Chris Pratt

Mercy

Eigentlich glauben die Polizistin Ana (Kali Reis) und ihr Partner Chris Raven (Chris Pratt) and die Vorzüge des neuen Systems. Foto: Justin Lubin, © 2025 Amazon Content Services LLC. All Rights Reserved.
(Kinostart: 22.1.) Dr. Kimble gegen die KI: Ein Angeklagter hat 90 Minuten Zeit, seine Unschuld an einem Mord zu beweisen. Die Richterin ist eine Künstliche Intelligenz, doch Regisseur Timur Bekmambetov verpasst jede Gelegenheit, aus der vielversprechenden Prämisse fesselndes Kino zu machen.

Kalifornien in der nahen Zukunft. Weil das Verbrechen außer Kontrolle geraten ist, führt die Regierung ein neues Justizsystem ein: Die Unschuldsvermutung ist Geschichte, als Richter und Geschworene fungiert nun eine künstliche Intelligenz. Die Angeklagten werden auf einen Stuhl gefesselt und bekommen 90 Minuten Zeit, sich zu verteidigen. Gelingt es ihnen nicht, ihre Schuldwahrscheinlichkeit unter einen bestimmten Prozentsatz zu reduzieren, fungiert der Stuhl auch gleich als Exekutionswerkzeug.

 

Info

 

Mercy

 

Regie: Timur Bekmambetov,

100 Min., USA 2025:

mit: Chris Pratt, Rebecca Ferguson, Michael C. Mahon, Kali Reis

 

Weitere Informationen zum Film

 

In genau dieser Situation erwacht der Polizist Chris Raven (Chris Pratt) mit einem schweren Kater und einem kapitalen Filmriss. Er hat nun eine Spielfilmlänge Zeit, zu beweisen, dass nicht er seine Frau (Annabelle Wallis) umgebracht hat, sondern …. ja, wer? Der Ermittler tappt dank Vollrausch komplett im Dunklen. Gut, dass die KI geduldig ist und den verstörten Angeklagten über seine Rechte aufklärt. Sie hat ein menschliches Antlitz (Rebecca Ferguson) und einen Namen (Maddox), verhält sich aber so indifferent, wie wir es von kostenlosen Großen Sprachmodellen aus dem Internet kennen.

 

Mitten im Geschehen

 

Es stellt sich heraus, dass nicht nur sie Zugriff auf sämtliche forensische Daten hat, die den im Eilverfahren auf die Beine gestellten Prozess betreffen. Auch Chris darf fairerweise im Internet stöbern, ob der allwissenden KI nicht etwas entgangen ist. Die Datenpakete und Filmschnipsel aus allen Überwachungskameras, bodycams und Mobiltelefonen der Stadt schwirren nun um seinen heißen Stuhl herum, und immer wenn es besonders spannend wird, befindet sich der Schemel dank holographischer Projektionen mitten im Geschehen.

Offizieller Filmtrailer


 

Die üblichen Verdächtigen

 

Das neue Rechtssystem hat also dafür gesorgt, dass Todeskandidaten vor ihrer Hinrichtung noch eine gute Show geboten bekommen. In Wahrheit geht dieses Gimmick natürlich an die Adresse des Kinopublikums, das den Sci-Fi-Streifen von Regisseur Timur Bekmambetov bei Bedarf auch in 3D anschauen kann. Der kasachische Regisseur sorgte vor gut 20 Jahren für Aufsehen mit dem Vampirfilm „Wächter der Nacht“. Diese effekthascherische Adaption eines Schauerromans war sein Ticket nach Hollywood

 

Dort dreht er seitdem mal recht originelle, mal ziemlich mittelmäßige Actionfilme. Auch in „Mercy“ zaubert er wieder allerhand Schauwerte aus dem Hut, auf dass die Leiden des an seinen Stuhl gefesselten Helden auch die Zuschauer an den Sessel fesseln. Vergebens. Nachdem per Telefonjoker mehrere Verdächtige vorgestellt und wieder aussortiert wurden, läuft das Ganze auf ein an den Haaren herbeigezogenes Rachekomplott hinaus und mündet in ein spektakuläres Finale in Downtown L.A.

