland schuf auch stille, halb abstrakte Landschaften, wie schwebend ins Weiß großer Leinwände gesetzt. Sie entstanden im Limousin, wo sie mit ihrem damaligen Liebhaber lebte, dem rumänischen Bildhauer Georghe Apostu. Düster dagegen wirken die Collagen-Selbstbildnisse aus ihrer späteren Zeit in Kalifornien, wohin sie 1987 übersiedelte: Caland fühlte sich isoliert und fand wenig Anerkennung im Kollegenkreis. Persönliche Briefe zerriss sie und benutzte sie als Arbeitsmaterial. In den Folgejahren verknappte sich ihre Formensprache zusehends zu strengen Linienrhythmen.

 

Rückkehr nach Beirut

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Beirut and the Golden Sixties: A Manifesto of Fragility" – großartiger Epochenüberblick über den Libanon in den 1960er Jahren im Martin Gropius Bau, Berlin, mit Werken von Huguette Caland

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Fahrelnissa Zeid: Pionierin der Moderne" – große Retrospektive der türkisch-irakisch-jordanischen Künstlerin in der Deutsche Bank KunstHalle, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Common Grounds" – facettenreiche Gruppenschau mit zwölf zeitgenössischen Künstlern aus der islamischen Welt in der Villa Stuck, München.

 

Mit extrabreitem Pinsel „schrieb“ die Künstlerin Zeile um Zeile auf meterhohe Leinwände und nannte die unlesbaren Zeichen „Silent Letters“. So eröffnet die Ausstellung Raum für Raum neue Facetten und Schaffensphasen eines verblüffend vielschichtigen Werkes. Erst in ihren letzten Jahren, kehrte Huguette Caland nach Beirut zurück. Den Bürgerkrieg im Libanon hatte sie aus der Ferne verfolgt. Nun durchstreifte sie noch einmal durch ihre Heimatstadt, verarbeitete die Topographie die Straßen zu rasterartigen Mustern.

 

Und sie begann nach Jahren der schweigsamen, strengen Abstraktion wieder Geschichten in ihren Bildern zu erzählen. Wandfüllend groß sind die farbintensiven letzten Gemälde und wirken höchst dekorativ. Sie ähneln schimmernden Tapisserien, anknüpfend an die Stickereitradition ihrer Heimatregion. Die über 70-jährige Künstlerin färbte die Leinwände in ihrer Waschmaschine tiefblau oder rosenrot und bemalte sie gefaltet auf ihrem Schoß Stück für Stück mit winzigen Zeichen, die sie „Kreuzstich“ nannte.

 

Das große Blau

 

Eines der großformatigen Werke von 2012 heißt: „Le grand Bleu“. Es ist ein gewaltiges Meer aus mediterranem Blau, weder abstrakt noch figurativ, sondern beides. In Form von handschriftlichen, teils kryptischen Notaten ließ Caland Erinnerungen an ein ganzes Leben einfließen. Man kann sich verlieren in diesem Universum einer Künstlerin, deren Stimme die internationale Moderne bereichert und jetzt erst wieder vernehmbar wird.