
Es beginnt wie eines der schnörkellosen Sozialdramen der belgischen Regie-Brüder Jean-Luc und Pierre Dardenne: Kika (Manon Clavel) erscheint morgens an ihrem Arbeitsplatz im Sozialamt, drängt sich durch wartende Antragsteller, wimmelt den einen ab, sagt dem anderen Unterstützung zu, grüßt kurz ihre Kollegin und legt dann los. Klienten befragen, Formulare ausfüllen, Tipps geben oder vertrösten – Kika wirbelt nonstop, doch der Strom der Hilfesuchenden reißt nie ab.
Info
Madame Kika
Regie: Alexe Poukine,
110 Min., Belgien 2025;
mit: Manon Clavel, Suzanne Elbaz, Makita Samba, Thomas Coumans
Weitere Informationen zum Film
Wie Multikulti-Romcom der Brüder Dardenne
In einer Fahrrad-Werkstatt trifft sie auf den Schwarzen David (Makita Samba) – und verliebt sich sofort. Ihm geht es genauso, doch beide sind gebunden. Fürs erste Stelldichein weichen sie in ein plüschiges Stundenhotel aus. Alles ist perfekt, alles verläuft wie im Rausch. Kika wagt den Sprung: Sie trennt sich von Paul, der ihr bemerkenswert viel Verständnis entgegen bringt, und zieht mit David zusammen. Als hätten die Dardenne-Brüder zur Abwechslung eine Multikulti-Romcom gedreht.
Offizieller Filmtrailer
Debüt mit Slip-Verkauf für 100 Euro
Damit ist es nach einer halben Stunde plötzlich vorbei. David stirbt an einem Schlaganfall, und Kika steht vor einem Scherbenhaufen. Ihr Gehalt reicht nicht für Wohnungsmiete plus Lebenshaltungskosten, zudem ist sie schwanger; also muss sie mitsamt Tochter bei ihren Eltern unterkommen. Was trotz guten Willens bei allen Beteiligten nicht ganz einfach ist, wenn etwa Großvater eine Stunde lang erklärt, wie man eine Spülmaschine einräumt.
Ein Zweitjob als Fischverkäuferin bringt Kika außer Überlastung wenig ein. Da erinnert sie sich an eine Sozialamts-Klientin, die übers Internet gebrauchte Slips verkaufte – für 100 Euro. Beim ersten Versuch gerät sie an einen dickleibigen Unterwürfigen, der ihr das Doppelte bietet, wenn er beim Rollenspiel ihre Stiefel lecken darf. Von nun an kommt Kika im Rotlicht-Milieu rasch voran: als Domina, da sie sich nicht penetrieren lassen will.
Windel-Sex als Gefühls-Katalysator
Das nötige Know-how – wie frau ihr Online-Profil optimiert, ihr Studio einrichtet und sich unerwünschte Freier vom Halse hält – vermitteln ihr hilfsbereite Kolleginnen. Trotzdem verläuft ihr Berufseinstieg nicht ohne Patzer und brenzlige Situationen. Aber nach einiger Zeit stimmt Kika dem Befund der erfahrenen Rasha (Anaël Snoek) zu, die sie unter ihre Fittiche genommen hat: BDSM-Praktiken haben einiges mit Sozialarbeit gemeinsam, weil sie auf sehr individuelle Wünsche und Bedürfnisse der Kundschaft eingehen und diese befriedigen; dabei werden sie viel besser bezahlt.
Das wird deutlich, als Rasha und Kika einen vermögenden Kunden besuchen, dem nach Windel-Sex verlangt. Er möchte wie ein Kleinkind behandelt werden, weil es ihn daran erinnert, wie seine Mutter ihn einst umsorgte. Dass er in hemmungsloses Schluchzen ausbricht, befremdet Kika – bis Rasha ihr vor Augen hält, wie viel Mut es erfordere, sich als Erwachsener so verletzlich zu zeigen. Wenig später gestattet sich Kika, bislang stets kontrollierte Powerfrau, erstmals selbst einen Gefühlsausbruch – in einer kathartischen Szene der dritten Art.
Glänzende Protagonistin ohne aseptischen Look
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "La Maison – Haus der Lust" – einfühlsam-realistisches Dokudrama über Bordellbetrieb aus weiblicher Sicht von Anissa Bonnefont
und hier eine Besprechung des Films "Sexarbeiterin" – informative Doku von Sobo Swobodnik über den Alltag einer Prostituierten
und hier einen Beitrag über den Film "Violently Happy" – eindrucksvolle Doku über die SM-Tanz-Kommune "Schwelle 7" von Paola Calvo
und hier einen Bericht über den Film "Das bessere Leben – Elles" – über Studentinnen-Prostitution von Malgoska Szumowska mit Juliette Binoche.
Was nur dank der unübertrefflichen Präsenz von Manon Clavel in der Titelrolle gelingt. Ihr Minenspiel ist phänomenal; mit ein wenig Augenrollen und spöttischem Zucken der Mundwinkel erzählt sie mehr als andere in minutenlangen Monologen. Ihr Charisma macht auch glaubhaft, dass sie im Nu Kundschaft anzieht, ohne sich den glattgebügelten Schönheitsidealen der Branche zu unterwerfen: Sorgenfalten, Sommersprossen, Muttermale und Pickel dürfen bleiben, wo sie sind.
Respekt vor Klienten-Motiven
Wobei ihre Klienten ebenfalls naturbelassen auftreten und – mit einer Ausnahme – zurechnungsfähige Zeitgenossen sind. Auch bei ihnen verzichtet Regisseurin Poukine, sie als pathologisch zu dämonisieren. Jeder von ihnen hat seine eigenen Beweggründe, die Dienste einer Domina in Anspruch zu nehmen, und die werden respektiert. So klischeefrei sind Spielfilme über Prostitution selten.
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