 

KI als Clickbait

 

Damit die Freuden des 3D-Kinos maximal durchschlagen können, wurde die im Prinzip interessante Prämisse einem im Grunde kreuzkonventionellen Plot geopfert. Polizist Chris Raven ist in derselben Situation wie einst Harrison Ford als Dr. Kimble in „Auf der Flucht“ von Regisseur Andrew Davis (1993). Alle Beweise sprechen gegen ihn – nur kann er, anders als Dr. Kimble, nicht weglaufen. Chris Pratt tut sein Bestes, den Film mit leinwandfüllenden Großaufnahmen zu tragen, aber weder sein Charakter, noch eine der Nebenfiguren kommen einem dabei wirklich nahe.

 

Noch ärgerlicher ist die Rolle der KI in diesem Film, denn Richterin Maddox ist schlicht eine kompetente Datenverwalterin und entwickelt sich im Lauf der Handlung zu Ravens größter Unterstützerin. Wie KI und Big Data wirklich in der Kriminalistik eingesetzt werden, und welche Zukunft uns dadurch blüht, ist bereits Gegenstand erhellender Dokumentationen und natürlich ein fruchtbares Sujet für einen Science-Fiction-Film. Doch „Mercy“ nutzt das komplexe Reizthema eher als modisches Accessoire anstatt als Gedankenexperiment. 

 

Weit entfernt von großem Kino

 

Dementsprechend unterfordert wirkt Darstellerin Rebecca Ferguson, die hier praktisch zum Special Effect degradiert wird. So nachlässig ist der Film gegenüber seinem Thema, dass noch nicht einmal deutlich wird, ob das Drehbuch von Marco van Belle dem Phänomen KI eigentlich kritisch gegenüber steht oder nicht; schließlich ist doch am Ende alles in bester Ordnung! Zur Erinnerung: Die militärische Aufrüstung des Polizei- und Gefängnisapparates hat einige Höhepunkte des Sci-Fi-Kinos inspiriert.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Ben Hur" – gelungenes Remake des Historienfilm-Klassikers von Timur Bekmambetov

 

und hier einen Beitrag über den Film "Abraham Lincoln Vampirjäger" – Historien-Blutsauger-Mix von Timur Bekmambetov

 

und hier eine Rezension des Films "Missing" - Mystery-Desktop-Thriller von Will Merrick und Nicholas D. Johnson 

 

sowie hier eine Kritik des Films "Watching You - die Welt von Palantir und Alex Karp" - Dokumentation von Klaus Stern über die Überwachungssoftware Palantir

 

 

 

John Carpenters „Klapperschlange“ (1981) und Paul Verhoevens „Robocop“ (1987) wurden aber nicht wegen bahnbrechender Effekte und Verfolgungsjagden legendär, sondern wegen ihres bissigen Humors und ihrer inhärenten Verachtung für Autorität. Von dieser Liga ist „Mercy“ weit entfernt. Obwohl er so aussieht, als würde er sich furchtbar ernst nehmen, bleibt der Film, um ein prä-digitales Wort dafür zu benutzen: reiner Kintopp.

 

Experiment gelungen, Thema verfehlt

 

Das galt bereits für Bekmambetovs strukturell ähnlichen Film „War of the Worlds“ (2025). In dem benutzt ein Überwachungsspezialist der Homeland Security die ihm zur Verfügung stehende Technologie, um seine Kinder aus der Ferne durch eine Alien-Invasion zu geleiten. Die Mischung aus Katastrophenfilm und Desktop-Thriller geriet optisch und inhaltlich so flach, dass „Mercy“ nun wie ein Versuch anmutet, die Datenschnipsel-Ästhetik für den dreidimensionalen Raum aufzupeppen. Das mag mit Ach und Krach gelungen sein, doch was ihren moralischen Kompass betrifft, tendieren beide Filme auffallend in Richtung Law & Order. Flächendeckende Überwachung erscheint hier kaum als Dystopie, sondern als ziemlich gute Idee.  

 

Auch in der Reihe der klaustrophobischen Thriller, die in Telefon- und Todeszellen, am Steuer eines Autos oder gar in einem Sarg stattfinden, nimmt „Mercy“ keinen Spitzenplatz ein. Die Story schleppt sich lustlos von einer erprobten Wendung zur nächsten, bis einem das Schicksal der Figuren nach Ablauf der Frist komplett egal ist. Dem Plot-Potential eines Großen Sprachmodells mit allen seinen Macken, Gefahren und Verheißungen vermag das Drehbuch nicht mal ein paar gute Pointen zu entlocken; geschweige denn eine kohärente dramatische Gestalt.