
Kalifornien in der nahen Zukunft. Weil das Verbrechen außer Kontrolle geraten ist, führt die Regierung ein neues Justizsystem ein: Die Unschuldsvermutung ist Geschichte, als Richter und Geschworene fungiert nun eine künstliche Intelligenz. Die Angeklagten werden auf einen Stuhl gefesselt und bekommen 90 Minuten Zeit, sich zu verteidigen. Gelingt es ihnen nicht, ihre Schuldwahrscheinlichkeit unter einen bestimmten Prozentsatz zu reduzieren, fungiert der Stuhl auch gleich als Exekutionswerkzeug.
Info
Mercy
Regie: Timur Bekmambetov,
100 Min., USA 2025:
mit: Chris Pratt, Rebecca Ferguson, Michael C. Mahon, Kali Reis
Weitere Informationen zum Film
Mitten im Geschehen
Es stellt sich heraus, dass nicht nur sie Zugriff auf sämtliche forensische Daten hat, die den im Eilverfahren auf die Beine gestellten Prozess betreffen. Auch Chris darf fairerweise im Internet stöbern, ob der allwissenden KI nicht etwas entgangen ist. Die Datenpakete und Filmschnipsel aus allen Überwachungskameras, bodycams und Mobiltelefonen der Stadt schwirren nun um seinen heißen Stuhl herum, und immer wenn es besonders spannend wird, befindet sich der Schemel dank holographischer Projektionen mitten im Geschehen.
Offizieller Filmtrailer
Die üblichen Verdächtigen
Das neue Rechtssystem hat also dafür gesorgt, dass Todeskandidaten vor ihrer Hinrichtung noch eine gute Show geboten bekommen. In Wahrheit geht dieses Gimmick natürlich an die Adresse des Kinopublikums, das den Sci-Fi-Streifen von Regisseur Timur Bekmambetov bei Bedarf auch in 3D anschauen kann. Der kasachische Regisseur sorgte vor gut 20 Jahren für Aufsehen mit dem Vampirfilm „Wächter der Nacht“. Diese effekthascherische Adaption eines Schauerromans war sein Ticket nach Hollywood
Dort dreht er seitdem mal recht originelle, mal ziemlich mittelmäßige Actionfilme. Auch in „Mercy“ zaubert er wieder allerhand Schauwerte aus dem Hut, auf dass die Leiden des an seinen Stuhl gefesselten Helden auch die Zuschauer an den Sessel fesseln. Vergebens. Nachdem per Telefonjoker mehrere Verdächtige vorgestellt und wieder aussortiert wurden, läuft das Ganze auf ein an den Haaren herbeigezogenes Rachekomplott hinaus und mündet in ein spektakuläres Finale in Downtown L.A.
KI als Clickbait
Damit die Freuden des 3D-Kinos maximal durchschlagen können, wurde die im Prinzip interessante Prämisse einem im Grunde kreuzkonventionellen Plot geopfert. Polizist Chris Raven ist in derselben Situation wie einst Harrison Ford als Dr. Kimble in „Auf der Flucht“ von Regisseur Andrew Davis (1993). Alle Beweise sprechen gegen ihn – nur kann er, anders als Dr. Kimble, nicht weglaufen. Chris Pratt tut sein Bestes, den Film mit leinwandfüllenden Großaufnahmen zu tragen, aber weder sein Charakter, noch eine der Nebenfiguren kommen einem dabei wirklich nahe.
Noch ärgerlicher ist die Rolle der KI in diesem Film, denn Richterin Maddox ist schlicht eine kompetente Datenverwalterin und entwickelt sich im Lauf der Handlung zu Ravens größter Unterstützerin. Wie KI und Big Data wirklich in der Kriminalistik eingesetzt werden, und welche Zukunft uns dadurch blüht, ist bereits Gegenstand erhellender Dokumentationen und natürlich ein fruchtbares Sujet für einen Science-Fiction-Film. Doch „Mercy“ nutzt das komplexe Reizthema eher als modisches Accessoire anstatt als Gedankenexperiment.
Weit entfernt von großem Kino
Dementsprechend unterfordert wirkt Darstellerin Rebecca Ferguson, die hier praktisch zum Special Effect degradiert wird. So nachlässig ist der Film gegenüber seinem Thema, dass noch nicht einmal deutlich wird, ob das Drehbuch von Marco van Belle dem Phänomen KI eigentlich kritisch gegenüber steht oder nicht; schließlich ist doch am Ende alles in bester Ordnung! Zur Erinnerung: Die militärische Aufrüstung des Polizei- und Gefängnisapparates hat einige Höhepunkte des Sci-Fi-Kinos inspiriert.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Ben Hur" – gelungenes Remake des Historienfilm-Klassikers von Timur Bekmambetov
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sowie hier eine Kritik des Films "Watching You - die Welt von Palantir und Alex Karp" - Dokumentation von Klaus Stern über die Überwachungssoftware Palantir
Experiment gelungen, Thema verfehlt
Das galt bereits für Bekmambetovs strukturell ähnlichen Film „War of the Worlds“ (2025). In dem benutzt ein Überwachungsspezialist der Homeland Security die ihm zur Verfügung stehende Technologie, um seine Kinder aus der Ferne durch eine Alien-Invasion zu geleiten. Die Mischung aus Katastrophenfilm und Desktop-Thriller geriet optisch und inhaltlich so flach, dass „Mercy“ nun wie ein Versuch anmutet, die Datenschnipsel-Ästhetik für den dreidimensionalen Raum aufzupeppen. Das mag mit Ach und Krach gelungen sein, doch was ihren moralischen Kompass betrifft, tendieren beide Filme auffallend in Richtung Law & Order. Flächendeckende Überwachung erscheint hier kaum als Dystopie, sondern als ziemlich gute Idee.
Auch in der Reihe der klaustrophobischen Thriller, die in Telefon- und Todeszellen, am Steuer eines Autos oder gar in einem Sarg stattfinden, nimmt „Mercy“ keinen Spitzenplatz ein. Die Story schleppt sich lustlos von einer erprobten Wendung zur nächsten, bis einem das Schicksal der Figuren nach Ablauf der Frist komplett egal ist. Dem Plot-Potential eines Großen Sprachmodells mit allen seinen Macken, Gefahren und Verheißungen vermag das Drehbuch nicht mal ein paar gute Pointen zu entlocken; geschweige denn eine kohärente dramatische Gestalt.
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